Vollkommen ruhig vor der Wand stehend, die Augen geschlossen, die Arme erhoben, streckte er seine magischen Fühlarme nach einer Schwachstelle in dieser von Bannzaubern durchwirkten Barriere aus. So konzentriert, wie er dastand, hätte er ebenso gut versteinert sein können; keinerlei Regungen ließ er sich anmerken. Und je länger er suchte, desto ungeduldiger wurde sein Bruder, dessen Nerven bereits zum Zerreißen gespannt waren, weshalb er auf und ab tigerte. Da er wusste, dass diese permanenten Ablenkungen den Weihnachtsmann störten, begab er sich nach einiger Zeit raus an die frische Luft. Befreit von der Düsternis und Enge begann er, wieder freier zu atmen und seine Gedanken klärten sich ein wenig. Es war bereits Jahrhunderte her, dass er diesen Ort das letzte Mal besucht hatte – und wie sie damals das Innere des Berges betreten konnten, war ihm nur noch schleierhaft bewusst. Doch es musste auch einen anderen Weg hinein geben; er musste sich nur erinnern… An eines der vielen Gespräche, die er mit ihr geführt hat.

 

Grübelnd setzte er sich auf einen Stein, den Höhleneingang im Augenwinkel behaltend, und versuchte, herauszufinden, was sie ihm über die Zeit der feindlichen Invasion berichtet hatte… Etwas über eine Gruppe von Grinch… Die wollten damals die Quelle für sich nutzen… Weihnachten stürzen… Doch das war momentan irrelevant… Viel wichtiger schien ihm, dass sie mehrere Jahre ihren Posten hielten… Und sie entkamen, als die anderen Annea endlich davon erfuhren und zur Rettung eilten! Obwohl alle Eingänge umstellt waren. Wie? Daraufhin dachte er darüber nach, was für Grinch seit jeher charakteristisch war – und dann fiel es ihm wie Schuppen von den Augen – sie haben Tunnel gegraben! Kleine röhrenförmige Wege, die einer Rutsche glichen und sie von A nach B transportierten. Er musste nur einen finden!

Von neuer Kraft durchströmt kämpfte er sich hinein in den Wald. Alle paar Meter blieb er stehen, um mittels Magie einen Hohlraum im Boden ausfindig zu machen – vergeblich. Entweder es existierten tatsächlich keine oder sie wurden durch Bannnetzte abgeschirmt. So war es purer Zufall, dass er, als er im Zickzack-Muster durch den Wald lief, auf eine dumpf hallende Stelle trat. Sofort ließ er sich auf die Knie fallen und schaufelte die Laubblätter beiseite – und zu Tage trat eine runde Luke mit abbröckelnden Lettern. Er wettete, dass darauf deren Initialen abgedruckt werden. Voller Schwung und Ungeduld öffnete er den Eingang zur Finsternis. Doch gerade, als er versuchte, den Weihnachtsmann zu kontaktieren, wurde ihm bewusst, dass diese Stelle seine gesamte Magie zu absorbieren schien – auf einmal war er nicht viel mehr als ein Irdischer. Deshalb schwang er sich, aus Angst, die Stelle nicht wieder zu finden und noch mehr Zeit zu verlieren, alleine in den Tunnel, den Weihnachtsmann hinter sich lassend.

Währenddessen lief der Grinch abwechselnd um Nikolaus und die Annea, bereits ein wenig schwitzend und mit zitternden Fingern, die sich am Kristall festklammerten. Da sie ihm wie damals keine Antworten gegeben hatte, war er ein wenig zu weit gegangen, sodass sie nun ohnmächtig, in den Krallen seiner Magie gefangen, in der Luft hing. Nun musste er sie zwar nicht mehr in Schach halten, dafür beanspruchte Nikolaus jedoch alle Kapazitäten, die er zu bieten hatte. Und das hob seine Laune nicht übermäßig an. In der Form hatte er sich seine Pläne nicht vorgestellt – vom Alter niedergedrückt hätte sie eigentlich sofort mit der Sprache herausrücken sollen; er dachte, dass letzte Mal sei Lehre genug gewesen.Doch man lernt nie aus.

Zeitgleich beschäftigte er sich eifrig mit Nikolaus' Magie-Spur, welche immer stärker wurde, je länger er an diesem Kraft geweihten Raum stand. Dennoch bekam er die richtige Sequenz nicht heraus. Das war doch zum Weihnachten feiern, schoss es dem Grinch durch den Kopf, und ein Schaudern überlief seinen Rücken. Dabei kam ihm plötzlich die Idee, ein Gemisch aus der Magie des Weihnachtsmannes und die der Annea zu kreieren. Eine völlig abwegige Vermutung und doch – ein diebisches Lächeln stahl sich auf das faltige Gesicht des Grinches – war es durchaus möglich. Wie hätte dieser Bengel sonst an so viel Macht gelangen können? Vor Freude wirbelte er tanzend durch den Raum, entzückt davon, der Gute, Liebe, Alte habe sich doch nicht an seine Gesetze gehalten. Kurz daraufhin blieb er abrupt stehen, streichelte sich das Kinn mit den enorm langen Fingern und überlegte, wie er an die Magie des Weihnachtsmannes gelangen könnte – eine müßige Frage, die er sich schon tausendmal gestellt hatte.

Vor Angst erstarrt, hörte die kleine Schneeflocke dem theoretischen und aberwitzigen Ausführungen des Grinches zu und dankte allem, was ihr heilig war, dafür, dass der Grinch nie verstehen würde, worin die Magie des Weihnachtsmannes liegt. Vielleicht hielt er diese Magie auch einfach als zu unbedeutend. Die Liebe. Vielleicht verstand er diese auch einfach nicht, wo sein Herz doch immer weiter schrumpfte und gänzlich zu verschwinden drohte. Vielleicht hat er sie auch einfach nie erfahren. Die Magie des Weihnachtsmannes speiste sich zumindest großteils aus all der Liebe, welche auf der Erde herrschte, sodass er hoffentlich nie machtlos sein würde. Und der Grinch käme hoffentlich auch nicht auf die vermessene Idee, einem Menschen die Liebe aus dem Mark zu ziehen – die Folgen wären fatal; sollte es tatsächlich gelingen oder auch nicht.

So entrückt und in Gedanken versunken, bemerkten beide nicht, wie eine weitere Person das Vorzimmer der Höhle betrat. Schleichend, sich an der Wand voran tastend und im Schatten bewegend, durchquerte der Bruder des Weihnachtsmannes den Raum bis kurz vor die Tür, von wo aus er einen Blick auf die Annea und Nikolaus werfen konnte. Und das, was er sah, ließ die Wut heiß brodelnd in ihm aufsteigen. So stürzte er sich wie von Sinnen nach vorne, ohne darauf zu achten, keinen Lärm zu veranstalten. Die Zeit schien einen kurzen Moment still zu stehen, ehe sich der Grinch wie in Zeitlupe umdrehte und seinem Angreifer gewahr wurde – und diese paar Sekunden genügten ihm, sich zu wehren. Den Kristall fest umklammert, hob er seine Hand und ließ die Luft um den Bruder des Weihnachtsmannes herum erstarren, sodass er mitten in der Luft einfror, doch wie lange ihn das aufhalten würde, blieb fraglich, da er bereits verbissen gegen den Zauber anzukämpfen begann. Hinzu kam, dass der Grinch seine Magie aufteilen musste, um auch Nikolaus in Schach zu halten – und mit jeder Minute, die verstrich, wurde die Angelegenheit immer brenzliger, sodass dieser sich dringend etwas einfallen lassen musste, um seine Pläne, ihre Pläne noch zu verwirklichen. Er spürte die Magie zwischen seinen Fingern zerrinnen.

Hinzu gesellte sich, dass Tavie, welche ebenfalls gebannt war, nun ebenfalls begann, dagegen anzukämpfen, wodurch der Grinch noch mehr Magie auf sie verwenden musste. Und dieses Bisschen mehr reichte aus, dass Nikolaus langsam wieder zu Bewusstsein kam und unbewusst begann, Energie zu bündeln. Diese stieg und stieg immer weiter – der Grinch kam richtig ins Schwitzen und litt an Atemnot – bis seine Kraft den Höhepunkt erreichte.

Und auf einmal stand die Zeit nicht mehr still, sondern verlief rasend schnell. Der Zauberbann zerbarst in dem Moment, ein gleißend heller Lichtstrahl erstrahlte, blendete, ein gewaltiger Windstoß, seinem ersten ähnelnd, fegte durch die Höhlen, riss Lebewesen und Gestein mit sich. Und so jäh der Impuls begonnen hatte, endete er auch, Ein Klirren war zu vernehmen, heulende Schreie, ein letztes Grollen des Berges, ehe die Dunkelheit einbrach und nichts als Stille hinterließ.


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