Langsam stieg die Panik in Kaylam, Shay und Fiona immer weiter an. Gerade war Tavie doch noch da gewesen. Sie hatte sich mit den anderen ins Gebüsch zurückgezogen, als das Schleifen begann, von dem sie nun wussten, dass es das Felsentor sein musste, durch dass der Grinch ein- und ausgegangen war. Aber Tavie war nie im Gebüsch angekommen - jedenfalls nicht, dass die drei Schneetänzer das gewusst hätten. Nach allen Seiten schauend und sich gegen den Felseingang absichernd liefen sie langsam wieder zu der Stelle zurück, von der aus sie den Rückzug angetreten hatten. Dabei waren sie sehr bemüht, Tavies Spuren nicht zu verwischen. Konzentriert und angespannt - so als würden sie von einem unsichtbaren Gegner beobachtet werden - sahen sie sich um. Tavies Spuren endeten vor dem Zwillingsbaum. Daran bestand kein Zweifel. Was aber war dann geschehen? Eine Spur von Magie lag nicht in der Luft. Tavie hatte sich also nicht in eine Schneeflocke verwandelt. Dennoch war sie nirgends zu sehen. So angestrengt sie sich auch umschauten - von Tavie keine Spur und obwohl Schneetänzer sehr aufmerksam und mit der Natur vertraut waren, übersahen sie doch den Spalt im Zwillingsbaum, der Tavie in die Tiefe hinabgezogen hatte. 

 
Also machten sie einen Plan, um die Gegend besser durchkämmen zu können. Vom Zwillingsbaum aus machten sie sich in drei verschiedene Richtungen auf und liefen spiralförmig um den Baum, immer größere Kreise ziehend. Alle paar Minuten versicherten sie sich magisch darüber, dass die anderen Schneetänzer noch da waren, so dass keiner mehr verloren gehen konnte. Nachdem sie zwei stunden oder länger gesucht hatten, verabredeten sie sich wieder am Zwillingsbaum und machten sich - jeder für sich - auf den Weg dorthin. Der direkte Weg zurück führte für einige durch dichtes Gesträuch und über Stock und Stein, die sie zuvor umgehen konnten. Nun aber stieß Fiona auf den sehr gut versteckten und überwucherten Eingang einer Höhle, der sich unvermittelt vor ihr auftat. Der Eingang klaffte wie eine Wunde in dem Fels und sanft wehte ein Luftzug aus der Höhle, der darauf schließen ließ, dass es noch einen anderen Eingang oder zumindest ein Luftloch gab. Die Luft, die Fiona sanft ins Gesicht wehte, roch nach altem, trockenem Laub und Leben. Irgendetwas oder irgendwer musste sich in der Höhle aufhalten.
 
Magisch stieß Fiona einen Hilferuf aus und auf ebendiesem Wege antworteten Kaylam und Shay sofort. Wie gehetzt und ohne Rücksicht auf ihre Geräusche liefen sie los in Richtung Fiona. Garnicht lange danach waren alle drei Schneetänzer wieder vereint und standen staunend vor dem Eingang der Höhle. Die Luft aus dem Eingang strich nun allen dreien gleichermaßen übers Gesicht und still mutmaßten sie, wer oder was sich da in der Höhle aufhalten mochte.
 
Sehr, sehr vorsichtig ließ Fiona eine kleine Flamme entstehen, die langsam aber stetig nach oben stieg, bis sie etwa einen Meter über ihren Köpfen in der Luft schwebte. Magie zu nutzen war in ihrer Situation gefährlich - konnten sie so doch relativ leicht aufgespürt werden von anderen magischen Wesen. In der Höhle aber war es dunkel wie in tiefster Nacht und es blieb ihnen nichts anderes übrig, als ein kleines Licht zu Hilfe zu nehmen. Vorsichtig und immer wieder hinter sich schauend betraten die drei die Höhle und liefen langsam dem nicht allzu engen, dafür aber niedrigem Gang entlang, bis sich dieser weitete und sie ihre Flamme ein wenig vor schickten, während sie selber stehen blieben. Hier drinnen war der Geruch von Leben deutlicher zu vernehmen. Aber er war auch vermischt mit Alter oder Krankheit. Genaueres konnten sie noch nicht sagen.
 
Langsam ließen sie die Flamme noch ein wenig höher steigen, so dass der Lichtschein größere Teile der Höhle erreichen konnte und plötzlich sahen sie aus dem Dunkel den Widerschein des Lichts sich in zwei Augen spiegeln. Diese Augen blickten müde und ohne jedes Anzeichen von Aggression. Deshalb gingen sie langsam, immer wieder nach hinten sichernd, auf das Lebewesen zu, dass sich da am Rand der Lichtscheins verborgen hielt. Die Flamme, die ihnen immer ein paar Schritte voraus war, ließ den Blick frei auf einen riesigen Höhlenbär. Dieser lag ruhig, den großen Kopf auf seine Vordertatzen gelegt, auf einem Haufen trockenen Laubs und schaute ihnen entgegen. Fast schien es, als hätte er ihren Besuch erwartet.
 
Mühsam richtete sich der Bär auf seine Vorderbeine auf. Er schien sehr alt zu sein. Viel älter, als ein gewöhnlicher Bär normalerweise wurde. Ruhig sah er die Besucher an, gab jedoch keinen Laut von sich. Die drei Schneetänzer, die vor Schreck halb betäubt auf den riesigen Bären gestarrt hatten, besannen sich langsam wieder. von diesem Bären ging keine Gefahr aus. Jedoch war er sehr Erfurcht gebietend und getraute sich nur Fiona, dass Wort an ihn zu richten. "Guten Tag, Bruder Bär! Entschuldige unser Eindringen in dein Zuhause. Wir wussten nicht, was uns hier erwartet würde und hatten auf jemand anderen gehofft. Du hast nicht zufällig eine Elfe gesehen?" Langsam wiegte der Bär seinen riesigen Kopf ohne die Elfen aus den Augen zu lassen, bevor er mit tiefem Bass antwortete. "Eine Elfe also sucht ihr. Und ich dachte, ihr seid gekommen, um mich zu holen. Mich von meinen Schmerzen und der Last eines langen Lebens zu befreien." Müde blickte er auf seine Tatzen, hob jedoch wieder seinen Blick zu den Schneetänzern und sagte: "Eine Elfe habe ich nicht gesehen, nein. Schon seit vielen Jahren nicht mehr. Die letzte Elfe, der ich begegnet bin, hat mir aus Beeren und Kräutern einen warmen Umschlag für meinen Rücken gemacht. Aber das ist lange her. Viel länger, als ich zählen kann."
 
Langsam ging Fiona einen weiteren Schritt auf den Bären zu, streckte ganz vorsichtig ihre Hand nach ihm aus - so, als ob sie ihn mit einer Berührung verletzen könnte - hielt kurz inne und ging dann noch einen kleinen Schritt auf ihn zu. In ihrem Gesicht stand die stumme Frage, ob sie ihn berühren dürfe und als der Bär fast unmerklich nickte, während sie sich beide tief in die Augen schauten, berührte Fiona ihn sanft an der Schulter. Kaylam und Shay, die sofort verstanden, stellten sich hintereinander hinter Fiona und berührten ihre Schulter. Gemeinsam ließen sie heilende Magie in den Bären fließen, der sich sichtlich unter der Hand von Fiona entspannte und kräftiger wurde. Die drei Schneetänzer standen mit geschlossenen Augen vor dem Bären und konzentrierten sich auf dessen Heilung. Jemand mit Magie zu heilen ist selbst nicht jedem Schneetänzer gegeben. Aber in diesem Fall reichten die Fähigkeiten von Fiona,  die von Kaylam und Shay verstärkt wurden.
 
 Als alle drei Schneetänzer nach einiger Zeit wie auf Zuruf die Augen öffneten, stand der Bär auf allen Vieren vor ihnen, ein lebenslustiges Funkeln in den Augen. Beglückt über ihren Erfolg sahen die drei Elfen sich strahlend an und dann zum Bären, der sich nun bei ihnen bedankte. "Ich dachte, heute ist der Tag, an dem alles endet. Stattdessen ist es der Tag, an dem alles wieder beginnt. Ich bin euch sehr dankbar! Vielen Dank euch allen! Und nun lasst uns gehen!" "Gehen, wohin?", fragte Shay. "Dahin, weshalb ihr gekommen seid natürlich. Lasst mich nur machen!" Lachend setzte sich der Bär in Bewegung, führte die Schneetänzer tiefer in die Höhle, durch enge und weite, hohe und niedrige Gänge und nach schier unendlicher Zeit standen sie vor einer Tür aus Stein, geschlagen in den Felsen.
 
"Wo sind wir hier? Lässt sich die Tür öffnen? Weißt du wie? Und was werden wir dahinter vorfinden?" Nachdem sie den ganzen Weg schweigend zurückgelegt hatten, klang Fionas Stimme in ihrer aller Ohren überlaut und schrill. Leise lachte der Bär in sich hinein, legte eine Tatze auf die Tür und schob sie mit seiner unsäglichen Kraft unter leisen Knirschen ein Stückchen auf. Erstaunt schauten die Schneetänzer auf den Spalt, der sich vor ihnen aufgetan hatte und sahen dann wieder zu dem Bär. "Wer oder was verbirgt sich dahinter?" fragte Fiona noch einmal. "Die, die ihr sucht; der, den ihr nie finden wolltet und die, die zu finden ihr nie zu hoffen gewagt habt!"
 

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