Meine Güte! War das ein Schlag, als der Kraftstoß die beiden Elfen traf! Nachdem Kaylam und Shay wieder zu Bewusstsein gekommen waren, rieben sie sich die Köpfe und Arme und schauten sich verwundert an. Damit hatten sie wahrlich nicht gerechnet. Diese Kraft, die in Nick steckte, war viel größer, als sie jemals vermutet hätten. Langsam stahl sich ein Lächeln auf ihre Gesichter und schließlich grinsten sie um die Wette und sahen sich triumphierend an. Viele Gerüchte hatten davon gesprochen, dass Nick's Mutter kein Mensch gewesen war und nun war fast klar, dass sie es nicht gewesen sein kann.

Der Bruder des Weihnachtsmanns ist zwar auch ein magisches Wesen - von Geburt an. Jedoch verfügt er naturgemäß nicht über den Magievorrat des Weihnachtsmanns selbst. Ein Kind von ihm und einer Menschenfrau kann also eigentlich nur weniger Magie besitzen. Nicht so Nick. Er schien mehr Magie als der Weihnachtsmann zu besitzen und - was wirklich erstaunlich war - andere Magie. Diese andere Magie konnte zu Verteidigung und Angriff genutzt werden und war potentiell gefährlich. Deshalb war sie dem Weihnachtsmann nicht zugänglich. Nick jedoch - auch wenn er ganz offensichtlich nicht wusste, dass er darüber verfügt und wie er sie handhaben kann - hatte sie ganz natürlich benutzt. Ohne sie willentlich zu rufen, war sie durch ihn hindurch und aus ihm heraus geströmt und hatte ihn dabei nicht mal geschwächt.

Immer noch standen den beiden Elfen vor Erstaunen die Münder offen. Aber nun mussten sie sich langsam Gedanken darüber machen, wohin Nick verschwunden sein könnte. Sie mussten ihn dringend finden und davon überzeugen, dass er Pflichten hatte, die es zu erfüllen galt. Nach ihrem ersten Fehlschlag war ihnen allerdings klar, dass sie dabei listig vorgehen mussten. Eine direkte Konfrontation mit ihren Erwartungen kam nicht in Frage. Damit waren sie bereits einmal gescheitert. Sie würden sich etwas anderes überlegen müssen. Aber genau darin waren Schneetänzer großartig.

Zunächst aber mussten sie ihn finden. Die Vermutung lag nah, dass er sich in Richtung einer größeren Siedlung aufgemacht hatte. Vermutlich eine Stadt. Mit vereinten Kräften setzten sie ihre Magie ein, um eine größere Menschenansammlung zu orten. Gar nicht so weit entfernt stießen sie auf viele Gedanken und Gefühle, die - wie sie mittlerweile wussten - das typische Muster von Menschen aufwiesen. Also machten sie sich auf den Weg in Richtung Norden, aus der sie die Schwingungen aufgefangen hatten. Bald schon stießen sie hier und da auf abgebrochene Zweige oder vereinzelte Fußspuren auf dem feuchten Boden. Sie waren sich sicher, dass Nick vor nicht allzu langer Zeit hier entlanggelaufen ist. Geortet allerdings hatten sie ihn in der großen Ansammlung der Menschen noch nicht.

Bald schon erreichten sie die ersten Ausläufer der Stadt mit ihren weihnachtlich geschmückten Vorgärten und Fenstern. Der Tag ging langsam in die Nacht über und die Dunkelheit legte sich wie ein großes Tuch über die Stadt. Da sie Nick noch immer nicht geortet hatten, wollten sie sich zunächst einen Baum für die Nacht suchen und am nächsten Morgen nach ihm Ausschau halten.

Derweil - einige Kilometer weiter südöstlich - stand Nick in einer kleiner Hütte im Wald, an der er vorkam, als er in die Stadt fliehen wollte. Draußen war es mittlerweile dunkel geworden. Aber die Hütte schien zumindest zeitweise bewohnt zu sein und so gab es jede Menge Feuerholz und Papier, mit dem er sich ein Feuer im schmiedeeisernen Ofen entfachen könnte. Könnte wohlgemerkt, denn Streichhölzer konnte er nirgends finden. So lag das geknüllte Papier unter Holzspänen und kleinen Scheiten im Ofen und schaute scheinbar herausfordernd zu ihm herraus. Missmutig nahm er sich einen Stuhl, setzte sich vor die offene Ofenklappe und schaute verdrießlich in das dunkle Loch, dass ihm eigentlich Licht und Wärme spenden sollte. Nachdem er einige Zeit vor sich hingestarrt hatte, glitten seine Gedanken wieder zurück zu der Begegnung mit den beiden Elfen? Was hatten sie noch gesagt...sie könnten ihm ein Zuhause bieten und ihn dem Weihnachtsmann vorstellen? Hatte man schon je von solch einem Blödsinn gehört?

Langsam stiegen schlechte Laune und Zorn wieder in ihm hoch. Er fühlte sich schon fast wieder wie der alte Nick, als ihm plötzlich wieder einfiel, wie diese Kraft aus ihm geströmt ist. Sie hatte sich angefühlt wie ein Befreiungsakt, der losgelassen wurde. Als wäre eine Mauer in ihm zerbrochen, die ihn immer eingeengt hatte. Irgendwie fühlte er sich nun anders, freier, mehr er selbst. Er hatte fast das Gefühl, jetzt endlich zu sich selbst gefunden zu haben. Er wusste genau, dass die Kraft, die er entfesselt hatte, aus ihm gekommen war. Wo genau ihr Ursprung jedoch lag, vermochte er nicht zu sagen. Ratlos starrte er auf seine Hände, die ihm bislang seinen Lebensunterhalt gesichert hatten und derer er sich auf vielfältigste Weise bedienen konnte und begriff nicht, wie die Kraft durch sie hindurch aus ihm heraus geströmt war. Er versuchte, sich an dieses Gefühl zu erinnern und wieder aufleben zu lassen. Aus seinen Händen jedoch floss keine neue Magie. Nach einiger Zeit gab er resigniert auf, starrte vor sich hin, schalt sich im Stillen einen Dummkopf und legte sich irgendwann übellaunig auf das Bett.

Aber die Gedanken kamen und gingen und ließen ihm keine Ruhe. Irgendwann war er so genervt von seiner Schlaflosigkeit und inneren Unruhe, dass er mit der Hand eine unwillige, wegwerfende Bewegung machte, die all dies verscheuchen sollte. In diesem Augenblick flog ein Funke aus seinen Fingern, landete in der offenen Ofenklappe und entfachte darin augenblicklich ein Feuer, dass sich lustig durch das Knüllpapier und die Holzscheite fraß. Schlagartig saß Nick in seinem Bett, schaute erst auf seine Hand, dann auf den Ofen, dann zurück auf seine Hand... Er konnte es kaum glauben. Aber ganz offensichtlich hatte gerade eben wieder Magie gewirkt. Langsam ließ er sich wieder in das Kissen gleiten. Das Lächeln auf seinem Gesicht wurde immer breiter und schließlich gab ihm die Zufriedenheit, die ihn nun erfüllte, die nötige Ruhe, um doch noch einzuschlafen.


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