Anna saß in ihrem alten Ohrensessel. An den Kanten war der ehemals grüne Bezugsstoff, der nun zu einem fadenscheinigen blassgrünem Etwas zerfallen war, ganz dünn und das Unterfutter trat an einigen Stellen hervor. Aber Anne liebte ihren alten Sessel. Wie viele Jahre hatten sie gemeinsam im Wohnzimmer am Fenster mit Blick auf die viel befahrene Straße verbracht. Anna konnte sie kaum noch zählen. Damals hatte Erwin noch gelebt. Er hatte ihn, mit einer roten Schleife an der Lehne bestückt, zu Weihnachten in das Wohnzimmer und in ihr Leben geschoben und beim Anblick ihrer immer größer werdenden Augen gelacht. "Der soll dich begleiten. Er soll dir an Sonnentagen einen Platz zum Verweilen und Träumen bieten und dich beschützen in Zeiten von Kummer und Not." Ja, Anna hatte seine Worte noch immer im Ohr. Und wenn noch weitere 30 Jahre vergehen sollten - daran würde sie sich immer erinnern!

Lange war es her, dass Anna und Erwin das letzte Weihnachten gemeinsam verbracht hatten. Fast zehn Jahre war es nun her, das Erwin Anna verlassen musste. Ja, verlassen musste! Sein Wunsch war es nicht gewesen und ihrer noch viel weniger! Lange hatten sie in jener letzten Nacht miteinander gesprochen, bis Erwin erschöpft einschlief und nicht mehr erwachte. "Anna, geliebte Anna! Versprich mir, nicht aufzugeben! Ich werde dich zukünftig nicht mehr beschützen können. Aber ich weiß, du bist stark. Viel stärker als jeder Mensch, den ich kenne. Es hat seinen Grund, dass ich nie vom Weg abgekommen bin und immer ein gutes Leben hatte. Du bist der Grund und nun möchte ich, dass ICH der Grund bin, dass DU deinen Weg weiter gehst! Ich erwarte nichts von dir - außer, dass du das Glück wieder in dein Leben lässt! Ob du das allein oder in Gesellschaft bewerkstelligst, ist mir gleich. Sei glücklich, bis wir uns wiedersehen! Ich warte auf dich und werde dich zu gegebener Zeit finden!"

Eine Träne benetzte ihre Wangen in Erinnerung an Erwin. Ja, glücklich war sie mit ihm gewesen und nun, nach der langen Zeit allein, hatte sie zumindest Zufriedenheit gefunden. Nein, Glück noch nicht. Auch wenn sie es Erwin damals versprach. Aber sie würde unermüdlich daran arbeiten.

Nicht immer war das Leben einfach zu meistern. Ihre kleine Rente und Witwenrente reichten manches Mal nicht, um ihre Wünsche zu erfüllen. Sie wollte helfen – hungernden Kindern in Afrika, Kriesversehrten aus dem nahen Osten und dem Bettler, der zwei Straßen weiter jeden Morgen ihren Weg beim Spaziergang kreuzte. Kein Mensch hatte es verdient, hungern oder frieren, vor Krieg oder Verfolgung fliehen zu müssen. Anna hatte immer alles mit Erwin besprochen und sich stets einen guten Rat bei ihm geholt. Aber das war nun schon lange vorbei und so musste sie sich auf ihre eigene Intuition verlassen, ihrem eigenen Bauchgefühl folgen. Das fiel ihr anfangs sehr schwer, wurde jedoch mit jedem Tag besser. Ausgelernt allerdings hatte sie noch lange nicht. Und da waren ja auch noch die Ratschläge und Hinweise, die sie regelmäßig in der Weihnachtszeit bekam. Jedes Jahr aufs Neue war sie überrascht, dass sie den einen oder anderen Stups bekam und manchmal sogar ganz klare Worte in ihrem Kopf vernehmen konnte. War sie anders, als andere Frauen? Hatte die Trauer um ihren Mann sie übermannt? Wie kam es, dass sie von Zeit zu Zeit - gefragt oder ungefragt - Ratschläge für bestimmte Situationen bekam? Wie kam es, dass sie bestimmte Situationen im Voraus erahnen konnte?

Anna schüttelte ihren Kopf, um all die Gedanken los zu werden, die sie die letzten Stunden gewälzt hatte. Auf manche Fragen gab es eben keine Antworten und damit musste sie sich abfinden!

 

 

Weihnachten! Die schönste Zeit des Jahres!

...

Still lächelte Lorentz in sich hinein. Durch die Maske in seinem Gesicht konnten seine Kumpane nicht sehen, was sich in seinem Gesicht widerspiegelte.

Aber es hätte auch keine Rolle gespielt. Alle dachten sie das Gleiche. Weihnachten! Die schönste Zeit des Jahres! Tausend und eine Idee, wie man alten, einsamen Menschen das Geld aus der Tasche ziehen oder sie übertölpeln konnte, schwirrten Lorentz durch den Kopf. Eine besser als die Andere! Diese Weihnachten würden seine werden. Seine und die seiner Kumpane.


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