Sie entsann sich einer Zeit, als sie stets bereits vor Dämmerung mit einer Kaffeetasse in der Hand leise durchs Haus tippelte, um alle Lichterketten zum Strahlen zu bringen und daraufhin in deren Glanz das Frühstück zuzubereiten. Im Nachhinein betrachtet scheint ihr dieses Leben unfassbar fern von der Realität zu sein, zu idyllisch, zu perfekt. Am liebsten hätte sie jede Sekunde zwischen Buchseiten eingefangen, die Zeit daran festgehalten, um diese Erinnerungen nie wieder loszulassen. Selbst wenn es nur Kleinigkeiten waren, schienen sie ihr nun umso kostbarer. Ihr gemeinsames Frühstücksmahl, welches zur Adventszeit häufig aus Porridge mit Zimt und eingefrorenen Pflaumen bestand – selten auch mal nur eine halbe Portion an Pflaumen, da er manche Nacht noch einmal aufgestanden war und den Tiefkühlschrank geplündert hatte.

Am nächsten Morgen entschuldigte er sich dann stets, doch sie seien so süß und so kalt gewesen, weshalb er nicht widerstehen konnte. Sie tadelte ihn daraufhin immer spielerisch und knuffte ihn in die Seite, ehe sie beiden noch eine Tasse Kaffee einschenkte und er begann, sich mit ihr über die neuesten Seiten des Buches auszutauschen, welches er lektorierte. Wenn sie sich stattdessen nun ihre Scheibe Toast mitsamt Joghurt anschaute, welche Tag für Tag vor ihr standen, und die leisen Nachrichten im Hintergrund anhörte, schien ihr das Leben umso trister. Natürlich könnte sie alles wie früher herrichten, aber es würde ihr so erscheinen, als hätten die Traditionen und Ziele ihre Seele verloren, sodass nur eine leere Hülle zurückblieb, ein Schatten ihrer selbst. Das Gefühl könnte sie nur schwer ertragen. Doch Anna wollte sich nicht erneut solch müßigen Gedanken hingeben, denn es würde sie nicht weiterbringen. Nicht sie und auch sonst niemanden. Sie wollte nicht in der Vergangenheit stecken bleiben, zwischen einer Galerie aus Erinnerungen, Illusionen und Träumen. Sie musste im Hier und Jetzt leben, die Zügel in die Hand nehmen, um nicht im Strom unterzugehen. Entweder sie fällte die Entscheidung oder das Leben würde dies tun – und das nicht zu ihren Gunsten, da war sie sich sicher.

Um sich auf andere Gedanken zu bringen, stand sie deshalb auf und schaute, ob die Zeitung bereits eingetroffen war. Im Bademantel eingekuschelt blickte sie durch ihren Türspion, bevor sie mit ihren Puschen über die Türschwelle trat und das Brieffach lehrte, in dem ein einsamer Brief steckte. Er war von der Bank, mal wieder. Seufzend schlitzte sie den Umschlag auf und begann die Zeilen zu lesen. Anscheinend hatte sie zu viel Geld auf ihrem Konto, weshalb nun Minuszinsen erhoben wurden. Obwohl sie sich das leisten konnte, sträubte es sie nach all den Jahren harter Arbeit, etwas herzugeben. Da sie bei aller Liebe nicht wusste, was sie sich bitteschön noch zulegen sollte, überlegte sie, ein zweites Konto einzurichten. Oder sie könnte ihre Spendenbeiträge erhöhen. Ehe sie jedoch weiter darüber nachdenken konnte, erklang ein jämmerlicher Schrei.

Im ersten Moment glaubte sie, im Radio hätte jemand nicht den Ton getroffen oder vor Entrüstung aufgeschrien, weil er eines der Gewinnspiele verloren hatte – sie musste gestehen, dass sie nicht wirklich zuhörte – doch als sie die ernste Stimme des Moderators vernahm, wurde ihr klar, dass der Schrei aus ihrem Garten erklang. Sie musste ihr halbes Grundstück durchqueren, ehe sie den Ursprung des Klagerufs fand – es war ein schwarzer Kater, dessen Hinterlauf kontinuierlich anschwoll. Als sie näher kam, fauchte dieser nur und versuchte, sich zurückzuziehen, doch seine Beine geboten ihm schnell Einhalt. Sie hatte zwar keine Ahnung von Tieren, doch gesund sah das nicht aus. So flitzte sie zurück ins Haus und holte nach rascher Überlegung ihren Picknickkorb mit Deckel, in welchen sie prompt den wütenden Kater steckte. Umgehend zog sie sich Schuhe und Mantel an und war wenige Minuten später bereits ein Teil des frühmorgendlichen Verkehrsgetümmels. An der zweiten roten Ampel angelangt, überkam sie dann auf einmal eine ungute Vorahnung. Sie konnte nicht festmachen, woher diese kam oder welchen Umstand sie betraf, dennoch drückte sie den Rest der Fahrt auf ihren Magen. Sie sollte eindeutig mehr aus ihren vier Wänden kommen, sonst würde sie eines Tages ja noch paranoid werden! Erst die Stimmen und dann so etwas. Das konnten ihre Nerven wahrlich nicht gebrauchen.

Nachdem sie sich zweimal verfahren hatte, kam sie mit einem Aufseufzer vor der kleinen Tierarztpraxis an. So musste sie sich nur noch in der Warteschlange einreihen, ihren Problemfall vorbringen und sich in den Warteraum setzen. Für so wenig Raum und Personal war die Praxis erstaunlich voll und so wartete sie eine halbe Ewigkeit, in der sie mal nach dem Kater schaute und ansonsten verträumt durch die Gegend starrte. Erst, als sie in das Behandlungszimmer gerufen wurde und der Arzt ihr mitteilte, dass sich der kleine Kerl das Becken gebrochen hatte, erwachte ihr Geist wieder zum Leben. Es würde kein Weg daran vorbeiführen, eine Operation durchzuführen – und das würde Unkosten verursachen. Solange es ihm wieder gut gehen würde, war ihr das nur recht. Das Einzige, was sie störte, war der Umstand, dass sie ihn danach mit nach Hause nehmen muss. In der Praxis waren alle Plätze belegt, das Tierheim konnte sich nicht kümmern und auf die Straße konnte er, weiß der Geier, auch nicht. Sie hatte sich zwar immer eine Katze gewünscht, doch dieser Traum hatte sich schon lange ausgelebt. Sie war einfach zu alt. So gab sie ihre Daten nur ungern heraus.

Der Eindruck verstärkte sich noch, als sie das Gespräch vom Schalter nebenan vernahm. „Guten Morgen, Dolores. Wie geht es ihnen heute? Sind die anderen denn Wohlauf?“ Und dann begann die tattrige, eingesunkene Frau von den Problemen ihrer Katzen zu sprechen, wie schlecht es doch ihren Schätzchen gehe – anscheinend hatte die wackere Frau an die sieben Stück. Und obwohl sie es nicht denken wollte, schoss ihr durch den Kopf, dass sie nicht so enden wollen würde, gefangen mit zu vielen Katzen in dieser kleinen Welt namens Alleinsein. Doch dann wurde ihr erneut klar, dass sie schon längst darin gefangen war – nur mit Gedanken statt Katzen. Die Katzenlady tat immerhin diesen Tieren etwas Gutes, aber was tat sie selbst? Sie wünschte allen eine frohe Adventszeit und begab sich gemächlich auf den Weg nach Hause. Dabei begann erneut ihr Bauch zu schmerzen und ihr Gemüt sich zu verdüstern. Das schob sie jedoch darauf, dass sie soeben einen schwer verwundeten Kater gefunden hatte und – weit weniger dramatisch – nur ein lappiger Toast auf sie wartete. So fuhr sie resigniert in ihre Einfahrt hinein und begab sich zum Eingang, den sie schnell durchquerte, ehe ihr auffiel, dass dieser einen Spalt offen stand.


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