Die Dunkelheit war längst über den Himmel gekrochen, nur durchbrochen vom Funkeln der Sterne, die einem dank des nahezu wolkenfreien Himmels entgegen lächelten. Die Weihnachtsstadt war hell erleuchtet und spiegelte sich in den frisch gewienerten Kufen des Schlittens, vor welchem bereits die begeisterten und unruhig wartenden Rentiere gespannt waren. Unruhig scharrten sie mit ihren Hufen und hofften darauf, dass die Prozession an Elfen endlich mit dem Weihnachtssack auftauchen würde, damit sie sich gen Himmel erheben konnten. Glücklicherweise sammelten sich bereits die ersten Elfen vor den Toren, eine breite Gasse bildend und freudig erregt. Bis zur allerletzten Sekunde haben sie hart geschuftet, um alle Geschenke fertig zu bekommen, weshalb sie nun vollkommen erschöpft waren. Doch es durchströmte sie unbändige Freude und Glückseligkeit, als die 24 Elfen mit dem riesigen Weihnachtssack auf den Schultern die Pforte überschritten und gemessenen Schrittes auf den Schlitten zuliefen. Ihnen folgte der Weihnachtsmann auf den Fuß. Und mit ihm der unsichere Nikolaus, welcher sich stets einen Fuß hinter ihm hielt.

 

Die Weihnachtselfen wuchteten den Sack auf den Rücksitz, während der Weihnachtsmann kurz vorher stehen blieb und sich zu seinen fleißigen Arbeitern, Vertrauten und Freunden umdrehte, um seine Ansprache zu halten. „Meine lieben Freunde, dieses Jahr wart ihr mir, wie seit Anbeginn unserer gemeinsamen Zeit, abermals eine große Stütze – ich kann euch nicht genug danken. Ohne euch würde Weihnachten in der Form, wie wir es kennen, nicht stattfinden. Ohne euch würde etwas Elementares fehlen. Ihr seid meine Kämpfer für die Liebe und Einigkeit; ich bin lediglich euer Bote, der jedes Jahr aufs neue dankbar ist für die gemeinsame Mission, welche wir voller Eifer und Eintracht verfolgen. Danke, dass ihr eine wundervolle Familie seid.“ Jubel brandete ohrenbetäubend auf, Mützen wurden euphorisch in die Luft geworfen und Pfiffe ausgestoßen. Auch von den Schneetänzern, welche am Rand des Waldes standen, kam Applaus, aber nur verhalten, gedämpft und ebbte beizeiten wieder ab. Sie fühlten sich nicht angesprochen – und das bemerkte der Weihnachtsmann.

Er hob die Hände, damit die Jubelrufe eingestellt wurden und fuhr fort: „Euch habe ich selbstredend nicht vergessen, meine mutigen Schneetänzer, treue Wächter und erfindungsreiche Freunde. Ihr haltet alles zusammen, seid das Rad im Getriebe, diejenigen, welche stets neue Wege finden, weiter zu machen. Ich weiß, dass wir uns in den letzten Jahrhunderten auseinandergelebt haben, obwohl wir eigentlich eine Gemeinschaft hätten sein sollen… Das bedauere ich mehr, als ihr euch vorstellen könnte. Und ich hoffe, dass wir jetzt, da sich die Ereignisse um Nikolaus enträtselt und gelöst haben, wieder zueinander finden – durch Nikolaus. Vielleicht könnt ihr mir mein Misstrauen und abwehrendes Verhalten verzeihen; ich wollte nur mein Bestes geben.“ Die Schneetänzer blieben stumm, doch ein Schneegestöber kam auf, umtoste den Weihnachtsmann und Nikolaus. Zugleich erklang ein uraltes Lied aus den Wäldern, erfüllte jede Ecke, jeden Winkel und vermittelte ein Gefühl purer Dankbarkeit und Zuneigung. Als es langsam abebbte und die Schneeflocken zur Ruhe kamen, sahen alle umstehenden, dass das Zeichen der Schneeflocke sich auf die Brusttasche des Weihnachtsmannes gebrannt hatte und das Muttermal von Nikolaus zum Glühen gebracht worden war.

Der alte Mann verbeugte sich einmal tief und sehr gerührt, doch Nick konnte nur gebannt auf seine Schulter starren. „Und nun, meine lieben Freunde, wird die Zeit knapp; es gibt noch einiges zu erledigen. Ich habe euch noch einiges zu erzählen, zu erklären, doch bis dahin soll euch allen ein Festmahl die Stunden vertreiben und versüßen, bis ich wiederkehre.“ Daraufhin schwang sich ihr Anführer behände auf den Schlitten und ergriff die Zügel, während Nikolaus sich unbeholfen auf den Sitz hievte, unangenehm berührt, weil er den Elfen und vor allem den Schneetänzern nichts zu sagen wusste, da er leibhaftig vor ihnen stand. Doch das hatte Zeit, alle Zeit, die er brauchte. Der Weihnachtsmann gab Rudolf das Startsignal, welcher sofort seine Mannschaft zur Räson rief und den Schritt-Takt zum Losfliegen angab. Die Rentiere, vollständig in ihrem Element, legten einen perfekten Start hin, sodass sie binnen Minuten ständig an Höhe gewannen. Nikolaus war während der gesamten Zeit einfach froh, dass er nicht aus dem Schlitten fiel und es zudem nicht übermäßig kalt war – schließlich trug er nur eine einfache Winterjacke, Mütze und Handschuhe - es war einfach ungewöhnlich warm für diese Jahreszeit.

Nachdem Nick die Höhe erst einmal verkraftet hatte, begann er, da der Weihnachtsmann mit der Navigation beschäftigt war, sich in Gedanken zu verlieren. Unaufhörlich kehrte er zum heutigen Morgen zurück, als man ihn in ein Krankenzimmer gebracht hatte, in welchem zwei Fremde, ein Mann und eine Frau, gelegen haben. Seine Eltern. Einfach unglaublich. Sie erzählten ihm davon, wie sie einander kennenlernten und sich über die Jahrhunderte hinweg immer wieder heimlich trafen, wie sie sich ineinander verliebten und schließlich ihn bekamen, doch… „Warum war es meinen Eltern verboten, einander zu lieben?“ Der Weihnachtsmann schaute ihn nicht an, tat aber so, als würde sie ihr Gespräch von gestern weiterführen. „Nun, es gab einen Fall, lange vor meiner Zeit, in dem sich der berufene Weihnachtsmann in eine Annea verliebte und mit ihr ein Kind bekam, einen Sohn. Er war liebenswürdig, talentiert, mit fantastischer Magie gesegnet, verfügte über mehr Macht, als sich irgendjemand vorzustellen vermochte. Und er sollte der nächste Weihnachtsmann werden… Doch dieser Junge kam nicht mit seiner Magie zurecht, verfiel ihr immer mehr, wurde von ihr aufgezehrt und verlor letztendlich jegliche Kontrolle. Eines Tages versuchte er sich an einem Zauber, der alles bisher gekannte um Welten übertraf… Aber er hielt der Energie nicht stand, wurde von ihr innerlich zerrissen, fortgetragen und seit dem nie mehr gesehen. Manche glauben, dass man ihm im Heulen des Windes finden kann. So beschloss der gramgebeugte Vater, dass nie wieder solch ein Verbindung eingegangen werden darf... Auch meinem Bruder wurde diese Pflicht auferlegt, da er ebenfalls magisch veranlagt war, ähnlich wie ich.“, er seufzte erneut. „Doch der alte Narr ließ sich zu dem Zeitpunkt nicht von Gesetzen fesseln, schließlich war er heißblütig verliebt. Als ihm jedoch nach einiger Zeit klar wurde, dass er gegen das Gesetz verstoßen hat, wollte er euch beide verstecken.“ Nikolaus runzelte die Stirn. „Und wie kam es dazu, dass er mich zurückhaben wollte?“ Er wollte diese Frage eigentlich schon vorher seinem… Vater stellen – dieser Gedanke war nach all den Jahren ein wenig befremdlich, komisch – doch das ganze Wiedersehen fand ein wenig feucht, mit vielen Umarmungen und peinlich berührt statt, sodass keine richtige Unterhaltung zustande kam. Außerdem kannte er die beiden nicht wirklich, bei dem Weihnachtsmann fühlte er sich jedoch… wohl – anders konnte er es nicht sagen. Erstaunlicherweise.

„Langsam begann sich abzuzeichnen, dass du ebenfalls über magische Kräfte verfügst, sie jedoch nicht zu kontrollieren wusstest, ebenso wie der Junge vieler Jahrhunderte vor dir. Und deine Mutter konnte dir nicht helfen. Damit du nicht ebenfalls von der Magie aufgezehrt wirst, wollte er, dass ich und alle Schneetänzer, die es damals noch nicht gab, dir dabei helfen, deine Magie weise und in Maßen zu nutzen. Deine Mutter wollte dich jedoch nicht hergeben, es dir selbst beibringen – so gingst du bei der Rettungsmission verloren.“

All das nahm er mit einem Nicken zur Kenntnis. Ihm war bewusst, nicht ewig vor seiner Kraft wegrennen zu können, nicht vor seinem Erbe, nichtsdestotrotz fühlte er sich nicht bereit für seine Bürde. Und die Erzählung änderte nur bedingt etwas an seinem Vorhaben. Nick würde eines Tages wiederkehren, sich eines weihnachtlichen Abends wieder in den Schlitten des Weihnachtsmannes begeben und zurück in die Weihnachtsstadt fliegen, seine Pflicht antreten, lernen, aber noch nicht jetzt. Vorerst mussten die vier Briefe reichen, welche er auf dem Kissen seines Krankenbettes hinterlassen hatte. Einer für seine Eltern und ein weiterer für den Weihnachtsmann. Ein nächster enthielt eine Anweisung für die Schneetänzer, welche über das Jahr so viele Überlebenspäckchen wie nur irgend möglich herstellen sollten, damit diese zu Weihnachten an Obdachlose verteilt werden konnte, und den Befehl, sich bis zu seiner Wiederkehr unter die Leitung Fionas zu begeben. Tavies Schwester. Und natürlich einen an Tavie selbst. Er war gespannt, wie sie reagieren würde.

Der Schlitten ging in den Sinkflug über, obschon sie nicht lange unterwegs gewesen waren. Unter ihnen erstreckte sich ein großer Wald und eine lange, verlassene Straße. Eine nahezu verlassene Straße, denn auf ihr stand nach wie vor ein verkohlter Haufen Schrott. Metallteile, die früher mal ein Auto gewesen waren. Es wunderte ihn ein wenig, dass niemand das Auto gesehen und entfernt hatte.

Sanft landeten die Rentiere auf der grünen Wiese mit weißen Farbtupfern und schüttelten ungeduldig ihr Geweih – sie wollten weiter. Mit eingeschlafenen Gliedern sprang Nikolaus vom Schlitten und versuchte, eigenständig auf den Beinen stehen zu bleiben, wie er es zuvor getan hatte. Und obwohl es ihn Überwindung kostete, rang er sich zu einem „Danke“ durch. Selbst wenn er den Großteil der Menschen und ihre scheinheilige Nächstenliebe, welche nicht weiter als bis zu ihren Familienmitgliedern, wenn überhaupt, reichte, nicht leiden konnte, so zweifelte er nicht an den guten Absichten des Weihnachtsmannes. Diese Ansicht überraschte ihn selbst sehr, doch so sah mittlerweile der Tatbestand aus. „Ich werde erst ´mal meinen eigenen Weg gehen, versuchen, den anderen zu helfen – meinen Genossen, selbst wenn sich viele nur als Einzelkämpfer sehen. Man kann auch so Gutes bewirken. Sie haben es dringender nötig.“ Der Weihnachtsmann vernahm die Bitternis aus seinen Worten, doch er ließ Nick seinen Raum. Die richtige Zeit würde kommen. So schwang er seine Zügel und trieb seine Rentiere an. „Frohe Weihnachten!“, rief der Anführer der Elfen und schraubte sich immer weiter in die Höhe, ehe er im Nachthimmel verschwand.

Nach diesen Worten begab sich Nikolaus nun zum Autowrack und begann, seine Magie auszutesten. „Und mit dir werde ich anfangen.“, murmelte er. Alles, was er bewirkte, war ein erneuter Brand – wie er das geschafft hatte, war ihm ein Rätsel. Und die Zeit zeigte, dass er noch oft scheitern und unzählige Flüche, welche anständige Bürger noch nie gehört hatten, ausstoßen würde. Mit den richtigen Personen, Wesen würde er allerdings auch das schaffen, seine Magie kontrollieren und Gutes in die Welt bringen können, selbst wenn er nach wie vor angriffslustig durch die Straßen marschieren würde. Er hatte gelernt, dass es mehr als nur das Überleben gab. Er war mittlerweile dazu fähig, mehr zu tun, zu helfen; jeder sollte seinen Beitrag leisten - genau das würde er ab sofort tun. Und so arbeitete er bis in die frühen Morgenstunden hinein an dem Auto, welches langsam wieder Gestalt anzunehmen begann.

Zeitgleich fehlte von Tavie am nächsten Tag jegliche Spur. Ihr Bett war verwaist und das Einzige, was man finden konnte, war ein aufgebrochener Brief, auf welchem in krakeliger Schrift geschrieben stand:

Sehen uns an H2.1, wenn du möchtest. Alles Liebe.


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