Sie nahmen beinahe ihre Beine in die Hand, bogen rechts ab, überquerten den Römerweg des Gartens und waren binnen Sekunden mittels der Bank über den Zaun in vermeintliche Sicherheit gesprungen. Nun befanden sie sich in der Einbahnstraße, welche zwei Hunde als Familien-Hüter besaß, weshalb die beiden ihr Tempo sofort drosselten und entspannt über die Pflastersteine zu ihrem Transportwagen liefen, welcher 345 Meter entfernt einsatzbereit stand. Auf dem Weg dorthin schwiegen sie sich kurz an und erzählten dann von Besorgungen, die sie noch machen mussten, von Bekannten, denen sie noch etwas zu Weihnachten kaufen wollten. Sie hätten nun auch endlich eine Idee, was sie Alex und Lorena, ein junges Paar, das erst vor einigen Wochen in die Straße gezogen war, schenken konnten. So gelangten sie recht schnell bei einem silbernen VW Golf an, auf dessen Rückbank sie sich setzten und warteten. Die Wartezeit verkürzten sie sich dadurch, dass sie das Radio anschalteten und darauf lauschten, ob es irgendwelche Eilmeldungen gab, was jedoch nicht der Fall war, weshalb sie den Ton herunter schraubten und gelangweilt aus dem Fenster schauten. Gerade, als die Nachrichten eingeläutet wurden, öffnete sich die Fahrertür und ein unscheinbarer, schlanker Mann mittleren Alters stieg ein, wuselte an seinem Rucksack herum, bis der Moderator fertig mit berichten war, und fing dann an, ausschweifend von seinem Spaziergang zu erzählen. Auf dem Weg holten sie dann noch den vierten im Bunde ab, der für alle recht nah am Ortseingang in einem kleinen Lädchen Brötchen geholt und sich mit der dortigen Bäckerin verquatscht hatte. Gut gelaunt hatte sie gemeint, welch eine Erleichterung es doch war, dass mittlerweile immer mehr alte Leute auf freiwilliger Basis mit im Laden halfen, da sie doch so unterbesetzt waren. Dann gab sie noch ein wenig Vorstadttratsch weiter, bis sie von der nächsten Kundin unterbrochen wurde. Während all das erzählt wurde, tippte der eine lustlos auf seinem Handy herum und beachtete die anderen scheinbar nicht, bis sie eine kleine Auffahrt hoch fuhren und er mit seinem Handy den Öffnungsmechanismus für die Garage aktivieren musste. 

Alle Beifahrer stiegen aus und machten sich schon einmal auf den Weg zu der Studentenwohnung, welche sie zusammen mit einem weiteren Genossen bewohnten. Sie waren aus dem Studentenalter zwar ein wenig herausgewachsen, doch das fiel überhaupt nicht auf. Sie waren in der Blüte ihres Lebens, trieben viel Sport, kamen und gingen zu unterschiedlichsten Zeiten und waren doch im Großen und Ganzen ruhig genug, um nicht negativ aufzufallen – vielleicht hatten sie ein-, zweimal die Musik zu laut aufgedreht, doch ansonsten konnten sich weder Vermieter noch andere Mieter im Block über sie beschweren; immerhin gehörten sie noch zu den Wenigen, die höflich im Treppenhaus grüßten. Während sie die Treppenstufen zum fünften Stock erklommen, erzählte der Größte von ihnen, dass er die Geschenkbestellung, die von einem Einzelhändler nur auf Nachfrage ausgeführt wird, nun bestellt habe und er nur noch auf die Bestätigung und die Bestellrechnung wartete.

„Hast du auch nochmal nach der Mitgliedschaft gefragt? Es geht ja um Zusatzmaterialien und Vergünstigungen am Ende. Das wäre schon nicht schlecht für uns, so oft wie wir da unterwegs sind.“, kam es von Joel. „Klar, habe ich gemacht. Jetzt warte ich nur noch auf die Antwort.“, antwortete Lorentz, der unbewusst seine Schultern rotieren und einmal knacken ließ, ehe er seinen leicht überladenen Wohnungsschlüssel zückte. „Kommt zwar immer drauf an, wie viel los ist, aber normalerweise kann immer jemand antworten.“ Im Flur angelangt, begannen sie ihre Stiefel auszuziehen. Von dort aus gingen sie erst einmal ins Bad, um ihre Jacken in die Waschmaschine zu räumen; es war dringend Zeit. Während Michael die Maschine anstellte, gingen die anderen beiden ins Wohnzimmer, setzten sich mit gestreckten Rücken und verschränkten Händen auf die Couch und überlegten, wer zum Henker die Person gewesen war, die sie so rüde bei ihrer Arbeit unterbrochen hatte.

Bereits wenige Minuten später vibrierte dann auf einmal Lorentz´ Handy, weil die Rückmeldung in seinem Mailfach eingegangen war. Mit flinken Bewegungen entsperrte er sein Display und las die Nachricht mit kratzender Stimme laut vor: Sehr geehrter Herr Selver, wir bedauern es, ihnen mitzuteilen, dass wir einer Mitgliedschaft im Moment eher abgeneigt gegenüberstehen. Diese gebührt nur den exklusivsten unserer Kunden, zu denen sie anscheinend noch nicht zählen. Dafür liegen uns zu wenige Aufträge vor. Wir kümmern uns vorerst um wichtigeres Klientel, ehe wir wieder auf Sie zurückkommen. Zahlen Sie Ihre Rechnung zeitig genug ab und wir werden sehen, was sich machen lässt.“

Mit steinerner Miene schaltete er seinen Bildschirm aus. Seine Vermutung, die sich bereits wie ein Eisklumpen im Magen während der Fahrt auf der Autobahn manifestiert hatte, wuchs an – sie hatten ihren Auftrag nur gerade so nicht gegen die Wand gefahren und so vorerst die Chance verwirkt, in die lukrativeren Kreise aufzusteigen. Er ballte die Fäuste. Von nun an war absolute Perfektion angesagt, kein Schritt durfte ungeplant gesetzt werden. Sein Gesicht lief rot an. Eigentlich war auch alles gut und narrensicher durchdacht sowie getaktet gewesen, hätte Ihnen der Fremde nicht in letzter Sekunde einen Schnitt durch die Rechnung gemacht! Das würde er nicht auf sich sitzen lassen können.


Comments powered by CComment