Ganz leise, aus weiter Ferne war das Hämmern der stählernen Werkzeuge aus den hölzernen Werkstätten der Elfen zu vernehmen; die Rentiere scharrten mit ihren Hufen, da sie es sich sehnlichst wünschten, bald in die Lüfte zu steigen und den Erdboden hinter sich zu lassen. Die Schneegestöber ließen nach wie vor nicht nach, gaben ihre pfeifende Melodie von sich, in welche die arbeitenden Elfen fröhlich einstimmten. Sie schlitterten immer schneller auf Weihnachten zu, der Endspurt wurde eingeleitet und es herrschte eine freudige, elektrisierende Stimmung vor. Denn der Weihnachtsmann hatte nur wenige darüber aufgeklärt, was vorgefallen war – ansonsten wurde Stillschweigen bewahrt.

Nachdem die Schneetänzerin entdeckt und gefangen genommen worden war, ohne sich zu einer Kooperation bereit zu erklären, wurden alle anderen Mitglieder in Gewahrsam genommen – erstaunlicherweise war jeder einzelne von ihnen ohne Gegenwehr mitgekommen, obschon sie ebenfalls keine Antworten von sich gaben. Nur die alte Leier wurde jedes Mal von neuem abgespielt – wie ein unbekanntes Lied, aus dem ein Vers entnommen wurde, ohne dass der Kontext gegeben war. So bekam er ausschließlich, „Sie sind auf der Suche.“ zu hören. Aber nach was? Mit derlei Hiobsbotschaften konnte er leider nicht das Geringste anfangen.

Doch so gerne er in Erfahrung bringen wollte, was hinter seinem Rücken vonstatten ging, widerstrebte es ihm, Magie gegen seine Elfen anzuwenden – und deshalb saß er die letzten Tage, wenn er nicht gerade organisatorisches zu tun hatte, nahezu permanent vor der Zelle und starrte die Schneetänzer mit ruhigen Augen an. Obwohl er sich alle 365 Tage in die Menschenwelt begab, war er solch einem von Zeit geprägten Zustand langsam entrückt, sodass man sich dazu hinreißen konnte, zu sagen, er habe alle Zeit der Welt.

Während er so auf dem harten hölzernen Stuhl saß, schweiften seine Gedanken in alle erdenklichen Richtungen, ohne dass er mit 100%iger Sicherheit zu sagen vermochte, auf des Pudels Kern gestoßen zu sein. Er wusste nicht, ob die beiden Elfen auf der Suche nach dem neuen Weihnachtsmann oder dem ihres Anführers waren, ganz zu schweigen davon, ob sie eine weitere magische Energiequelle erschlossen haben, so wie es Dekaden zuvor geschehen war, als sie eine Unterwasserhöhle samt Natur-Wasserbecken entdeckt hatten, auf dessen Grund wunderliche versteinerte Muscheln lagen, die eine starke Aura ausstrahlten. Doch auch selbst wenn er dies gewusst hätte, würde es nicht viel über deren Aufenthaltsort aussagen. So grübelte der Weihnachtsmann weiter und brummte manchmal in seinen Bart hinein. 

Aus unerfindlichen Gründen tauchte wiederholt das Gesicht seines Neffen vor seinem inneren Auge auf – so, wie er ihn zum ersten und letzten Mal gesehen hatte: Durch eine Schneekugel, kurz bevor er gerettet werden sollte. Nur weshalb er gerettet werden sollte, konnte er beim besten Willen nicht sagen. Sicher, sein Bruder hatte an jenem einen Abend eine Andeutung gemacht, dass Nikolaus´ Mutter kein Unschuldslamm war, ein Teil von etwas Größerem, Düstereren. Aber als er nachgebohrt hat und mehr herausfinden wollte, stellte sich sein Bruder stumm. Und aus Taktgefühl fragte der Weihnachtsmann nicht nach – es war nicht immer gut, in alten Wunden zu stochern. Und wer weiß, ob er die Wahrheit wirklich hätte hören wollen.

Nun lag die Sache ein wenig anders, denn zu dem Bild des jungen Nikolaus gesellte sich ein älteres Abbild, entstanden aus den Dunstschwaden verheißungsvoller Träume. So drängte sich immer häufiger die Frage auf, wer seine Mutter war. Wer konnte schon sagen, dass er nicht zu ihr zurückgekehrt war nach all den Jahren, wo er doch anscheinend quicklebendig war. Und welch eine unglaubliche Nachricht dies für seinen Bruder sein musste!

Deshalb saß er nun nach langem Überlegen in seinem hochaufgeschlossenen roten Sessel, starrte in jene Schneekugel, die ihm manchmal Blicke in die Zukunft gewährte, Orte auf der anderen Welt zeigte und das ein ums andere Mal als Telefonersatz diente, und wartete auf seinen eigenwilligen Bruder. Er durfte ihn mit seinen Fragen und Informationen nicht überfahren, doch ein untrügliches Gefühl gebot ihn zur Eile.

Als sich die Tür nun nach einiger Verspätung ohne vorheriges Klopfen öffnete – so wie es sein Bruder stets gehandhabt hatte – saß der Weihnachtsmann wie auf heißen Kohlen, ohne es sich jedoch anmerken zu lassen. „Du wolltest mich sehen? Und das so kurz vor deinem Festtag, mitten in den Vorbereitungen. Dies muss wirklich eine dringliche Angelegenheit sein. Was verschafft mir die Ehre?“ Mit verschränkten Armen blieb er in der Tür stehen und starrte mit verkniffenem Mund auf seine Fingernägel. „Setze dich doch bitte vorerst. Ich habe einiges mit dir zu besprechen.“ Er wedelte abwehrend mit der Hand. „Wie ein kleiner Schulelf soll ich mich vor dich setzen? Nun, nein danke. Hier ist es angenehmer.“ Also blieb dem Weihnachtsmann nichts anderes übrig, als zu nicken und ihn gewähren zu lassen. Es war nicht allzu klug, seinen Bruder bereits jetzt gegen ihn aufzubringen.

Bedacht setzte er also an: „Du weißt, dass ich dich nur selten um einen Gefallen bitte. Ebenso ist dir bewusst, dass es stets einen triftigen Grund hat, zumindest hoffe ich, dass du dies ebenso empfindest.“. Da keine wesentliche Reaktion erfolgte, fuhr der Weihnachtsmann fort, „Meine Bitten stelle ich meist im Sinne des Allgemeinwohls und so verhält es sich auch dieses Mal, das solltest du wissen. Und wenn ich dir nun diese eine Frage stelle, wünsche ich sehr, dass du sie auch beantwortest, denn das Schicksal der Weihnachtswelt wird davon betroffen sein.“ Dieses Mal wartete er auf das Nicken seines Bruders, welches, nachdem er ihm lange in die Augen geblickt hatte, ernst und abwägend erfolgte – nur knapp und kaum spürbar, doch eindeutig vorhanden. 

„Ich danke dir sehr. Die Angelegenheit ist von höchster Wichtigkeit. Und nun höre bitte gut zu – so sehr es dir auch widerstreben mag, so hoch die Mauer zwischen uns auch sein mag – du musst darüber nachdenken. Es geht um die Mutter deines Sohnes. Nein, höre zu...“, sprach er schnell weiter, als sein Bruder ihn wütend unterbrechen wollte, „Bitte. Ich muss wissen, wo sie lebt, welches Wesen sie ist… Ich werde mit offenen Karten spielen.“, und noch ehe der Weihnachtsmann mit dem Vorwurf, wann er bitteschön jemals mit offenen Karten gespielt habe, konfrontiert werden kann, schiebt er hinterher: „Nikolaus lebt. Er lebt und scheint wohlauf zu sein – zumindest erschien er mir so in meinen Träumen. Einmal in dunklen Gassen, später in Wäldern unterwegs, zuletzt in einer Hütte schlafend...“ Seine Stimme verlor sich, als sein Bruder langsam auf den Boden rutschte und ihn mit glasigen Augen ansah. „Nach all den Jahren… Noch immer am Leben. Wo ist er?“, wollte er begierig wissen. Nicht mehr viel. Sanft erwiderte er: „Ich weiß es nicht - dafür brauche ich deine Hilfe. Wirst du es mir sagen – um seinetwillen?“

Gequält atmete sein Bruder einmal tief ein, sprach sich Mut zu und schleuderte ihm seine Antwort daraufhin nahezu trotzig hin. Dem Weihnachtsmann schien es, als wäre seine gesamte Luft mit diesem Hieb entwichen, ein Schlag, der getroffen hat – und das gewaltig. Ein langer Seufzer entfuhr ihm.


Comments powered by CComment