Der Mond stand bereits seit einigen Stunden über den Bäumen, Fledermäuse waren mittlerweile aktiv, auf Beutejagd unterwegs, und der Wind jagte durch das Gesträuch und erzeugte ein hohles Pfeifen, ließ die Fenster des kleinen Holzhauses wackeln, in dem rege ein gold-rot glänzendes Feuer tanzte, ohne müde zu werden, wodurch die schlafende Person in der eisigen Nacht warm gehalten wurde. Dennoch lag diese nicht friedlich schlafend auf dem ältlichen Bett, sondern warf sich hin und her, zerwühlte das Bettlaken und bäumte sich nach Luft schnappend auf. Wer ihm zu diesem Augenblick an die Stirn fassen würde, hätte sie entsetzt wieder weggezogen und die leicht angebrannten Finger gepustet. Je wärmer das Feuer zu werden schien, desto höher stieg auch seine Körpertemperatur – ein flammender Kopf-an-Kopf-Kampf, den er manch einmal für sich zu entscheiden schien.

Ein Stöhnen entrang sich seinem Mund, Schweißperlen liefen seine Stirn hinab, ehe sie verdampften, seine Zähne zitterten unkontrolliert; angespannt stemmte er die Knie unter seinen Körper, versuchte dem Zittern Herr zu werden und er warf die dünne Decke nun ganz von sich, auf der Suche nach kühler Luft. Diese war jedoch vollständig aus dem Zimmer entschwunden. Sein Körper fühlte sich an, als würde er in Flammen stehen. Der Schmerz schwoll zu einer unerträglichen Last an, überschwemmte ihn und ließ stundenlang nicht nach – fast wünschte er sich, tot zu sein. Und als er das Gefühl hatte, wahrlich nicht länger kämpfen zu können, erklang ein leises Wispern, welches von allen Seiten zu dringen schien, und sich, in seinen Ohren festsetzend, immer weiter in seinen Kopf vorkämpfte. Komm zu mir . Ein letztes Beben durchlief ihn, ehe der erste befreite Atemzug seine Lungenflügel verließ. Nikolaus schlug die Augen auf, brachte sich in eine aufrechte Stellung und begann, seine Stiefel, Jacke, Mütze und Schal anzulegen, ehe er die Tür öffnete, sich zuvor noch einmal umdrehend, um das Feuer mit schneidendem Luftzug auszupusten, und in die Nacht verschwand.

Ohne zu wissen, wohin er sich wandte, setzte er einen Fuß nach dem anderen auf, schlug eine Schneise durch den Wald, Fußspuren im strahlend weißen Schnee hinterlassend – doch es kümmerte ihn nicht; sollten sie nur kommen – bis dahin wäre er verschwunden. Früher hätte es ihn gestört, wäre ein Verstoß gegen seine ureigensten Prinzipien gewesen, wenn er so offensichtlich Spuren hinterlassen hätte, schließlich könnte es den Unterschied zwischen Leben und Tod ausmachen – doch bei dem Gedanken daran spürte er nichts. So ging er seines Weges weiter, schweigend durch die finstere Nacht bis es aufhörte, zu dunkeln, und die Morgendämmerung einsetzte. Zu jenem Zeitpunkt hatte er die Waldgrenze erreicht, die ersten Häuschen kamen bereits in Sicht und wiesen ihm die richtige Route zur Stadt hin.

Er lief mehrere Straßen entlang, seine Beine hätten eigentlich schon schmerzen müssen, ohne das passende Auto, geschweige denn eine menschenleere Gasse vorzufinden, wo er ein Auto hätte kurzschließen können – die Menschen machten sich auf den Weg zu Arbeit. Doch dies beunruhigte ihn nicht, da er alle Zeit der Welt besaß; allerdings musste er sich vom Park fernhalten, wie die Stimme ihm zuflüsterte. Deshalb wandte er sich in Richtung Shopping-Meile, vertraute darauf, dass die dort herrschenden Emotionen stark genug waren, um seine Präsenz zu übertünchen. Auch hier waren die Schaufensterläden festlich geschmückt, strahlten geradezu in ihrem Glanz, buhlten um die Aufmerksamkeit der Käufer, die sich vor Sales-Schildchen nicht mehr retten konnten. Doch er lief gleichgültig hindurch und war am anderen Ende der Stadt angelangt, ehe er es richtig realisiert hatte.

Und dann hörte er ein ihm bekanntes Bellen, hörte Pfoten hart auf dem Asphalt auftreffen, woraufhin er sich, aus seiner Trance kurzzeitig erwacht, überrascht umdrehte. Da stand sie vor ihm und fast schien es ihm, als wäre keine Zeit seit dem Tag auf dem Weihnachtsmarkt vergangen. Doch dann sagte sie: „Nimm mich wieder auf! Bitte!“ Er wusste nicht, wie er darauf reagieren sollte, der Groll machte sich neben Unbehagen in ihm breit, der Begriff „Verrat“ erschien vor seinem geistigen Augen, aber auch all die gemeinsamen Nächte sowie gemeinsamen Erlebnisse – kurzum: Er war wie erstarrt. Doch dann wisperte die Stimme erneut, drängte ihn dazu, ein wenig nach rechts zu blicken, wo ihn die spitzohrigen Wichte mit offenen Mündern anstarrten.

Aus irgendeinem Grund war ihm das zu viel, ein weißer Schleier legte sich auf seine Auge, die Zeit schien erneut in Zeitlupe zu verlaufen und in seinem Inneren schien sich etwas zusammenzubrauen – langsam aber sicher wandte sich ein Strahl seine Finger hinauf, verlangte, dass ihm freien Lauf gelassen wurde. Ohne, dass er sich wehren konnte, verließ seine Fingerspitzen ein orkanböenartiger Kraftstoß seine Fingerspitzen, riss die Elfen und den Hund von den Füßen, entwurzelte sämtliche Büsche entlang der Straße, schmiss das ein oder andere Auto um und ließ nahestehende Fenster ohrenbetäubend laut zerspringen. Ehe er jedoch inspizieren konnte, welches Chaos er angerichtet hatte, sprang er in die Lüfte, vollführte eine Schraube in der Luft und war im nächsten Moment verschwunden.

Er hatte sich in seine Bestandteile aufgelöst, war eine Einheit mit dem Wind geworden; er ließ sich in ihm tragen, treiben; immer weiter gen Nordwesten verschlug es ihn; Vögel ließen sich von ihm mitnehmen, ganze Dörfer strichen unter ihm hinweg und trotz allem, was geschehen war, fühlte er nichts als die rauen Winde, die pure Freiheit, die starke Einheit mit etwas viel Größerem, als ihm selbst. Er verlor sich in den unendlichen Weiten des Himmels, weshalb es lediglich mildes Staunen hervorrief, als die Dunkelheit einbrach und sich Sterne auf dem Himmelszelt breit machten, ehe sie den Strahlen der Sonne wichen. Allerdings schwächten die Winde immer weiter ab, sodass er sich aus eigenem Antrieb heraus gleiten lassen musste – und dies war schwerer, als gedacht. Zugegebenermaßen dachte er auch nicht, sondern erspürte die Böen instinktiv, wodurch er letztendlich doch an seinem Ziel ankam, was auch immer dieses sein mochte.

Er sank immer tiefer, durchstrich die Wälder im hohen Norden, vereinte sich mit den Lüften des Meeres, bevor ein lauter Knall die Vögel sowie andere Tiere aufschrecken ließ und Nikolaus´ Einzelteile sich wieder zusammensetzten. Eine Sekunde, ehe sich der trübe Dunst seine Nervenbahnen verbreitete, durchzuckte ihn ein peitschender Stich, aber dieser Moment währte nicht lange. Daraufhin kam er hart auf dem Boden auf, stauchelte kurz und fand sich am Fuß eines Bergmassives wieder, welches eine Haube aus Wolken trug. Unbeteiligt erkundete er seine Lage, suchte nach greifbaren Anhaltspunkten, die ihm in Form von den Zwillingsbäumen, welche in geraumer Ferne den Eingang zu Höhle markierten, geliefert wurden.

Obwohl sich in seinem tiefsten Inneren etwas sträubte, betrat er binnen kürzester Zeit den düsteren Höhleneingang, dessen Dunkelheit jedoch von den Spiegelungen der Mineralsalze und kleinen blau funkelnden Steine unterbrochen wurden. Und kaum stand er mit dem ersten Bein drinnen, zog ihn alles zur hinteren Wand hin – als sei sie ein Magnet, der ihn mit aller Kraft anzog. Ehe er es sich versah, ertasteten seine Finger bereits die raue, kalte Wand, welche entlang einer senkrechten Linie wärmer zu werden schien. Er wusste nicht, woher ihm dieser Gedanke kam, doch Nikolaus war klar, dass dieser Bereich einen Eingang, eine Tür markierte.

Wie in Trance stand er vor der steinernen, mit Reliefs durchzogenen Tür, die so massiv aussah, als könnte niemand ohne ausdrückliche Genehmigung des Besitzers die Schwelle übertreten. Und so lächerlich es ihm erschien, dass jemand sein Klopfen zur Kenntnis nehmen würde, schlug er mechanisch ganz hart zu – doch zu hören war nichts weiter als der widerhallende Klang im höhlenartigen Vorraum, der nach einigen Minuten verklungen war. Dennoch tat sich nichts weiter, als dass ein paar lose Steine von der Wand rieselten – ansonsten allerdings… Er wurde zwar nicht angegriffen, die Höhle schloss sich auch nicht auf mystische Weise von alleine, aber die Tür bewegte sich einen kleinen Zentimeter weit.

Stunden verstrichen und er erstarrte nach wie vor starren Auges an die Wand – es verhielt sich nicht so, als dass er nicht bereits eine gewisse Zeit ausharren und Ruhe bewahren hatte müssen – sei es, weil er sich vor die Polizei versteckte oder er einem sehr schwierigen Taschenfall auf der Spur war – doch ohne ersichtlichen Grund hatte er seine Geduld nie so lange auf die Probe gestellt. Irgendetwas zog ihn nichtsdestotrotz zu eben jener Höhle hin, erfüllte ihn mit einer durchdringenden Ruhe, die ihn alles vergessen und ausschließlich im Moment leben ließ, denn alles andere war nebensächlich. So erschrak er auch nicht, als die steinerne Wand von ihrem Platz rückte und zur Seite glitt, um den Blick auf einen länglichen Gang, der in einem großen Raum mit einem in den Boden eingelassenen blau glitzerndem Becken mündete, gewährte. Von dort aus brandeten Wellen aus Energie gegen Nikolaus, bannten und berauschten ihn, weshalb er auch nicht entsetzt zurückwich, als er die Gestalt im Eingang erkannte.


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