Mühsam versuchten die Elfen und Nanuq sich wieder aufzurappeln. Was war da eben geschehen? Einen Kraftstoß von diesem Ausmaß konnte selbst ein normal magisches Wesen nicht ausüben. Wie war Nikolaus über Nacht zu so einer Macht gekommen? Das Ausmaß an Kraft, die in dem Kraftstoß gelegen hatte, erinnerte eher an einen Grinch, als an einen Weihnachtsmann oder Schneetänzer. Aber wie und wann konnte er einem Grinch begegnet sein? Etwa in der letzten Nacht? Trotzdem war es mehr als merkwürdig, dass Nick plötzlich über so viel destruktive Magie verfügte. Um über die Kräfte eines Grinchs zu verfügen, musste man selbst ein Weihnachtshasser sein. Nur dann standen einem Grinch Tür und Tor zu einer Seele offen.

Allerdings war der Grinch auch in diesem Fall nur allzu selten willens, seine Macht mit dem betreffenden Weihnachtshasser zu teilen. Ein Grinch war nicht gesellig und schon garnicht erpicht darauf, jemanden mit einer ähnlichen Macht wie er selbst sie hatte neben sich zu dulden. Wenn er also Nick an seiner Macht teilhaben ließ, musste es dafür gewichtige Gründe geben. Er war ganz offensichtlich der Ansicht, dass Nikolaus das gelingen konnte, was ihm immer versagt geblieben ist - den Weihnachtsmann zu stürzen oder doch wenigstens in seinen Grundfesten zu erschüttern und so das Weihnachtsfest zu zerstören. All das könnte Nick, wenn er es nur wollte, tun. Aufgrund seiner Familienzugehörigkeit wäre der Verrat an Sinn und Werten der Weihnachtszeit für den Weihnachtsmann eine Katastrophe und würde ihn vernichten.

Warum aber, so fragten sich die Elfen, war Nikolaus der Weihnachtstradition gegenüber so negativ eingestellt? Das allerdings, so mussten sie sich bald eingestehen, ergab sich ganz von selbst und lag auf der Hand. Nick, der die meiste Zeit seines Lebens auf der Straße gelebt hatte, hatte nichts als Verachtung für Menschen, die - insbesondere in der Weihnachtszeit war das sehr schmerzlich - an ihm und seinesgleichen vorbei gingen und sie nicht einmal bemerkten. Nächstenliebe hörte offenbar da auf, wo der eigene Lebenskreis aufhörte. Jeder, der außerhalb stand - ganz besonders wenn derjenige Hilfe gebrauchen könnte - war unsichtbar in Zeiten von "Frieden und Liebe". Sich diesen Menschen zu widmen wäre viel zu anstrengend und unbequem. Also schauten sie einfach alle weg und belogen sich selbst darüber, wie aufgeschlossen und voller Liebe sie doch anderen Menschen gegenüber waren.

Nein, dass konnte man Nick wahrlich nicht vorwerfen. Besonders Nanuq-Tavie wusste das nur zu gut. Viele Jahre hatte sie mit ihm zusammen auf der Straße gelebt und erlebt, wie ihre Mitmenschen lachend und fröhlich weggeschaut hatten, um nicht von unbequemen Tatsachen belästigt zu werden. Dennoch hatte Nanuq nicht bemerkt, dass die Abneigung gegen Weihnachten so groß war. Ein bisschen Verwunderung schwang immer noch in ihr mit, also sie die anderen aufforderte: "Wir müssen ihn suchen! Mit dieser Kraft, mit dieser Macht....dürfen wir ihn nicht frei rumlaufen lassen! Habt ihr seine Augen gesehen, als der Kraftstoß seine Finger verließ? Ich habe den Verdacht, er ist besessen. Vielleicht weiß er garnicht, was er tut?". Diese Frage rief einige Skepsis bei den anderen hervor, die sich deutlich in ihren Gesichtern zeigte. Aber keiner widersprach ihr. Allen war klar, dass sie Nanuq damit sehr verletzen würden.

So setzten sie sich langsam in Bewegung. Zunächst war keinem so ganz klar, wohin sie sich eigentlich wenden sollten. Ihre Magie - die jedes Einzelnen - sagte ihnen, dass Nikolaus nicht mehr in der Nähe war. Seine Präsenz war genauso wenig zu fühlen wie die der fleißigen Elfen vom Nordpol. Aber nun, das sie zu viert waren, konnten sie ein magisches Kleeblatt bilden - eine magische Verflechtung, die es ihnen ermöglichte, bekannte Magie um ein Vielfaches zu verstärken, zusätzliche Magien zur Verfügung zu haben und ganz neue Magie zum Leben zu erwecken. Als magisches Kleeblatt stand ihnen nahezu die gesamte Welt der Magie offen - außer die der destruktiven, gefährlichen Magie. Diese Magie war und blieb dem Grinch und denen, mit denen er sie teilte, vorbehalten.

Kurze Zeit später hatten sie die Stadt hinter sich gelassen. Häuser gab es nur noch vereinzelt und die Weite von Feldern und kleinen Randstreifen lag vor ihnen. Zu einem dieser Randstreifen machten sie sich nun auf den Weg. Die Bäume und Büsche dort würden ihnen Schutz vor den Blicken anderer geben - wer auch immer sie beobachten mochte. Im Augenblick konnte er von der Ferne nur drei Menschen und einen Hund sehen. Aber das würde sich ändern, sobald sie in der Sicherheit der Bäume und Sträucher eingetaucht waren.

Kaum dort angekommen, verwandelte sich Nanuq unter Erschütterungen ihres Körpers zurück in eine Elfe. Die drei Anderen schauten ihr gebannt zu. Keiner von ihnen war der Verwandlung in ein Tier fähig und es war immer wieder ein wunder, bei diesem Schauspiel  zuzusehen. Aber nun, das sie ein magisches Kleeblatt bilden konnten, würde auch diese Magie den anderen Dreien zur Verfügung stehen. Allerdings war diese Verwandlung nicht ohne Risiken. Als Tieren würde ihnen allen nur ein Teil ihrer ursprünglichen Magie zur Verfügung stehen und dadurch war es schwierig - potenziell unmöglich - wieder auf Kraft des magischen Kleeblatts zurückzugreifen und sich zurück zu verwandeln. Tavie-Nanuq hatte über all die Jahre diese Erfahrung machen müssen. Manche Möglichkeit, die sie als Elfe hätte ergreifen können, blieb ihr als Hund verborgen.

Nun also in der körperlichen Gestalt einer Elfe, forderte Tavie die anderen auf, den Tanz der Hände zu beginnen und die alten Formeln zu sprechen. Langsam - neugierig, begierig, aber auch ein wenig ängstlich - traten die vier Elfen zusammen und begannen ihr Ritual mit dem initialen Ineinanderlegen ihrer Hände, die alsbald einen geheimen Tanz vollführten und sie immer tiefer in Trance versetzte. Kurz darauf war die Formel gesprochen und ein Ziehen und Reißen ging durch ihre Körper. Lichterschlangen umrankten ihre Körper und hoben sie in die Höhe, so dass sie einen Meter mit durchgebogenem Rücken in der Luft schwebten. Aber das Spektakel dauerte nicht lange an. Kaum waren sie wieder auf den Beinen, ließ die Trance nach und mit nun wieder wachem Verstand sahen sie sich an. Jeder wußte von jedem, was er dachte und so waren keine Worte mehr nötig.

Stumm legten sie ein weiteres Mal ihre Hände ineinander, bündelten dadurch ihre Kraft und sandten einer Sucher aus. Der Sucher - eine ätherische Figur zum Auffinden von Präsenzen - verharrte kurz, nahm die Informationen zu Nikolaus auf, die ihm die vier Elfen wortlos übermittelten und stieß sich dann in lichte Höhen. Auf und davon...nun hieß es warten. Die vier Elfen setzten sich ins Gras, jeder mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt, die nun jede der anderen Elfen ebenfalls wahrnehmen konnte, und warteten.

Nach einer Zeit, die allen unendlich lang erschienen war, kehrte der Sucher zurück. Erwartungsvoll sahen sie ihn an. Als er jedoch begann, dass Erfahrene mit ihnen zu teilen, blieben ihnen vor Entsetzen die Münder offen und die Augen weiteten sich voller Furcht. Der schlimmste Fall war eingetreten. Wie sollten sie Nikolaus nur davor bewahren?


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