Kaum hatten Fiona und Tavie wieder festen Boden unter den Füßen, duckten sie sich in die Büsche und blickten sich um. Irgendetwas war anders, als es sein sollte! War da eine Präsenz - eine sehr vertraute noch dazu - die da nicht sein sollte? Oder vielleicht doch? Sie waren Nick seit 15 Jahren auf der Spur. Was konnte sich alles in dieser Zeit ändern. Selbst wenn es nur ein Wimpernschlag im Leben eines Elfen war, konnten die Dinge sich doch komplett geändert haben. Offenbar waren auch andere Elfen auf seiner Spur - Schneetänzer! Diese Tatsache war beruhigend und beängstigend zugleich.

Doch im Augenblick schien keiner der Schneetänzer anwesend zu sein. Dass zumindest konnte ihre perfekte Ortungsmagie ihnen sagen. So  erhoben sie sich langsam wieder aus den Büschen und sahen sich neugierig um. Mitten in einem Wald hatten sie ihre "Landung" nicht erwartet. Was sollte hier schon sein? Doch dann fanden sie eine Spur - eine Spur, die noch garnicht so alt war. Gestern Abend vielleicht. Und ja, es war die Spur von Nick. Was also konnte ihn hier angelockt haben? Langsam folgten sie seiner Spur, die nach wie vor überdeutlich war. Es konnte nicht allzu lang her sein, dass es hier vorbei gekommen war. Kaum hatten Fiona und Tavie richtig Fahrt aufgenommen, sahen sie auch schon eine alte Hütte. "Stopp! Ich glaube, da drinnen ist immer noch Nick!", sagte Fiona. Tavier wiegte ihren Kopf hin und her, sagte jedoch nichts. Für sie war die Präsenz nicht stark genug. Allerdings konnte sie sich auch irren. Wer konnte das schon sagen?

Also beschlossen sie, einige Zeit zu warten und die Hütte zu beobachten. Rauch stieg nicht mehr aus dem Schornstein, wie sie zu ihrem Bedauern feststellen mussten. Allerdings war die Präsenz von Nick noch sehr stark. Aber das konnte andere Gründe haben. Nachdem sie eine Zeit hinter Büschen und Bäumen verborgen die Hütte beobachteten hatten und kein Zeichen davon zu vernehmen war, dass sich jemand darin aufhielt, stahlen sie sich im Schatten der Bäume vorwärts zu Eingang und drangen dann mit lautem Knall durch die Tür in die Hütte ein.

Die Tür flog fast wie in Zeitlupe auf. Jedenfalls hatte Tavie das Gefühl, als würde vom ersten Energieschwall gegen die Tür bis zu ihrem Brechen aus den Angeln eine Lebensspanne vergehen. Aber schließlich standen sie doch an der Schwelle des Hauses, warfen einen erste gehetzten Blick in den Innenraum und kamen augenblicklich zu dem Schluss, dass Nick den Ort schon vor Stunden verlassen hatte. Erneut - es war kaum einige Stunden her - durchsuchten sie magisch den Raum nach Hinweisen auf Nick. Allein - es war nicht viel zu finden. Ja, er hatte die Nacht hier in dem Bett verbracht. Ohne jeden Zweifel war es Nick gewesen. Das allein jedoch erregte nicht ihre Aufmerksamkeit.

Gleich, nachdem die Tür aus den Angeln geflogen war, hatten Fiona und Tavie die Anwesenheit von Magie gesprührt. Und nun stand der Ofen vor ihrem geistigen Auge - schwarz wie die Nacht in seiner magischen Aura - und sprach Bände davon, dass er letzte Nacht mit Magie entzündet wurde. Fiona und Tavie sahen sich mit großen Augen an. Konnten sie das übersehen haben? Nick hatte magische Kräfte? War das vielleicht der Grund, weshalb Fiona ihn all die Jahre nicht ausfindig machen konnte. Der Grund, weshalb auch Tavie ihn nicht orten konnte und erst auf ganz normale Sichtung hin reagieren konnte? Das konnte doch nicht wahr sein! Er hatte sie all die Jahre an der Nase herumgeführt?

Tavie - gefangen in einer Verbundenheit zu Nick, die sich über viele Jahre entwickelt hatte - fühlte sich betrogen. Wie konnte er nur...? Wie konnte er sie nur so hintergehen? Sie hatte ihm - als Nanuq - alles gegeben! Freundschaft, Schutz, Hilfe....Liebe! Wie konnte es sein, dass er vor ihr seine Magie verborgen hielt? Wie mächtig musste diese sein, dass er sie vor ihr geheim halten konnte? Verwunderung und Verzweiflung standen ihr ins Gesicht geschrieben. Nein! Das konnte nicht sein! Und dennoch - der Ofen erzählte eine andere Geschichte! Eine, an der es keinen Zweifel gab!

Mit hängenden Schultern setzte sich Tavie auf den einzigen Stuhl in der Hütte und starrte trübsinnig vor sich hin. Fiona konnte ihr Dilemma ahnen, wusste jedoch nicht, wie sie ihrer Schwester helfen sollte. So standen und saßen sie eine Weile schweigend umher, bis Tavie sich räusperte: "Wir müssen ihn finden! Wer weiß, welche Schicksalsstränge er in der Zwischenzeit gesponnen hat. Ich hoffe, es sind nur seine eigenen und nicht die Unschuldiger!" Fiona sah ihr Schwester voller Mitleid an. Am liebsten hätte sie Tavie von ihrem Stuhl in ihre Arme gerissen. Aber sie ahnte, dass Tavie nun ein bisschen Abstand brauchte, um diesen Verrat erstmal zu verdauen.

Letztendlich jedoch machten sie sich auf und  fanden sie eine Spur, die in eine Stadt zu führen schien. Viele Gedanken und Gefühle - eindeutig von Menschen - vermischten sich in der Richtung, in die Nick gegangen zu sein schien. Also folgten sie ihr - vorerst! Nierdergetrampeltes, halb gefrorenes Gras und abgebrochene Zweige bestätigten sie darin, dass auch Nick diesen Weg gegangen sein musste. Schließlich stießen sie auf die ersten Häuser einer Vorstadt, die zu etwas Größerem zu führen schien. Vorgärten und Häuser waren weihnachtlich geschmückt und machten einen heimeligen Eindruck. Fiona und Tavie folgten die Spur, die stärker geworden war und standen Stunden später im Zentrum der Stadt, von  dem aus in viele Richtungen Wege abzweigten, die sie jedoch alle nicht interessierten - alle, bis auf einen! Tavie war kurz versucht, sich wieder in Nanuq zu verwandeln und loszurennen. Aber hier, vor all den Menschen, war das nicht möglich! Magie durfte niemals in der sichtbaren Menschenwelt gewirkt werden. So suchten sie sich eine stille Stelle, von der sie annahmen, dass niemand sie beobachten würde, und Tavie begann mit ihrer Verwandlung.

Ein Zittern ging durch ihren Körper, die auf aufrechte Gestalt - geschüttelt von  Stößen tief aus ihrem Inneren -  verkrümmte sich und sie kam auf allen Vieren zu stehen. Der Kopf formte schmerzhaft eine Schnauze und die Körperbehaarung begann zu wachsen. Die Beine verkürzten sich, die Hände und Füße wurden zu krallenbewährten Pfoten....Nanuq entstand aus einem Wesen, dass ihr körperlich fern stand, Jaulte vor Schmerzen stand sie schweißgebadet in der Gasse und sprang doch schlussendlich glücklich über ihre liebgewonnene Gestalt um die Beine von Fiona, die sich nicht recht getraute, den pelzigen, kleinen Freund wie einen Hund zu begrüßen. Verwandlungen dieser Art waren immer hart - für die Betroffenen und diejenigen, die Zeuge wurden. Kein Stein blieb dabei auf dem anderen, kein Atemzug glich demjenigen davor. Letztendlich hatte Tavie es geschafft. Sie schien keinen großen Schaden davongetragen zu haben und sogar glücklich, wieder ein Hund zu sein. Fiona war es recht - sie besaß nicht die Magie, sich in ein Tier zu verwandeln zu verwandeln. Auch unter Schneetänzern war diese Gabe selten. Aber Tavie schien glücklich zu sein und mehr konnte sie nicht verlangen! Leicht - und ohne das Tavie-Nanuq sie sehen konnte - lächelte sie und freute sich für ihre Schwester, dass sie ihrer Natur wieder nachgeben konnte.

Kaum war Tavie-Nanuq wieder Herr ihrer hündischen Sinne, rannte sie auch schon los! Der Geruch von Nick vernebelte ihr die Sinne und machte sie ganz rasend. Bei ihm sein! Das war alles, was sie in dieser Gestalt noch wollte. Nick! Bei ihm sein! Minuten später stand sie mit bebenden Lenden, hängender Zunge und flehenden Augen wieder vor ihm: "Nimm mich wieder auf! Bitte!" Nick, der niemals mit ihr gerechnet hatte, wusste, dass sie nun Tavie war und sie dennoch liebte, als wäre sie nie jemand anderes als Nanuq  gewesen, stand vor ihr und starrte sie mit offenem Mund an....

Zwei paar Augen waren ihr gefolgt und die dazugehörigen Münder standen nun ebenfalls offen....


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