Gespannt lauschte Anna und war begierig darauf zu erfahren, wem er begegnet war. „Lorentz.“, sagte Stellan. „Lorentz? Wer soll das sein? Ich kenne keinen Lorentz!“ „Nur Geduld, dazu komme ich gleich noch. Ich traf Lorentz in einer kleinen Kneipe. Er saß am Tresen, trank sein Bier und unterhielt sich gelegentlich mit dem Barkeeper. Ich hatte zu Abend gegessen, bezahlt und wollte, bevor ich gehe, noch ein Bier an der Bar trinken und nach einem einsamen Tag ein paar Worte mit jemandem reden. Also ging ich vor und fragte Lorentz, ob neben ihm noch Platz wäre. „Klar doch. Setz dich!“

Also setzte ich mich zu Lorentz, bestellte für uns beide ein Bier und fragte ihn, ob er hier in der Stadt lebt. Wie sich herausstellte, war er nicht von dort sondern ebenfalls von hier. Wir fanden es damals beide lustig, dass wir uns in unserer Heimatstadt nie getroffen hatten, dort aber schon.“ Anna sah Stellan verständnislos an. Bis jetzt konnte sie die Wichtigkeit der Nachricht nicht erkennen. Nahm er sie vielleicht auf den Arm?

„Lorentz war damals ebenfalls auf Geschäftsreise“, erzählte Stellan mit seiner warmen, weichen Stimme weiter. „Aber schon am nächsten Tag wollte er wieder zurück und so ergab sich keine Möglichkeit mehr, ihn nochmal zu treffen. Ich selber musste noch ein paar Tage bleiben und habe ihn nicht nach seiner Telefonnumer gefragt. Damals erschien mir noch nicht wichtig, was er mir an jenem Abend erzählte.“ Anna hatte immer noch keine Idee, worauf die Geschichte hinauslaufen konnte. Zumindest aber hatte sie jetzt einen Hinweis, dass sie noch wichtig werden würde.

„Nach dem zweiten gemeinsamen Bier erzählte Lorentz von seiner Familie, oder vielmehr von seiner Mutter. Seinen Vater kannte er nicht. Seine Mutter hieß Sabine und hatte ihn allein groß gezogen.“ Ein tiefer Blick in Anna‘s Augen ließ ihn eine leise Traurigkeit sehen. Anna, die bei seinen Worten einen leichten Stich gespürt hatte, versuchte, ihre Gefühle nicht nach außen dringen zu lassen. Sabine! Ja, sie hatte auch eine Sabine gehabt. Viele, viele Jahre ist das nun schon her. Ihr kleines Mädchen war irgendwann groß geworden. Ihre Gedanken schweiften ab, zurück in eine Zeit, in der ihre Tochter noch zu Hause war und ihr Mann noch lebte. Erzählte der Einbrecher eigentlich noch? Es war ihr egal. Zu gefangen war sie von den Gefühlen, die diese Gedanken in ihr heraufbeschworen hatten.

Damals hatten sie ein gutes Leben geführt. Erwin, Sabine und sie – in ihrem kleinen Häuschen und mit vielen Freunden. Sabine war so ein lebenslustiges, freundliches, kleines Mädchen gewesen. Wann war eigentlich ihre innige Beziehung zerbrochen? Vor vielen Jahren, Sabine war gerade 18 Jahre alt, hatte sie das Elternhaus verlassen. In den folgenden Wochen war sie zunächst regelmäßig, dann aber immer seltener nach Hause gekommen und es hatte immer öfter Streit wegen ihrem Freund gegeben. Wie hieß er doch gleich? Martin? Michael? Matthias? Ja, Matthias. So war sein Name. Nie kam er zu den Besuchen mit, hatte Sabine aber immer neue Flausen in den Kopf gesetzt. Erwin und Anna taten bei Sabines Besuchen ihr Möglichstes, ihr den Unfug wieder auszureden, den ihr Matthias eingeredet hatte. Aber sie waren immer seltener erfolgreich und je mehr sie auf Sabine einredeten, um so mehr zog sich ihre Tochter zurück, bis sie irgendwann gar nicht mehr kam.

Erwin und Anna hatten versucht, sie in ihrer Studentenbude zu besuchen. Aber als sie dort waren, mussten sie erfahren, dass Sabine dort nicht mehr wohnte. Einer ihrer Kommilitonen erinnerte sich, dass sie zu ihrem Freund gezogen sei, kurz bevor sie das Studium geschmissen hatte. Erwin und Anna waren damals am Boden zerstört. Ihr einziges Kind war für sie nicht mehr auffindbar und es hatte seinen erfolgversprechenden Lebensweg verlassen um wer weiß was zu tun. Monate und Jahre gingen ins Land, in denen sich die beiden Eltern grämten und Sabine sich weiterhin nicht blicken ließ. Irgendwann hatten die Trauer und die Verzweiflung Erwin aufgefressen und zurückgeblieben war Anna – einsamer als je zuvor in ihrem Leben und ohne einen einzigen Funken Hoffnung.

„Frau Sola?“ Erschrocken zuckte Anna zusammen. Da war ja noch der Einbrecher. Sie war so in Gedanken versunken gewesen, dass sie ihn völlig vergessen hatte. Inständig hoffte sie, dass er nicht die Traurigkeit und den Schmerz auf ihrem Gesicht gesehen hatte. Aber Stellan sprach schon weiter.
„Lorentz hatte gemeinsam mit seiner Mutter mal hier und mal dort gewohnt. Wo immer seine Mutter gerade einen Job hatte und er hatte oft die Schule gewechselt. Sein Leben war recht unstet gewesen. Aber der Liebe seiner Mutter war er immer sicher gewesen und so ließ sich fast alles ertragen. Nach der Schule hatte er eine Ausbildung als Schreiner begonnen und sah seine Mutter nur noch an den Wochenenden. Mit seinem ersten Job wurde es, 500 km entfernt, noch schwieriger, seine Mutter zu sehen.

„Warum erzählen Sie mir das alles?“ Nachdem Stellan sie wieder in die Wirklichkeit zurück geholt hatte, wollte Anna nur noch mit ihren Gedanken und Erinnerungen alleine sein. Der Einbrecher mit seiner blöden Geschichte, die sie nicht im Mindesten interessierte, ging ihr gehörig auf die Nerven und sie wollte ihn nur noch los werden. Stellan, der ihre Ungeduld und Zurückweisung spürte, sagte leise, so als wollte er sich rechtfertigen: „Weil der Mädchenname seiner Mutter Sola war.“


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