Wie lange er nichts mehr gegessen geschweige denn getrunken hat, konnte er bei bestem Willen nicht sagen; selbst der Schlaf kam mit etwa vier Stunden in den letzten Tagen recht kurz, denn seine Gedanken kehrten immer wieder zu jener Nacht zurück, riefen zwanghaft ihr Gesicht vor sein inneres Auge. Unaufhörlich hallten ihre letzten Worte nach, hinterließen einen bitteren Beigeschmack und ließen jegliche zuvor geäußerten Aussagen nichts und nichtig werden: „Es wäre Zeit, ihn dem Weihnachtsmann vorzustellen….“ All die Jahre war es lediglich ein abgekartetes Spiel gewesen – sie hat ihn hintergangen, belogen, benutzt… Tavie – ein fremder Name, der ihm auf den Lippen lag. So fremd wie ihm deren Trägerin war; er kannte sie nicht. Nein. Stattdessen war er nicht mehr als eine Marionette gewesen, die sie nun weiter reichte, da sie sich selbst kaputt gespielt hatte..

Doch so würde er nicht mit sich umgehen lassen; es war verdammt noch mal nicht ihr Recht, über seine Nase hinweg über ihn zu entscheiden, selbst wenn er nur  ein Straßenkind war, verloren in der Welt. Mit zusammengebissenen Zähnen krallte er sich am Lenkrad fest, die Augen rot gerändert auf die verschlungenen Straßen gerichtet. Wohin ihn sein Weg führte, wusste er nicht; die Hauptsache bestand darin, auf direktem Weg in den Süden zu fahren und so viel Distanz wie möglich zwischen sich und die beiden… Elfen zu bringen. Und er schlug sich wahrlich nicht schlecht – das Tachometer zeigte ihm ein Stand von 85210 an – als er das erste Mal darauf geblickt hatte, zählte der Stand 1500 km weniger. Dennoch ist er noch über keine Grenze gekommen – eine ziemlich merkwürdige Angelegenheit.

Um herauszufinden, wo genau er sich befand, spähte er in der Ferne nach Ortsschildern – die letzten Stunden fuhr er bereits nur durch Waldregionen, ab und zu an einem Dörfchen vorbeifahrenden und jede halbe Stunde einmal einem Auto begegnend, aber ansonsten herrschte friedliche Stille. Nick hatte das Gefühl, er müsse wahnsinnig werden; er kannte nichts als den Großstadtlärm, den ständigen Trubel, die grellen Lichter und Häuserfluten. Dort gab es immer etwas, was ihn vor seinen Gedanken retten konnte – nun lag der Fall anders. Und nicht einmal das verfluchte Radio funktionierte.

Wenn Lieder gelaufen wären, hätte er vermutlich den protestierenden Motor nicht gehört. Das lärmende Rumoren hielt noch ein paar Kilometer an, ehe das Auto aufgab und stehen blieb. Fluchend hieb er aufs Lenkrad, schnallte sich ab und stieg aus, um sich den Schaden näher zu besehen. Als er die Motorhaube öffnete, stieg sogleich Dampfschwaden hinauf und versperrten ihm jegliche Sicht. Nachdem sich der Dunst gelichtet hatte, riskierte er einen Blick und stellte bei seiner Inspektion fest, dass er zu wenig von Autos verstand, um dieses zu reparieren. Zudem roch etwas ziemlich angebrannt – und da er keine Ersatzteile geschweige denn Werkzeug mit hatte, blieb ihm nichts anderes übrig, als sich seinen Rucksack zu schnappen und weiter zu gehen, bis er sich in der nächsten Stadt, oder sei es auch nur ein Dorf, das nächste Auto kurzschließen konnte. Und dieses mal, so schwor er sich, würde es eins mit Radio und einer besseren Reichweite sein.

Dank seiner guten Konditionen erblickte er binnen kürzester Zeit das nächste Ortsschild, welches ihm voraussagte, er würde in den nächsten 3 km auf den nächsten Ort treffen – eine kleine Stadt, so weit er sich richtig entsann. Zumindest hat es so ausgesehen, als er die Karte aus dem Auto gelesen hatte. Erleichtert lehnte er sich an das Schild und holte ein paar Mal tief Luft; der Wassermangel machte sich deutlich bemerkbar und er würde einiges für einen Becher voll Wasser tun. Oder einen Bach! Oder einen Fluss…

So vertieft er in seine Träume war, bemerkte er nicht, wie zwei Augenpaare ihn aus den dunklen Ecken des Waldes heraus gebannt beobachteten. Man hätte meinen können, dass er ein seltenes, außergewöhnliches Tier sei, an dessen Anblick sie sich erfreuten und welches sie unter gar keinen Umständen verschrecken wollten. Nun ja, ähnlich verhielt sich die Situation wohl auch. Die beiden konnten ihr Glück nicht fassen, da er einfach so ihren Weg kreuzte! Sie hatten nichts tun müssen, als ein paar Tage zu warten und ihre magischen Fühler auszustrecken. Ihre Wahrträume hatten sie nicht in die Irre geleitet, ganz im Gegenteil! Obwohl sie seine Präsenz, jetzt, da er in der Nähe und ziemlich geschwächt war, wahrnehmen konnten, würden sie nicht behaupten, ihn orten oder geschweige denn folgen zu können.

Deshalb beratschlagten sich Kaylam und Shay bereits seit einer Stunde darüber, wie sie auf ihren neuen Anführer zugehen sollten – sein permanentes Gefluche und die tief in Falten gezogene Stirn wirkten nicht allzu einladend. Da sie ein Gespräch mit ihm jedoch nicht in der Stadt beginnen wollten, weil dies eine streng vertrauliche Angelegenheit höchster Obliegenheit darstellte, beschlossen sie, ihn jetzt abzupassen.

Langsam lösten sie sich aus dem Schatten und gingen ruhigen Fußes auf Nikolaus zu, ließen ihm genug Zeit, sie zu bemerken. Und mit jedem Schritt, den sie näher kamen, traten seine Knöchel weiter heraus; sein Kiefer malte sich deutlicher ab und seine Sehnen waren zum Reißen gespannt. Solche Ohren hatte er erst vor kurzem gesehen, die Statur glich der Tavie´s und diese Augen! Die Farbe war ebenso kohlrabenschwarz wie die Fionas. Diese kleine Elfe sollte ihm bloß nicht zu nahe treten – ansonsten steckte ein Messer in seiner linken Hosentasche. Mit dem Elfenmann hätte er vielleicht ein Wort gewechselt, wenn ihn sein Blick nicht instinktiv auf Distanz gehalten hätte – er verriet nichts, nicht die kleinste Gefühlsregung, nicht, was er als nächstes zu tun gedenkt. Und das machte ihn verdammt gefährlich.

Als Kaylam und Shay nur noch ein Dutzend Meter von ihm entfernt waren, zischte er: „Keinen Meter weiter...“, die Drohung hing für jeden Mann sichtbar in der Luft, er musste sie nicht vervollständigen, denn sie war offenkundig. „Was wollt ihr?“ Ein zartes aber festes Stimmchen antwortete: „Einfach nur reden. Wir kommen von weit her..“ „Offensichtlich. Von dem neuesten Hollywood-Film-Set bis hierher muss es wirklich ein weiter Weg gewesen sein. Ich präzisiere: Was wollt ihr von mir?“ Sie versuchte erneut anzusetzen, verständnisvoll klingend, entschuldigend. Doch das war alles nur Lug und Trug, wie er wusste. Misstrauisch kniff er die Augen zusammen. „Das ist eine unglaubliche Geschichte und du wirst uns wahrscheinlich nicht glauben, doch wir entstammen einem alten, seltenen Elfengeschlecht, welches dem Weihnachtsmann dient. Und doch verfügen wir seit jeher über eine besondere Form der Magie.“ Obwohl in diesem Teil des Waldes der Winter mit seinem Schnee noch nicht ganz angekommen war, ließ die kleine Elfe das Wasser aus dem Boden gefrieren, bis kleine, filigrane Schneeflocken um ihre Finger tanzten und sich immer schneller zu drehen begannen – sie hob ihre Hand und schickte sie gen Himmel, wo sie sich in den Weiten verloren.

Daraufhin blickte sie ihn wieder an; der junge Weihnachtselfenmann stand nach wie vor stumm hinter ihr. Sie fuhr fort: „Nun ist es so, dass nur alle Jahrhunderte ein Schneetänzer, wie die meisten uns nennen, das Licht der Welt erblickt. So liegt der Fall auch so, dass unser letzter Anführer verstorben ist und niemand nachrücken konnte – doch nun haben uns Träume dich geschickt, uns hier her geführt, damit wir mit dir reden, dich mit Nachhause bringen können. Wir haben so lange gewartet...“ Zaghaft streckte sie einen Arm aus. Doch Nick fühlte sich immer bedrängter, wollte fort von all dem Irrsinn. „Wir könnten dir ein Zuhause bieten, dir beibringen, deine Gabe zu kontrollieren, dich dem Weihnachtsmann vorstellen...“ Mit jedem Wort kam sie unbewusst ein Stück näher; sie versuchte, Kontakt und Nähe herzustellen, ihn verstehen zu lassen, was dies bedeutete. Doch er konnte wieder nur an Tavie und ihren Verrat denken, daran, dass sie ihn nur ausnutzen würden, daran, dass er verdammt noch einmal nur ein normaler Straßenjunge war, mehr nicht. So nahm er sie als Bedrohung war und als nichts anderes sonst. 

„Bleib mir vom Leib!“ Fast kam es wie ein Knurren über seine Lippen. „Bitte, ich wollte doch nur...“ Was sie wollte, würde er wohl nicht herausfinden, da sie erneut einen Schritt und auf ihn zuging, ehe ihr Partner sie hatte zurückhalten können. Und dann schien die Zeit still zu stehen und doch lief alles in rasender Geschwindigkeit ab. Schützend hatte Nick seine Arme vor sich gerissen, bereit, sich bis zum letzten Atemzug zu wehren. Aber so weit musste es nicht kommen: Eine Sekunde später verließ seine Hände ein ungeheurer Kraftstoß, der Kaylam und Shay mit voller Wucht hinten über schleuderte und gegen einen Braum prallen ließ, unter dem sie reglos liegen blieben. Ihm hätte es ebenso ergehen können, wenn das Schild den Stoß nicht abgefangen hätte. Doch so stand er nun da und blickte fassungslos zwischen seinen Händen und den auf den Boden liegenden Gestalten hin und her. Und noch ehe er die Lage richtig realisiert hat, nahm er seine Beine in die Hand und rannte los gen Stadt, den Wald hinter sich lassend.


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