Starke Schneegestöber wehen über die weiten weißen Landschaften, die Tiere verschanzen sich in ihren Unterkünften, selbst die Weihnachtselfen hielten sich nicht länger als nötig an der frischen Luft auf – es war wahrlich kein angenehmer Tag; vor lauter Schnee konnten die kleinen Wesen ihre Hände nicht vor den eigenen Augen erkennen, und selten flog eine Mütze durch die Luft, dicht gefolgt von einem gehetzten Weihnachtselfen. So unschön das Wetter auch war, dem Weihnachtsmann kam es gerade recht, der mit seinem engsten Beraterstab in einem entlegenen Keller hockte und eine Sitzung hielt.

Nun hätte er sich natürlich auch heimlich in seinem Büro beratschlagen können, indem er einen Schutzzauber über den Raum legte, doch glaubte er, dass dies Aufmerksamkeit erregen würde – und er war sich mittlerweile nicht mehr gewiss, wie weit die Zauberkräfte der Schneetänzer, wie er sie nannte, reichte. Schließlich waren einige unter ihnen dazu in der Lage, sich in Tiere zu verwandeln. Im allgemeinen sind die Zauberkräfte der Elfen in den letzten Jahrhunderten immer weiter gereift und stärker geworden, sodass er sich nicht anders zu helfen wusste, als diesen uralten unterirdischen Geschenke-Speicherraum zu nutzen sowie jegliche Spuren zu verwischen, die hierher deuteten.

Und diese Vorsichtsmaßnahmen waren durchaus notwendig – er war nicht bloß ein paranoider, alter Narr. Seine gestrigen Forschungen bewiesen eindeutig, dass die Schneetänzer etwas von dem Verschwinden Linea´s und Kennet´s wussten, den beiden womöglich geholfen haben – und bestimmt von ihren Plan wussten. Und er durfte nichts davon wissen… Ob es nun an der Erfahrung mit seinem verschwundenen Neffen hing oder im allgemeinen sein Unbehagen für die Skepsis verantwortlich war, jedenfalls saß er in den frühen Morgenstunden mit fünf engen Vertrauten auf verstaubten leeren Kisten, die Fenster und Ecken waren mit Spinnenweben verhangen, und diskutierte über das Mögliche entschwinden.

Die Kerze brannte immer weiter herunter, die Flamme stand kurz vor dem Erlöschen, doch es kamen keine anderen Ideen als diese:

1. Die beiden Elfen wurden von der Gemeinschaft entsendet, um den neuen Weihnachtsmann zu finden. (Daraufhin erklang der Einwurf: „Es ist doch noch viel zu früh dafür!“) 

2. Die Elfen fanden in einem Buch eine Quelle, die ihnen neue Zauberkräfte zur Verfügung stellt; dieser Quelle mussten sie jedoch erst einmal habhaft werden.

3. Es bestand die Möglichkeit, dass eine weitere Person aus ihrer Mitte geboren worden war, ein weiterer Schneetänzer – der jedoch von einem Menschen abstammte (jedoch auch ganz entfernt von einem magischen Wesen). Dieser Fall war bereits einmal eingetreten, lange vor seiner Zeit. 

Natürlich gab es noch weitere Theorien, die allerdings immer hanebüchener und abstruser wurden, sodass der Weihnachtsmann diese nicht aufschreiben ließ.

So saßen sie einige Zeit lang schweigend beieinander, die Sonne schien bereits dämmrig über der Ebene, und der Weihnachtsmann blickte müde in die Ecke neben dem Fenster, verfolgte abwesend dem Tanz der Spinnennetze, welche durch einen Riss im Fenster leicht hin und her schwangen. Und in ihnen schwang eine kleine, schwarze Spinne mit. Augenblicklich schreckte das Oberhaupt der Elfen aus seinen Gedanken auf, zählte eins und eins zusammen, woraufhin er leise einen Zauberspruch zu murmeln begann – die Worte flossen wie ein sanftes Lied über seine Lippen, welches längst vergessen ward und doch in den weiten Wäldern des Nordens nach wie vor widerhallt. Und noch ehe es sich die Spinne versah, flog sie geradewegs auf die offene Hand des Weihnachtsmannes, wo sie sich in eine kleine Elfe verwandelte, die sich nicht weiter zu regen scheinen konnte. Die spitzohrige kleine Frau konnte abgesehen von ihrem Mund nichts mehr rühren, doch diesen presste sie zu einem Strich zusammen – von ihr kam kein Ton.

All das geschah so schnell, dass die meisten seiner Berater erst im Nachhinein realisierten, was soeben geschehen war – und daraufhin begannen sie entrüstet zu fluchen, von Verrat, Undank und Vertrauensbruch zu schimpfen, einen Skandal für die Weihnachtswelt und die Zerstörung der Elfengemeinschaft zu proklamieren. Und während der Lärm immer weiter anschwoll, blickte der Weihnachtsmann die Elfe an, tat so, als wäre um ihn herum nichts als Stille, und fragte sie leise, bittend: „Was haben sie vor?“ Lange schauten sie einander in die Augen; er begegnete ihr offen, sie schaute abwägend, entschuldigend, aber stur, willensstark. Nach einer gefühlten Ewigkeit erwiderte sie: „Sie sind auf der Suche...“ Obwohl der Wortschwall erneut aufkam und Drohungen seitens der Berater ausgestoßen wurden, ließ die Schneetänzerin sich nicht dazu erweichen, eine weiteres Wort zu sagen. 

Der Weihnachtsmann wunderte sich selbst ein wenig über sich, doch er dachte fast gar nicht über ihre Aussage nach oder darüber, dass sein Vertrauen missbraucht wurde. Nein. Er musste die ganze Zeit darüber nachdenken, dass er nicht gespürt hat, wie jemand ihn beobachtete und seine Gespräche abhorchte. Er glaubte nicht daran, dass ein normaler Sterblicher dies immer bemerkt, aber hätte nicht seine Magie dafür Sorge tragen müssen, den Eindringling zu entlarven? Dieser Gedanke ließ ihn den Rest des Tages nicht mehr los...


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