Nachdem Fiona außer Nick's Sicht war, griff sie in ihre Manteltasche und holte eine kleine pelzige Kugel hervor. Lachend hielt sie sie auf Augenhöhe und blickte das kleine, wütend knurrende Etwas an. "Du hast ihn wohl ganz schön lieb gewonnen, den verkommenen Ganoven!" Angriffslustig sprang Nanuq auf ihrer Hand hin und her und versuchte, Fiona in die Nase zu beißen. Aber die lachte nur noch mehr und in einer Seitenstraße, als keine Menschenseele zusah, ließ sie den Hund auf den Gehsteig gleiten. Mit einem Schnipps ihrer Finger wurde Nanuq wieder normal groß und attackierte Fiona. Die aber lachte nur und ging, ohne weiter auf Nanuq zu achten, weiter. Sie wusste ja, der Hund würde ihr folgen.

 15 Minuten später waren sie beide in einer kleinen Gasse angekommen, die seit vielen Jahren Fiona's Zuhause war. Soweit man von Zuhause hier, mitten in einer Stadt, überhaupt reden konnte. Nein, ihr Zuhause und auch das von Nanuq lag ganz woanders. Hier hatten sie einen Auftrag zu erfüllen. Aber heimisch würden sie sich hier, in einer Welt ohne Magie, nie fühlen. Langsam öffnete Fiona die Haustür, ließ Nanuq hindurch und stieg Seite an Seite mit ihr die Stufen zu der kleinen Wohnung empor, zu der nur sie einen Schlüssel hatte.

Kaum hatten sie die Tür hinter sich geschlossen, ging ein Rucken und Zittern durch Nanuq. Langsam wurde sie größer, stellte sich aufrecht auf ihre Hinterbeine und verwandelte sich mit jedem neuerlichen Schaudern in eine junge Frau, die sich, als die Verwandlung vollendet war, dehnte und streckte. Sie warf ihre Arme in die Höhe und auf den Zehenspitzen stehend genoss sie - nach so vielen Jahren - wieder ihre ursprüngliche Gestalt. Mit einem Strahlen in den Augen sah sie Fiona an und dann fielen sich die beiden Frauen lachend in die Arme. 

Lange standen sie so. Keine von beiden wollte die Andere aus den Armen entlassen. Schließlich jedoch traten sie, sich immer noch an einer Hand haltend, einen Schritt auseinander und sahen sich tief in die Augen. Die dunklen Augen von Fiona trafen auf die  weiß-blauen Augen ihrer Freundin, die sie so lange nicht gesehen hatte. "Tavie", sagte Fiona und schloss ihre Schwester abermals in die Arme. "So viel Zeit ist vergangen, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben. Ich habe dich so vermisst!" Auch Tavie war nach so vielen Jahren der Trennung dankbar und glücklich, Fiona wiederzusehen. Mit einer heißen Schokolade und einer großen Dose Kekse setzten sie sich auf das mit Kissen überhäufte Sofa, kuschelten sich ein und begannen, zu erzählen.

"Als wir uns das letzte Mal sahen, an der Brücke mit dem roten Geländer, sah ich plötzlich ihn - Nikolaus. Er schlenderte, wie alle anderen Menschen an diesem wunderschönen Tag auch, an der Uferpromenade entlang, stieß hier und da mit einem der Menschen zusammen und lachend und sich freundlich entschuldigend ging er daraufhin seiner Wege. Ich hatte nur einen flüchtigen Blick auf ihn werfen können. Aber ich wusste sofort, dass wir ihn gefunden hatten. Ich warf mich in die Menschenmenge, lief hinter ihm her und verfolgte ihn solange, bis er sich unter einer anderen Brücke niedersetzte und zufrieden den Inhalt seiner Taschen leerte. Als ich ihn dabei beobachtete, merkte ich, dass ich dich verloren hatte. Als Nick später am Abend endlich schlief und ich es riskieren konnte, ihn allein zu lassen, lief ich zurück zur roten Brücke. Aber dich konnte ich nirgends mehr finden."

Mit Tränen in den Augen, die sie nur mühsam zurückhalten konnte, hörte Fiona ihrer Schwester zu. All die Jahre hatte sie nicht gewusst, wo Tavie steckte. Sie waren damals noch ganz neu in der Stadt. Gerade erst angekommen und noch ohne feste Bleibe. Ein langer Weg und eine noch längere Spur hatte sie hierher geführt und dann hatte sie ihre Schwester verloren.

"Nachdem ich dich mehrere Stunden gesucht hatte, bin ich zurück zu Nick gegangen. Er schlief noch immer, warf sich aber unruhig umher und machte auch sonst den Eindruck, als sei er im Schlaf gehetzt und unglücklich. Ob ich mich ihm in meiner wahren Gestalt nähern konnte, wusste ich nicht. Ich hoffe jedoch, dass er einen kleinen Hund nicht einfach wieder fortschicken würde. So nahm ich meine Hundegestalt an und legte mich zu ihm. Ich kuschelte mich ganz eng an ihn und endlich wurde sein Schlaf ruhig und tief. Am nächsten Tag, als Nick mich neben sich liegen sah, war er natürlich erstmal verwundert. Aber wie ich mir gedacht hatte, schickte er mich nicht wieder weg. Im Gegenteil - er hielt mich für ein Geschenk, dass ihm der Himmel gemacht hatte und sorgte fortan für mich. Er für mich und ich für ihn."

Etwas wehmütig dachte Tavie an die Zeit, in der sie Nick kennen- und lieben gelernt hatte. Ja, Fiona hatte recht gehabt mit ihrer Behauptung. Sie hatte den Ganoven wirklich lieb gewonnen


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