Er konnte sich wahrhaft nicht entsinnen, in welchem Jahrzehnt es geschehen war, dass die Schneetänzer an einer autonomen, von Magie angetriebenen Maschine gewerkelt haben. Die Zeit lag schon mehrere Säkula zurück, bei den Beginnen des exponentiellen Bevölkerungswachstums. Aus eben jenen Gründen wurde dringend zusätzliches Spielzeug gebraucht, welches wiederum Magie benötigte. So entstand daraus ein Großprojekt, das in den kommenden Jahren dringend gelöst und beendet werden musste – ansonsten hätten die kleinen Wesen halbe Nächte durcharbeiten und ihre Arbeitsgeschwindigkeit erhöhen müssen. Und das konnte er ihnen nicht zumuten. Nun traf es sich leider, dass die Magie der Schneetänzer zur Neige ging, da diese nicht nur den Sack des Weihnachtsmannes mit Energie speiste, sondern auch einen Teil der magischen Schutzkuppel über der Elfenstadt sowie deren Lichter, weil diese nicht mit Strom versorgt werden konnte. Und so häuften sich ihrer Tätigkeitsgebiete an, bis nicht mehr viel Magie zum Nutzen übrig geblieben war.

 

Die einst so grazilen, leichtfüßigen Elfen mit ihren hellblau-weiß-roten Anzügen, die stets Schneeflocken umtost waren, verloren an Lebenskraft, zogen sich immer weiter in den Wald zurück, um ein wenig Kraft zu tanken. An eben jenem Punkt beschlossen die alten, weisen Schneeflockenträger sich dazu, diesem schleichenden Dahinsterben ein Ende zu bereiten – sie konnten nicht mit ansehen, wie diese einst strahlenden Schneeflocken begannen, zu tauen. So begab sich das alteingesessene Gremium auf in die Wälder, zu den Bergen hin, wo tief im Inneren die wohlbehüteten Bibliotheken verborgen lagen. Dort schienen sie mehrere Wochen zugange zu sein, auf der Suche nach rettenden Energiequellen, die Leben und Schwung zurück in die Elfenstadt bringen würden.

Nun war es einmal so, dass ein großer Teil der Landschaften bereits vom Menschen berührt, verseucht worden waren, sodass sie keinen kraftvollen Ort finden konnten. Erschwert kam hinzu, dass sie bereits viele der in den Büchern festgehaltenen, altehrwürdigen Ideen bereits entdeckt und genutzt haben, weshalb sie entmutigt nach weiteren Hinweisen Ausschau hielten. Als dies jedoch nicht fruchtete, suchten sie anderen Wege – der eine verrückter als der andere. So ging das Gerücht um, dass man es nicht selten aus dem Berg knacken und krachen gehört haben soll, wenn man daran vorbei spazierte. Ob das der Wahrheit entsprach, konnte der Weihnachtsmann nicht sagen – ihm wurde letztendlich nur mitgeteilt, dass die Elfen mittels Landkarten und einem alten Zauber, der in einem der Bücher stand, einen unberührten Ort aufgefunden hatten.

Nach weiteren Forschungen, deren Ergebnisse ihm nicht mitgeteilt wurden, begab sich ein kleiner Trupp auf ihre Mission, ausgerüstet mit allen möglichen Hilfsmitteln, Bannen, Zaubern und Büchern, die ihnen nützlich sein konnten. Denn so viel sie auch recherchiert hatten, wussten sie nicht, wie man die Geheimtür öffnete – heute war es natürlich klar; ein Tropfen Blut gemischt mit Magie – geschweige denn, was in dieser Höhle hauste. Klar war nur, dass die Magie in Form eines kristallklaren Wasserbeckens gebündelt war, auf dessen Boden man Fossilien finden konnte, welche die Gestalt einer Muschel besaßen – nur wenige wussten, dass die ersten Tannenbäume in der Weihnachtsstadt mit Muscheln behangen waren. Und selbstredend wiesen die Zwillingsbäume auf den Eingang hin, wie hätte es auch anders sein können.

Deshalb war es für den Missionstrupp ein leichtes, die gesuchte Stelle zu finden,welche schwarz-weiß illustriert von einem Buch vorgeben wurde. Ihnen fiel es auch noch verhältnismäßig leicht, die Pforte zu öffnen, obschon sie nach einiger Zeit dermaßen frustriert waren, dass sie beinahe die Tür in die Luft gesprengt hätten – das wäre ein enormer Kraftaufwand gewesen. Ein Glück, dass sie es nicht getan hatten, da ihnen das Wesen im Inneren der Höhle – eine Wächterin – einen heftigen Kampf geliefert hatte, den sie nur deshalb gewonnen hatten, weil sie ihr zahlenmäßig weit überlegen waren.

Der Weihnachtsmann fragte sich, wie es heute nun sein würde, wenn die tapferen Schneetänzer damals verloren hätten. Existierte Weihnachten dann noch immer ? Und – würde in dem Fall Nikolaus überhaupt geboren werden? Hätte sie seinen Bruder nach all den Jahrhunderten verführen können? Die Antwort lautete wohl eher „Nein“, musste er sich eingestehen – und das auf alle Fragen. Und dabei hatte sie ihn nicht einmal verführt, rumorte es am lautesten durch seinen Kopf – sein Bruder ist freiwillig den Bund mit ihr eingegangen, nachdem er sie jährlich in der Menschenwelt besucht hatte. Ein Umstand, den er nicht völlig verstehen konnte, doch es war müßig, diesen Gedanken nachzuhängen… Denn sie befand sich wieder in eben jener Höhle, die sie viele Jahrtausende bewacht und vor vielen Jahrhunderten verlassen hatte. Und sie wartete dort auf Nick.

Resigniert und müde seufzte der alte Mann einmal auf und blickte in die Ferne, wo das Festland sich langsam abzuzeichnen begann – und mit ihm auch die Berge, zu welchen er sich mit seinem Bruder auf dem Schlitten-Platz neben ihm begab. Er hatte kein gutes Gefühl, was ihre Reise anbetraf, doch kampflos wollte er sich nicht ergeben – wovor er sich ergeben sollte, war ihm jedoch nicht völlig klar.


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