Hatten sie sich das wirklich gut überlegt? Aber eigentlich blieb ihnen keine andere Wahl. Sicher, sie hätten ihren Ausflug in die Welt der Menschen auch später machen können. Aber beide Schneetänzer wurden schon seit vielen Wochen von Träumen heimgesucht, die ihnen gesagt hatten, dass es an der Zeit war, sich auf den Weg zu machen. Und dann, ganz plötzlich, erfuhren sie in ihren Träumen, dass nun der Zeitpunkt richtig war und die Sterne günstig standen. Was also hätten sie tun sollen, als sich unversehens auf den Weg zu machen? Die Träume hatten ihnen gezeigt, wohin sie zu gehen hatten und auch, wen sie dort treffen würden.

Dennoch war die Welt der Menschen sehr befremdlich. Es gab so viele Regeln, an die man sich halten musste und die Wichtigste von allen war KEINE MAGIE! Das Risiko, entdeckt zu werden, war einfach zu groß. Sicher, sie konnten Kontakt zueinander auf magische Weise aufnehmen, wenn sie nicht zusammen waren. Sie konnten Signale senden, wenn einer sich verlaufen hatte. Aber ihren Kakao mussten sie sich - wie alle anderen auch - selber holen. Auch Verwandlungen in der Öffentlichkeit waren streng verboten. Dann wären sie sofort eingefangen und in Haft gesetzt worden. Nicht, dass das wirklich etwas genützt hätte. Wer sich in Nebel verwandeln konnte, den konnten auch keine Gitterstäbe halten. Aber die ganze Geschichte würde ein riesiges Aufsehen machen und wenn sie dann auch noch verschwinden würden, würde sich die Aufregung bis zum Nordpol rumsprechen und dann wüsste der Weihnachtsmann, wo die beiden steckten. Der allerdings durfte nichts von ihrer Mission erfahren. Auch das hatten die Träume unmissverständlich zum Ausdruck gebracht.

Ein bisschen tat ihnen der alte Mann ja schon leid und egal, wie unabhängig Schneetänzer agierten und lebten, ihrem Weihnachtsmann waren sie dennoch treu ergeben und es schmerzte sie schon ein wenig, einfach so davongeschlichen zu sein. Das war einer der Gründe, warum Keylam und Shay mit langen Gesichtern durch die Straßen liefen. Das und das Regenwetter, welches sie in der Menschenwelt begrüßt hatte. Während der Nordpol  in wunderschönem Weiss erstrahlte, war hier alles braun und grau und trüb. Ein Grund mehr, sich erstmal eine Bleibe zu suchen, die sie während ihres Aufenhalts hier beherbergen würde.

Im Park vor ihrer Nase standen immer wieder Baumgruppen mit dichten Buschwerk darunter. Garnicht lange, und Shay zeigte auf einen Baum, der augenscheinlich zumindest zum Teil hohl war und eine Öffnung nach außen hatte. Verborgen hinter hohem, dichten Buschwerk, durch das kaum Licht fiel, war es das ideale Versteck für die nächsten Wochen. Hier konnten sie sich ihr Rückzugsgebiet einrichten.

Indem sie sich ein wenig gasförmig machten - nur so viel, dass die Magie nicht meilenweit geortet werden konnte - drangen sie in ihre kleine Baumhöhle ein und mit ihrem zur Perfektion gebrachten Ausdehnungszauber machten sie aus dem hohlen Stamm ein geräumiges Zimmer mit mehreren Ausbuchtungen, die sie später für ihre Schlafstätten nutzen wollten. Ja, hier konnte man es aushalten. Durch den Eingang fiel ein wenig Licht und der Boden war mit Laub des letzten Herbstes belegt. Für heute hatten sie auf jeden Fall ein Dach über dem Kopf und einen ruhigen, warmen Platz zum Schlafen. Morgen konnten sie sich dann um alles Weitere kümmern.

Für heute erstmal wollten sie sich nur zurecht legen, wie sie morgen vorgehen wollten. Da sie nicht wussten, wen genau sie suchten, würden sie die Person an einigen Merkmalen erkennen können und müssen. Da war zunächst die Fähigkeit, sich magisch zu verständigen. Weiterhin war die Person vollständig in die Menschenwelt integriert und völlig unauffällig und drittens besaß sie die Fähigkeit, sich magisch zu verstecken, ohne physisch verschwinden zu müssen. Vor allem die beiden letzten Punkte bereiteten ihnen Kopfschmerzen. Wie sollten sie jemanden finden, der völlig unauffällig war und sich magisch versteckt halten konnte? Auch die Magische Kommunikation war nicht besonders erfolgsversprechend. Wer nicht davon ausgeht, dass ihn jemand auf diese Art und Weise versteht, würde es vermutlich nicht versuchen, so zu verständigen.

Aber darüber wollten sie sich Morgen Gedanken machen. Für heute blieb nur noch, sich einen Haufen mit trockenem Laub zusammen zu schieben und hinein zu wühlen. Diese Nacht jedenfalls war erstmal gerettet.


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