Obschon der Zwillingsbaum den Eingang zu Höhle markierte, schien er keine besonderen Eigenschaften zu besitzen – abgesehen von einem kleinen Hohlraum unterschied er sich in keinster Weise von den ihm umgebenden Bäumen. Zumindest von Außen, denn wenn man sich die Mühe machte und durch das kleine Loch nahe am Boden zwängte, bemerkte man, dass der Innenraum anstatt aus einer hölzernen Maserung aus einer steinernen Schicht bestand, dessen Edelsteine und Mineralien jegliches Licht absorbieren zu schienen. Im Gegenzug strahlten die Steine jedoch ein dunkelblaues, irisierendes Licht aus, welches sich am Stamm brach und den ganzen Raum erfüllte.

 

All diese magische Pracht hätte Tavie nie entdeckt, wenn sie, Kaylam, Shay und Fiona nicht das Weite hätten suchen müssen, da, gerade als sie den Schutz der Bäume hinter sich gelassen hatten, ein leises Rumpeln und Schleifen aus der Höhle zu dringen schien. Langsam näherten sich ihnen Schritte, die wohl für Ohren von sterblichen Menschenwesen nicht zu vernehmen gewesen wären. Ohne sich abzusprechen, schritten sie leichtfüßig rückwärts, zurück ins Dickicht – dabei lief Tavie jedoch mitten in den Zwillingsbaum hinein, und weil sie nicht erwischt werden wollte, blieb ihr nichts anderes übrig, als in den Spalt zu kriechen. Das schien jedoch ein großer Fehler gewesen zu sein, denn kaum war sie mit ihrem Oberkörper vollständig hineingeklettert, knickte die Ast- und Blattschicht unter ihr weg, sodass sie einen langen steinernen Tunnel hinabrutschte, immer weiter unter die Erde.

Währenddessen hielten sich die drei Schneetänzer unterhalb des Gebüschs versteckt – sie trauten es sich nicht, weiter in den Wald einzudringen, um sich in Schneeflocken zu verwandeln und vorerst Abstand zu gewinnen – zudem hinterlässt Magie immer Spuren, welche die drei Elfen tunlichst vermeiden wollten. Deshalb konnten sie erkennen, wie eine kleine verhutzelte Gestalt aus dem Schatten der Höhle trat und sich konzentriert umschaute. Entsetzt blickten sie dieses Wesen an, welches bisher unter der Kategorie „Ungeheuer“ in ihren Sach-Büchern zu finden war. Kaylam wusste nicht, ob es nur an der Umgebung und dem Mondschein lag, welcher das Gesicht der Kreatur einerseits stark in Schatten legte und auf der anderen Seite in kaltes Licht tauchte, oder ob der Grinch wahrhaftig noch abscheulicher als auf jeglichen Abbildungen aussah, die er je zu Gesicht bekommen hatte. Es ließ sich auf jeden Fall nicht bestreiten, dass die langen pelzigen Finger, der grüne Pelz, der dicke Bauch, insbesondere aber der heimtückische, niederträchtige und verschlagene Blick äußerst abstoßend wirkten. Normalerweise hielt er nichts davon, Wesen im Voraus zu verurteilen, doch ihm strahlte eine geballte Ladung Bosheit entgegen, die den Atem raubte.

Da der Grinch anscheinend nichts besorgniserregendes oder interessantes zu sehen vorfand, kehrte er nach einer halben Stunde auf dem Absatz um und verschwand wieder in der Höhle, wo erneut ein schleifendes Geräusch zu vernehmen war – wahrscheinlich die Tür in der Wand, welche sich hinter ihm schloss. Nachdem sie einige Zeit gewartet und auf jegliche Geräusche sowie Bewegungen geachtet hatten, entspannten sie sich ein wenig und rückten näher zusammen – es wurde Zeit, ihr weiteres Vorgehen zu beschließen. Dabei fiel jedoch recht rasch auf, dass ein Mitglied fehlte, woraufhin Fiona in leichte Panik verfiel. Wohin war Tavie verschwunden?

Während die anderen sich Sorgen machten und anfingen, die Umgebung abzusuchen, war Tavie bereits als Schneeflocke auf dem Grund des Tunnels angekommen, welcher in einem kleinen Labyrinth mündete. Obwohl sie hätte umkehren können und sie zudem Bedenken befielen, flog sie mitten hinein ins Dunkel. Glücklicherweise, wenn man es denn glücklich nennen wollte, war vor kurzem jemand hier gewesen und hatte einen Spur von Lichtern hinterlassen, die ihr das Herumirren ersparten. Dennoch schien es eine Ewigkeit zu dauern, ehe sie an ein Treppenhaus kam, welches sowohl nach unten als auch nach oben führte. Zügig wählte sie den Weg nach oben um, wo sie in einem kahlen, fluoreszierenden Raum ankam.

Von dort aus folgte sie einer krächzenden Stimme, welche aus weiter Ferne zu erklingen schien. So durchquerte Tavie auch mehrere Höhlenräume sowie Flure, die sie auch durch den Abschnitt mit der magischen Quelle führte – eine geballte Menge an Energie flog ihr entgegen, sodass sie sich zum ersten Mal seit Jahren gut, geradezu fantastisch fühlt; nicht so, als würde sie jeden Moment in Ohnmacht fallen. Kurz genoss sie die Energieströme um sich herum, ehe sie weiter flog und die Magie hinter sich ließ. Gerade, als sie die Türschwelle übertreten hatte, schien es, als hätte ein Lautstärkeregler die Stimme der Person aufgedreht, sodass sie besser lauschen konnte. Und je näher Tavie kam, je mehr sie hörte, desto übler wurde ihr; es schien, als würde ihr Blut zu Eis erstarren und kurz darauf wieder Feuer fangen.

„…mir so leid, mein armer Nik. So unendlich leid.“, die Person holte einmal tief, aber japsend Luft, „Allerdings konnte ich ihn nicht aufhalten… Er zwang mich dazu, dich hierher zu locken… Dich willenlos zu machen, wie eine Marionette…“, die Frau, zumindest der Stimme nach, bewegte sich anscheinend von einem auf das andere Bein und stieß einen Schmerzensschrei aus, weshalb ein paar Minuten Ruhe einkehrte. Dann setzte sie wieder an: „Er hat mich gefoltert… Es war nicht mein erstes Mal pure Qual... doch er besitzt eine Magie, die ich noch nie zuvor gespürt habe. Woher hat er nur all die Macht? Das ist nicht normal…“ Stille. „Ich hätte es nicht zulassen dürfen. Doch er wollte dich und mich für seine widerwärtigen Pläne, Weihnachten zu vernichten… Er will deine Macht, die Berge versetzen kann...“ Sie seufzte wieder laut. „Und er wollte mich, um zu erfahren, weshalb du dich so von den anderen Schneetänzern unterscheidest. Damit er eine Armee...“, den letzten Teil spuckte sie angewidert aus, „...kreieren, gebären lassen kann… Zum Glück ist dein Vater nicht hier… Weißt du, um Weihnachten geht es mir nicht wirklich… Soll das Biest tun, was es will. Doch was soll ich meinen Artgenosse sagen, wenn all ihre Kinder, die Schneetänzer umgebracht werden, weil sie loyal zum Weihnachtsmann stehen? Ebenso du, mein Sohn…“ Sie stieß einen unterdrückten Fluch aus. „Eine tolle Anführerin bin ich, die nichts hinbekommt...“

So geschockt vom Gehörten, war es beinahe zu spät, dass Tavie sich regte – denn der Grinch kam soeben um die Ecke, beschäftigt mit dem Kristall, den er in der Hand trug. In letzter Sekunde flog sie an die Wand, auf den hellsten Fleck, den sie finden konnte. Dann war er schon um die Ecke verschwunden und ein Schrei erklang. Nikolaus stand nach wie vor erstarrt an der Wand, mit trüben Augen vor sich her stierend.

Währenddessen stand der Weihnachtsmann am Eingang der Höhle, mit blutender Hand, die bereits begann, langsam zu heilen. Doch er kam nicht hinein - anscheinend war dies nur Elfen gestattet. Diejenigen, welche ihm hätten helfen können, haben sich auf ihrer Suche nach Tavie jedoch bereits so weit entfernt, dass seine Präsenz nicht mehr auf ihrem inneren Radar erschien. So stand er mit seinem Bruder an der Seite da, ohne jegliche Ideen. Die Nacht schritt voran.

 


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