Fast könnte man meinen, dass sein Handwerk bereits etwas langweilig wird, dachte er sich, als die Matratze mit einem befriedigendem Schmatzer auf den Lattenrost fiel und somit das dort verborgene Geld unter sich begrub. Den meisten fielen keine kreativeren Versteckmöglichkeiten ein. Zugegebenermaßen hatte sie zumindest nichts im Kühlschrank, im Kleiderschrank oder im WC-Spülkasten versteckt, doch darach scheiterte der Verstand von einem Großteil. Ihrer schien wohl auch nicht ganz mitgezogen zu haben… Bedauerlich… Schon alleine die Tatsache, dass sie sich in ihrem Alter und dazu noch allein lebend kein Sicherheitssystem zugelegt hat, zeugte von äußerst grober Fahrlässigkeit. Natürlich hätte er auch Milde walten lassen können, vor allem in Anbetracht dessen, dass eine Unmenge an Rentnern gerade so genügend Rente erhielt, um ihr Leben zu bestreiten. Manche dieser armen Teufel waren dann zwar länger und öfter auf der Straße unterwegs, um Plastikflaschen aus Mülleimern zu farmen, was ihm das Einbrechen ziemlich erleichtert, aber in ebenso hohen Maße nicht lohnenswert gemacht hätte. Bei ihr sah die Sache zumindest anders aus. Natürlich sah der Sessel etwas schäbig aus, doch er tat ihn schnell als nostalgischen Unsinn ab – ihre frische Küchengarnitur interessierte ihn da schon mehr. Sie schrie nicht danach, als dass jeder Penny einzeln hatte umgedreht werden müssen. Sein Eindruck wurde noch dadurch bekräftigt, als er den aufgebrochenen Brief am Essenstisch fand. Da schien es jemandem wahrlich fast schon zu gut zu gehen. Und das, obwohl sie lediglich Inhaberin eines Buchladens gewesen war und ihr Gatte ausschließlich lektoriert, vielleicht ein, zwei Bücher veröffentlicht hatte! Nun, er würde sich nicht beklagen – das konnte er im Handumdrehen ändern.

Er schaute flink auf die Uhr – es waren bereits zehn Minuten vergangen, seitdem sie aus der Haustür geflitzt war. Dementsprechend hatten sie noch genügend Zeit, schließlich lag der nächste Tierarzt etwa eine viertel Stunde von hier entfernt. Er holte sein Walkie Talkie „Trude“ aus der Tasche und fragte hinein, ob die Operation wie geplant laufe. „Positiv. Regulierungsmechanismen gelockert. Permanentes Spülen eingeleitet.“ Zufrieden packte er Trude wieder weg und schaute in dem Stapel aus Zeitungen nach, ob ihre selbst kreierte Werbeanzeige noch immer dort begraben lag. Im Notfall hatte er jedoch nochmals eine im Postfach hinterlegt. So würden sie mit etwas Glück bald einen Anruf erhalten – sie schien ihm nicht die technik-affinste Person zu sein, weshalb sie doch hoffentlich zu dem Greifen würde, was am nächsten wäre.

Jetzt fehlte nur noch das Versteck für die Schmucksachen, welches sich in der Regel nicht so gut verstecken ließ wie ein Bündel an Geld. Er schaute sich einmal im Raum um und begab sich dann zum Küchenschrank – nichts. Das traf ebenso für die Kommode wie auch für den Badezimmerspiegel zu. Also doch eine Herausforderung, dachte er sich händereibend. So begann er, Bodendielen und Schrankwände abzuklopfen, den Staubsauger zu öffnen, Taschen zu durchwühlen und im allgemeinen allerlei Tupperdosen zu durchsuchen – ohne Erfolg. Stirnrunzelnd schaute er sich um, wobei sein Blick an den Bücherregalen hängen blieb. Vielleicht war etwas im Buchgehäuse verborgen? So begann er Buch um Buch herauszuziehen und wieder zurückzulegen. Das ging vielleicht fünfzig Bücher, so lange bis er auf einmal einen Band aufschlug und daraus ein silbernes Armband mit klitzekleinen roten Rubinen heraus fiel, welches förmlich zu strahlen schien und den Beobachter in seinen Bann zog. Ein Familienerbstück ohne Zweifel – und was für eines!

Erregt kramte er Trude aus der Tasche und stieß durch zusammengebissen Zähne hinein: „Komm ins Wohnzimmer, das musst du dir ansehen.“ Kurz darauf kam Joel hinein und stieß einen leisen Pfiff aus, als er das Prachtstück sah. „Wir müssen es mitnehmen.“ Lorentz war fast geneigt, der Aussage zuzustimmen. Eigentlich hatten sie ihren Plan nur vorbereiten und die Lage observieren wollen, doch so etwas findet man nicht alle Tage. Und wer weiß, wann sie überhaupt das nächste Mal danach schaute. Es würde ihren Plan womöglich nicht gefährden. Leise im Für und Wider diskutierend, bemerkten sie im ersten Moment gar nicht die zögerlichen Schritte im Flur, welche durch die geschlossene Tür abgedämpft wurden. „Hallo, ist jemand Zuhause?“, rief eine geschmeidige Stimme. Daraufhin schauten sich Lorentz und Joel gehetzt an, wiesen Richtung Gartentür und waren just in dem Moment verschwunden, als der Fremde das Wohnzimmer betrat.


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