Es waren einige Tage vergangen, ehe dem ältlichen Herren auffiel, dass sein Auto nicht mehr an Ort und Stelle stand, sondern fröhlich durch die Weltgeschichte fuhr – freilich ohne ihn. Als er dies jedoch bemerkt hatte, lief er auf direktem Weg zur örtlichen Polizei-Behörde, die nach einem roten Oldtimer und seinem Nummernschild fahnden sollte. Da er nur so wenig Rente erhielt, traf ihn der Verlust wie einen Faustschlag. Und so füllt er wie mechanisch die Formulare aus, beantwortete Fragen und ging anschließend wie betäubt die gut besuchten Straßen entlang, die Weihnachtsstände ignorierend, zurück Nachhause.

Dort spielte sich währenddessen jedoch ein anderes Szenario ab, als er dachte – anstatt dass die Wohnung rustikal, schlicht gehalten und verlassen vorlag, sind, kurz nachdem er sich auf den Weg gemacht hatte, zwei junge Frauen hinein spaziert und haben wie von Geisterhand jede einzelne Schublade geöffnet, wobei sie Wertgegenstände und Vermögen einfach liegen ließen – viel gab es davon eh nicht zu holen. Nachdem dies eine viertel Stunde lang so ging, ohne jeglichen Effekt zu erzeugen, wurde die kleinere der beiden Frauen ungeduldig und zischte durch zusammengebissene Zähne zu ihrer Partnerin: „Tavie, er könnte jeden Moment zurückkehren. Hier wirst du definitiv nichts von Nikolaus finden, also was suchst du?“ Ihre Nerven waren zum Reißen gespannt – seit Jahren waren sie nun schon auf dieser Mission – und kurz bevor sie vor ihrer Erfüllung stand, schien sie erneut zum Scheitern verurteilt.

Doch ihre Sorgen wurden nur minimal besänftigt: „Keine Sorgen, der Aufnahmebestand der Straftat kann mehrere Stunden dauern – es ist eine furchtbare Zettelwirtschaft. Diese Straftat zählt zudem nun einmal nicht zu den obersten Prioritäten.“ Zeitgleich schritt sie weiter durch die Flure und versuchte Mittels ihrer Gabe Schwingungen aufzufangen. Irgendwo musste er doch sein… Während ihre Schwester entspannt, aber hochkonzentriert einher schritt, wurde sie von Fiona mit Blicken erdolcht. Ihre Aussage sagte jedoch noch immer nichts darüber aus, weshalb die beiden Elfinnen diese Wohnung durchsuchten. Nick würde schließlich keine Sachen von sich hier deponiert haben - dieser Glaube wäre eine wahnwitzige Wunschvorstellung, die letzte Hoffnung, die Fiona hatte, an die sie jedoch nicht glaubte. In den letzten Tagen waren sie durch Straßen gewandert, stets auf der Suche nach ihm – und als sie ihn nicht fanden, suchten sie nach seinen Wertgegenständen, um wenigstens seine ungefähre Aufenthaltsrichtung bestimmen zu können, so schwach der Zauber auch wirken möge. Doch auch diese Hoffnung blieb vergeblich. Irgendwann stießen sie jedoch auf seine Fährte, welche die beiden zu eben jener Straße führte und dann abrupt endete – ohne Tavie hätte Fiona nicht einmal bis dahin gefunden.

Und nun standen sie hier. „Wenn du mir sagen würdest, wonach du suchst, könnte ich dir ja vielleicht helfen. Nur ein alberner Vorschlag, weißt du. Aber so könnte es wirklich ein klitzkleines bisschen schneller gehen und wir wären fort, ehe dieser Herr hier aufkreuzt und aufgrund von Hausfriedensbruch erneut zur Polizei gehen muss…“ In just diesem Moment stieß Tavie jedoch bereits einen Laut des Triumphs aus – und hielt einen Autoschlüssel in die Höhe. Zufrieden mit sich selbst wandte sie sich ihrer Schwester zu: „Ich wollte dir keine unnötigen Hoffnungen machen, ehe ich nichts handfestes besaß – doch mit diesem Schlüssel könnten wir versuchen, das Auto zu tracken und Nicks Route zu verfolgen.“ Leichten Fußes kehrte sie um, bewegte sich zu Haustür hin und schnippte einmal mit den Fingern – die Schubladen schlingerten ein wenig, ansonsten geschah allerdings nichts – und das rief einen ziemlich besorgten Ausdruck auf Tavies Gesicht, den Fiona jedoch nicht sehen konnte, da sie aus dem Fenster heraus starrte und die Straße observierte.

Deshalb schlich sie sich mit ihrer Beute bereits die Treppe hinunter und überließ es Tavie, ihre Spuren zu beseitigen, was diese mit Leichtigkeit hinbekam. Unten angekommen, bogen sie erst um die Querstraßen, bis sie bei Fionas alter Unterkunft ankamen, ehe sie ihr weiteres Vorgehen besprachen. Einstimmig beschlossen sie, sich heute noch auf die Suche zu begeben; schließlich stand die Sonne erst im Zenit und ihre Art der Fortbewegung war um Welten schneller, als die der Sterblichen ohne (und mit) Fahrzeugen. So packten die beiden das nötigste ein, verriegelten die Tür beim Hinausgehen und machten sich auf zur nächsten Bushaltestelle, von der aus es ins Umland gehen sollte, am Besten in einen nahe gelegenen Waldabschnitt. Dort würde ihr Macht so groß wie möglich sein, betrachtete man die Lage ihrer momentanen Umgebung – denn der Wald war eine ihrer elementarsten Energiequellen, ihr Ursprung und der Ort, an den sie im Tod zurückkehren würden, um ihre eigene Lebensenergie und Weisheit allen kommenden Generationen zur Verfügung zu stellen. Und je ursprünglicher das Land war, desto stärker war die Kraft, welche sie Anzapfen konnten.

So ließen die beiden die Stadt hinter sich und begannen, freier zu atmen, sie spürten, wie eine ungeahnte Last von ihren Schultern genommen wurde, fühlten ihre Magie unter der Hautoberfläche langsam zum Leben erwachen, prickelnd durch die Adern strömen. Zum ersten Mal seit ihrer Begegnung fühlten sich die Schwestern einander wieder zugehörig, nicht mehr ganz so sehr von einander distanziert – die gläserne Mauer zwischen ihnen begann zu bröckeln; feine Risse zogen sich hindurch, verursacht von der Magie, die sie zusammenhielt.

Nach einer kurzen Fahrt stiegen sie in einem kleinen Dörfchen aus, welches in der Nähe eines Wäldchens erbaut wurde, zu welchem sie sich hin wandten. Einem Trampelpfad folgend kämpften sie sich immer weiter in das Herz vor; geschmeidig glitten sie durch das Gebüsch, übersprangen die ein oder anderen Baumstümpfe, bis sie auf einer schmalen Lichtung ankamen, nur ein lichtes Blätterdach über ihnen, der Schnee nur hauchzart über den Blättern verteilt – doch das genügte. Beide inhalierten einmal die nahezu klare Luft; Fiona erwachte zuerst aus ihrer Ekstase und holte den Schüssel aus ihrer Westentasche, schloss die Augen und begann ein uraltes Lied zu singen – die Wirkung auf die Natur war erstaunlich; Äste wiegten sich im Wind, Blätter begannen erneut zu grünen, Knospen wuchsen aus den fast abgestorbenen Zweigen, die Schneeflocken reihten sich zu einem fröhlichen Reigen ein und umschwirrten Fiona, die sich selbst langsam einmal um sich herum drehte und dann gen Süden gerichtet stehen blieb. Ihr Gesang schwoll ein letztes Mal klar und hell an, schien jeden Winkel des Waldes zu durchdringen, jedes Lebewesen, ehe er abklang. Daraufhin schlug sie ihre Augen auf.

„Irgendein Störfaktor erschwerte die Suche, doch ich glaube, dass ich seine Spur nachverfolgen kann. Wirst du mir folgen?“ Fiona streckte ihrer Schwester ihre Hände entgegen – doch es war nicht ihre Schwester, welche ihre Hände ergriff, sondern eine Schneetänzerin, die vollkommen in ihrem Element zu stehen schien und erst danach Schwester, Tochter, Geliebte war. Kraftvoll stießen sie sich vom Erdboden ab, nahmen alle Schneeflocken aus ihrer Umgebung auf, bündelten sie um sich herum, während sie immer höher stiegen, die Welt des Menschlichen, selbst die der Elfen hinter sich ließen und eins mit ihrem Element wurden – kurz darauf flogen Schneeflocken, kristallin glänzend und in Sekundenschnelle durch die Luft, für das bloße Auge kaum erkennbar.

Wie lange sie unterwegs gewesen sind, konnte keine von beiden sagen, aber eine Sache stand fest: Kurz, nachdem sie auf der freien Grasfläche gelandet waren, die Bäume um sie herum jegliche Laute verschluckend, ein bis zur Unkenntlichkeit verbranntes Auto vor sich stehend, schlugen zwanzig Kilometer weiter zwei überraschte Elfen ihre Augen auf, weile sie eine neue, magische und doch vertraute Präsenz spürten.  


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