Nachdem der Weihnachtsmann gegangen war, setzte sich Nick an das einzige Fenster des Zimmers, blickte hinaus und sah verwundert eine Weile dem emsigen Treiben der Elfen zu. Die Weihnachtsstadt war verschneit und bunt zugleich. Die fleißigen kleinen Wichte liefen eiligen Schrittes hin und her und für Nick ergab sich kein zusammenhängendes Bild. Was hatte er hier nur verloren? Wie waren sie nur auf die Idee gekommen, ausgerechnet ihn zum Anführer der Schneetänzer zu machen und was - verdammt nochmal - waren Schneetänzer überhaupt? Waren die übergeschnappt oder war am Ende er es? Das konnte doch alles nicht wahr sein! Wie hatte er sich nur in so eine missliche Lage bringen können? Weihnachtsstadt? Weihnachtsmann? Schneetänzer? Nicht mit ihm!

 

Gehetzt sah er sich nach einer Fluchtmöglichkeit um, als er vor der einzigen Tür ein Knurren vernahm. Konnten die etwa durch Wände sehen? Blieb hier kein Blick in die falsche Richtung,  kein Gedanke, kein Nichts geheim? Wütend stürzte er sich auf die Tür, bereit, denjenigen, der ihn angeknurrt hatte ob seiner Fluchtpläne, zu schütteln, bis ihm die Zähne wackelten. Voller Zorn riss er die Tür auf - sie war tatsächlich unverschlossen - und starrte voller Hass auf....nichts. Da war niemand! Sofort trat an die Stelle seiner Wut ein Ausdruck der Verwunderung. Sie hatten ihn t"atsächlich allein gelassen. Allein und unbewacht! Aber da regte sich schon wieder sein Misstrauen. Sie vertrauten offensichtlich darauf, dass er die Weihnachtsstadt ohnehin nicht verlassen konnte, so dass sie ihn einfach herumspazieren lassen konnten. Wer weiß schon, wie er überwacht wurde - hier am Nordpol. Die Aussichtslosigkeit seiner Situation und Pläne machte ihn so niedergeschlagen, dass er - den Türgriff immer noch in der Hand haltend - endlich nach unten sah. Der Blick in zwei mitfühlende und liebevolle Augen tat gut. Aber nur für einen Moment. Dann drehte er sich wortlos um, ließ die Tür offen stehen und ging zurück zu seinem Bett. Dort angekommen, setzte er sich darauf und blickte zur Tür. Irgendwann wäre dieser Augenblick gekommen. Warum also nicht jetzt? Er hatte ohnehin gerade nichts Besseren zu tun.

 Langsam, sich fragend in den Raum hinein tastend, kam Nanuq auf ihn zu. Als er sich nicht rührte, nur unverwandt zu ihr herüber schaute, ging sie auf ihn zu und setzt sich einige Meter vor ihm auf den Boden. Immer noch war Nick still und beobachtete sie ausdruckslos. Nanuq fühlte sich unbehaglich. Aber das hatte sie wohl auch verdient. Betrübt ließ sie den Kopf hängen, als sie endlich seine Stimme vernahm: "Wie soll ich dich nun ansprechen? Mit Nanuq - als die du mir jahrelang vertraut warst - oder als Tavie - die mich hintergangen, aber mir letztendlich das Leben gerettet hat?" Seine Gleichgültigkeit war von ihm abgefallen und es lag eindeutig wieder Zorn in seinen Worten. Nanuq - mit den Sinnen eines Hundes ausgestattet - konnte das sehr wohl vernehmen und sie machte sich instinktiv noch ein weniger kleiner. Es ging keine physische Gewalt von Nick aus. Aber die Enttäuschung und Wut, die aus seinem Worten sprach, ließen sie zusammenfahren. "Ich bin für dich, wer immer ich sein soll.", sagte sie und sah ihm dabei in die Augen. Nun gab es kein Halten mehr und Nanuq schüttete ihm ihr ganzes Herz aus. "Ja, ich habe dich hintergangen. Es tat und tut mir unendlich leid. Dies geschah jedoch nicht in böser Absicht. Ich suchte nach einem Weg, um bei dir bleiben zu können. Das wollte ich und das musste ich. Ich hatte einen Auftrag, bei dem ich schon einmal kläglich gescheitert bin. Ein zweites Mal durfte nichts schief gehen und so griff ich zu einer List. "

Herausfordernd sah sie Nick in die Augen. Aber der rührte sich nicht, hatte noch nicht genug gehört und ließ sie zappeln. "Als Hund war ich dir jedoch nie eine Last. Ich habe dich beschützt und dir geholfen, wo ich nur konnte. Das haben wir beide füreinander getan. Nachts, wenn die Kälte nach uns griff, habe ich dich warm gehalten - mit meiner KörperwärSme und mit Magie. Ich habe dir alles gegeben, wozu ich fähig war..." und etwas leiser "und ich habe dich geliebt. Das tue ich heute noch..." Immer noch stumm sah Nikolaus Nanuq an, die wieder ihren Kopf gesenkt hatte. Geständnisse dieser Art waren einem Schneetänzer völlig fremd und obwohl sie sich ihrer Gefühle nicht schämte, war die Situation doch sehr ungewohnt für sie. "Aber warum das alles?", fragte er leise. Nanuq sah ihm wieder in die Augen, sah, dass er nach Antworten suchte, die sie ihm nur teilweise liefern konnte und begann abermals, zu ihm zu sprechen.

 "Als der letzte Anführer der Schneetänzer spurlos verschwand - dass ist jahrzehnte her - waren wir Schneetänzer eine Gemeinschaft, die nur noch von Traditionen und Pflichten zusammengehalten wurde. Es gab praktisch kaum noch eine Entwicklung bei uns. Alles war im Stillstand verharrt. Der Verlust des letzten Anführers hatte uns erstarren lassen. Wir waren ein kopfloser Haufen, der nur noch das tun konnte, was er immer getan hatte. Wir waren jedoch nicht mehr in der Lage, Neues zu erproben oder uns auf ein höheres Niveau zu zu bewegen. Doch dann wurdest du geboren und uns allen war klar, dass du aufgrund deiner Herkunft und der damit verbundenen Magie, die dir zueigen sein musste - auch wenn wir das damals nicht mit Sicherheit sagen konnten - unser neuer Anführer bist." Prüfend, ob Nick verstand, machte Nanuq eine kleine Pause. Aber Nick hatte noch nicht genug gehört. Er wollte mehr - viel mehr. Also erzählte sie weiter. "Damals begann meine erste Reise in die Welt der Menschen. Meine erste Mission, mein Auftrag - meiner und Fiona's. Wir sollten dich nach Hause holen. Weg von deiner Mutter zu uns in die Weihnachtsstadt, damit du mit unseren Sitten und Gebräuchen auf- und zu einem guten Anführer heranwachsen konntest. Das war das erste Mal, dass ich versagte. Wir konnten dich nicht in die Weihnachtsstadt bringen, fort von deiner Mutter. Sie hatte wohl etwas geahnt und dich gut versteckt." Mit jedem Wort, dass sie sprach, war Nick unruhiger geworden und nun platzte es einfach aus ihm heraus: "Mutter? Ich habe keine Mutter! Was redest du da?"

"Doch, doch!", setzte Nanuq an. "Die Umstände und Verkettungen, die dazu führten, dass du als Waisenkind aufwachsen musstest, kenne ich auch nicht genau. Wir haben dich erst viel später wieder gefunden. Aber fest steht, dass du eine Mutter hast - wie jedes Lebewesen - und deine Mutter lebt!" Blass und fast tonlos fragte Nikolaus: "Du weißt, wo sie ist?". Nanuq nickte. "Mehr kann ich dir im Augenblick jedoch nicht zu ihr sagen. Glaube mir für den Moment, dass sich bald alles aufklären wird. Das - und mehr." Völlig überwältigt nickte Nikolaus nur stumm. Das war wahrlich für einen einzigen Tag. Aber Nanuq hatte noch nicht geendet. "Nachdem es uns gelungen war, dich von deiner Mutter weg zu holen, blieben wir in der Menschenwelt. Einerseits konnten wir nicht ohne den neuen Anführer zurückkehren und andererseits hatten wir ja immer noch einen Auftrag. Also suchten wir nach dir, viele Jahre. Bis ich dich eines Tages auf dieser Brücke fand. Deine magische Aura hatte dich verraten. Ich stürzte mich - damals noch ganz Elfe - in die Menge, ging dir nach - und verlor den Kontakt zu Fiona. Viele Jahre haben wir uns daraufhin nicht mehr gesehen und sie hat mir sehr gefehlt. Aber ich musste bei dir bleiben. Ich durfte dich nicht ein zweites Mal verlieren." Nick verstand und nickte nur stumm.

"Nach all den Jahren, in denen ich bei dir war, wurde ein weiterer Trupp, bestehend aus zwei Schneetänzern, auf die Suche nach dir - und nach uns - ausgeschickt. Shay und Kaylam fanden deine und schließlich auch unsere Spur und folgten ihr. Den Rest kennst du." Immer noch erschüttert von der Nachricht, dass seine Mutter lebte, sah Nick Nanuq an. Er nickte nur ganz leicht, gab ihr zu verstehen, dass er ihr zustimmte und sie verstand und versank wieder in Grübelei. Nanuq, die ihn immer noch fragend ansah und nicht nicht wusste, wie sie sich nun verhalten sollte, kam fragend einige Schritte näher. Nick, unbewußt einem Impuls folgend, dem er jahrelang  nachgegeben hatte, streckte die Hand nach ihr aus und streichelte sie am Kopf. Nanuq hielt dem Atem an. Nach einer Weile - seine Hand hatte gerade inne gehalten, sie dann jedoch weiter gestreichelt - sagte Nick mit sanfter Stimme: "Du kannst sein, wer du möchtest. Nanuq oder Tavie, Tavie oder Nunuq - es spielt keine Rolle. Ich liebe dich nämlich auch!"


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