Die Sonne ging langsam am Horizont unter und tauchte die Stadt in einen orange-roten Schein. Die Gassen wurden immer düsterer, auch in den Wohnstuben breitete sich langsam Dunkelheit aus, weshalb die beiden Schneetänzerinnen mit einem Fingerschnippen das Feuer im Kamin entzündeten und mehrere Kerzen gleichzeitig anbrannten, die das gesamte Zimmer erhellten und sich romantisch im Fensterglas spiegelten. 

Nachdem die beiden Schwestern ihre Wiedersehensfreude genossen sowie sich die Geschichte der anderen angehört haben, saßen sie eine Weile schweigend auf dem samtenen Sofa nebeneinander und dachten über das Gehörte nach. Und je länger Fiona darüber sinnierte, desto mehr Fragen stellten sich ihr: So sehr sie sich auch freute, ihre Schwester wieder bei sich zu wissen, so fremd schien sie ihr nach all der vergangenen Zeit. Obwohl sie zehn Jahre gebraucht hatten, um Nikolaus zu finden – aus unerfindlichen Gründen ließ sich dieser nicht orten – sind bereits fünfzehn weitere Jahre ins Land gestrichen, ohne dass sie einander gesprochen haben. Wie konnte das sein? Weshalb hatte Tavie sie nicht kontaktiert, geschweige denn auf ihre Energieimpulse geantwortet? 

Immer weiter stauten sich die Fragen an, bis Fiona überzuschwappen drohte und letztendlich mit der Frage herausplatzte, weshalb das so lange gedauert hat. Wütend und mit all ihrer Kraft schlug sie auf das Polster ein, ließ ihre angestaute Angst, all den Frust und die Verzweiflung der letzten Zeit heraus. „Ich dachte, du wärst tot!“ Doch Tavie, die immer die temperamentvollere der beiden Elfenmädchen gewesen war, saß ruhig neben ihr und murmelte gedankenversunken: „Fünfzehn Jahre sind eine lange Zeit...“ Fiona holte einmal tief Luft und presste zwischen zusammengepressten Zähnen hervor: „Goldrichtig. Also würdest du die Freundlichkeit besitzen und mir erklären, weshalb das so lange gedauert hat? Wie konntest du… unsere Mission bloß so vergessen?“, sie sah so aus, als wollte sie ihr etwas anderes vorwerfen, doch stattdessen schob sie hinterher, „Wert ist er es zumindest nicht.“ 

Einen kurzen Augenblick glomm Wut in den haselnussbraunen Augen auf, doch dann antwortete Tavie müde: „Glaube mir, ich hatte definitiv nicht vor, so lange zu bleiben. Mein ursprünglicher Plan war es, sein Vertrauen zu gewinnen, ihn dann in eine Gasse zu locken und dann zu überwältigen. Nicht einmal in meinen wildesten Träumen habe ich mir ausgemalt, so viele Jahre auf der Straße zu leben, einige Nächte hintereinander mit leerem Bauch schlafen zu gehen, Halsabschneider zu vertreiben oder vor Ladenbesitzern und Polizisten wegzurennen, weil wir containert oder geklaut haben, um den nächsten Tag zu überleben. Sicherlich gab es auch gute Zeiten, insbesondere zur Zeit von Jahrmärkten, doch ansonsten...“ Ein mattes Seufzen ertönte. 

Obwohl die Schilderungen ihrer Schwester schmerzten, wie ein heißes Schürhaken die Brust durchdrangen, drang sie weiter: „Und warum bist du nicht eher gekommen?“ 

„Obwohl er sich mitten in jener Nacht an mich gedrängt hatte, war er am nächsten Morgen, als er aufwachte, distanziert und auf der Hut – er traute mir nicht, versuchte mich zu verscheuchen. Auch die darauffolgenden Tage hielt er Abstand, machte in der Nacht kein Auge zu. Nach einigen Tagen begann er aufgrund von starkem Hunger erneut seinem Tagewerk nachzugehen, immer drei Meter von mir Abstand haltend – doch er ließ mich mitkommen... So brauchte ich, wenn ich ehrlich sein soll, einige Monate, ehe er mich über seinen Schlaf wachen ließ, doch...“ Fiona unterbrach sie erneut und warf ihr vor, dass sie Nikolaus an diesem Punkt hätte überwältigen und mitbringen können. 

Ein strenger Blick begegnete dem ihren und Tavie fuhr resolut fort: „… doch ich habe genug Zeit mit ihm verbracht, um zu bemerken, dass er nicht wie die ganzen Weihnachtsmänner zuvor ist. Sie sind von jeher gütige, weise Männer gewesen, die es sich leisten konnten, Glück und Freude in die Welt zu bringen. Sie besaßen stets genug, um es mit anderen zu teilen, mussten nie darum bangen, ihre Existenzgrundlage zu verlieren. Und das freut mich von Herzen für all diese guten Männer und tollen Anführer, aber Nikolaus ist anders… Er kennt die Welt von einer anderen Seite, sieht all das Dunkle, das Schlechte, die Abgründe, welche nach all den Jahren auch ein Teil von ihm geworden sind. Dieser permanente Überlebenskampf ließ ihm oftmals keine andere Wahl, als gegen seine moralischen Werte zu handeln. Und so stumpften sie immer weiter ab, weshalb er so ist, wie nun einmal heute ist… All das hat ihn geprägt, natürlich, doch aus eben jenem Grund wusste ich nicht, ob man ihn überhaupt in die Weihnachtswelt einführen könnte… Ich weiß es immer noch nicht.“, ein erneuter Seufzer, „Er versteht all die Straßenkinder zwar wie kein Zweiter, bringt ihnen sogar Verständnis und Mitgefühl entgegen, selbst wenn man dies nicht auf dem ersten oder achtundzwanzigsten Blick sieht, aber er empfindet den reichen Kindern und ´Jugendlichen gegenüber meist nur Hass und Abscheu… Dabei können sie für ihr Los ebenso wenig wie er für seines. An Weisheit fehlt es ihm definitiv noch. Aber, um des Weihnachtsmannswillen, ich kann ihn sogar verstehen, nach all den Jahren auf der Straße! Manche sind einfach furchtbar!“ 

Eingesunken saß die zierliche kleine Gestalt auf der roten Couch und starrte ins Leere. Stille machte sich zwischen den beiden breit, die schwer in der Luft hing und jeden kleinen Winkel durchdrang. Obschon das Feuer im Kamin nach wie vor lodernd knisterte, war ihr so kalt, wie lange nicht mehr – all die Wärme der Wiedersehensfreude war aus Fiona gewichen und sie starrte ihre Schwester mit neuen Augen an. Dennoch konnte sie sich diese letzte Frage nicht verkneifen, so sehr sie auch von Mitleid und Trauer erfüllt war. „Und warum hast du trotz allem nichts von dir hören lassen? Ich hätte dir helfen können!“ 

Sanft erwiederte Tavie: „Mir ist durchaus bewusst, dass auch du schwere Zeiten hinter dir hast, schwierig auf ihre ganz eigene Art und Weise. Aber ich konnte keinen Kontakt aufnehmen. Nicht, weil ich es mir nicht gewünscht habe, sondern weil es nicht ging. Ich weiß nicht, wie er es geschafft hat, doch es ist ihm gelungen, meinen Verbindungskanal zu dir zu kappen.“, als Fiona die Augen aufriss und erstaunt fragen wollte wie das ging, fuhr Tavie rasch fort, „Ich glaube nicht einmal, dass er es selber weiß.“ „Was weiß?“ „Dass er ebenfalls ein magisches Wesen ist. Nicht so, wie der Weihnachtsmann – seine Magie fühlt sich anders an. Ein wenig wie unsere und dennoch besitzt sie eine andere Komponente. Frag nicht weiter nach, ich bin mir meiner Theorie noch nicht gewiss, ganz zu schweigen von deren Wahrheitsgehalt.“

Und so sehr Fiona weiter in sie eindringen, von ihrer Vermutung wissen wollte, hielt sie in sich und fragte stattdessen, was nun geschehen würde. Resigniert zuckte Tavie mit den Schultern und meinte, dass es wohl längst Zeit wäre, Nikolaus dem Weihnachtsmann vorzustellen… 

Während die beiden Elfenmädchen die Flammen löschten und sich langsam niederbetteten, hockte ein geschockter Nikolaus auf dem Dachsims und versuchte das Gehörte zu verdauen. 

Nachdem die mysteriöse Frau verschwunden war, ist er ihr auf samtenen Sohlen bis zu diesem Haus gefolgt, hat die Tür des Nachbargebäudes aufgebrochen, um im obersten Stock aufs Dach zu klettern und zu dem Fenster von Fiona, deren Namen er nun wusste und die zum Glück in der obersten Etage lebte, zu laufen. Doch was er dort erfuhr, ging ihm bis ins Mark und nun wusste er nicht, was er vom Gesagten glauben sollte, und was nicht. Zumindest war ihm jedoch klar, dass er hier nicht bleiben konnte. Und obwohl ihn jede Faser dazu drängte, zu fliehen, hielt er einen Augenblick inne, um an Nanuq – Tavie – zu denken, die er eigentlich hatte retten wollen. Alles schien sich um ihn zu drehen, die Welt kippte aus ihren Angeln und ihm blieb nichts weiter übrig, als sich an der Dachkante festzuhalten, um nicht vornüber zu fallen. Hätte er am heutigen Tag bereits etwas zu essen gehabt, wäre es ihm wieder hoch gekommen. So erfasste ihn lediglich das Gefühl einer umfassenden Leere. 

Das Gefühl des freien Falls hielt ebenfalls an, als er bereits wieder auf ebenem Boden angelangt war und in der nächsten Gasse verschwand. Mehrere Quergassen später hielt er inne und blickte sich nach einem passenden Auto um, welches er kurzschließen könnte. Zwar hatte ihm jemand seinen einen Geldbeutel entwendet, aber dieser enthielt im Übrigen nur zwanzig Euro, da er nie sein gesamtes Bargeld an einer Stelle verstaute, sodass er eigentlich nicht auf Diebstahl zurückgreifen müsste, allerdings hielt er es für unerträglich, den Bus nehmen zu müssen – er brauchte Abstand, Freiheit. Und so aufgewühlt und wütend er auch war – seine Hände verrichteten mechanisch ihre Arbeit; perfekt und zuverlässig wie immer. 

Ein paar Minuten später bog ein rostroter Wagen um die nächste Ecke und verschwand im Getümmel der Stadt, über ihm die Sterne und eine Menge Flüche sowie Schimpftiraden hinter sich.


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