Träumte er, oder sah er schon wieder in die dunklen Augen, von denen er annahm, dass sie mit dem Verschwinden von Nanuq zu tun hatten? Und hatte sein Hund nicht gerade erst aus der Richtung, in der er jetzt die Frau sah, gebellt und nach ihm gerufen? Doch Nanuq war nirgends zu sehen. So viele Menschen waren um diese Tageszeit noch nicht auf dem Weihnachtsmarkt unterwegs, so dass er sie eigentlich hätte sehen müssen. Aber da war einfach nichts!

Ungläubig und voller Unbehagen setzte er sich in Bewegung und ging auf die Frau zu. Wie schon zuvor lag weder Distanzierheit noch Desinteresse in ihrem Blick als vielmehr Neugier. In ihren Augen spiegelte sich ein Interesse und ein Überraschtsein, dass er unwillkürlich erneut fragte, ob er dieser Frau schon einmal begegnet war. Aber nein, da flammte kein Erkennen in ihm auf. Als er vor ihr zum Stehen kam und sie sich beide direkt in die Augen schauten, konnte er kein Wort rausbringen. Auf dem Weg zu ihr hatte er sich vorgestellt, wie er sie anfahren würde, was sie mit seinem Hund gemacht hatte. Aber je näher er ihr und ihrem dunklen Blick kam, um so merkwürdiger fühlte er sich. Jetzt, da Nick unmittelbar vor ihr stand, fühlte er sich unter ihren Augen dumm und seltsam entblöst. Nie war ein Mensch jemals in der Lage gewesen, ihn sich so fühlen zu lassen. Eigentlich wollte er darüber wütend werden. Aber auch das gelang ihm nicht und so stand er nur vor der Frau, die ihm kaum bis zur Schulter ging, starrte von oben auf sie herab und kam sich doch ganz klein vor. Konnte sie sehen, was er dachte oder fühlte?

Gerade, als die Situation richtig unheimlich zu werden drohte, lachte sie leise und stellte sich vor. "Ich bin Fiona.", sagte sie mit glockenklarer Stimme und sah ihn weiterhin mit leicht zur Seite geneigtem Kopf lächelnd an. Aber das Lächeln erreichte nicht die Augen und war irgendwie unheimlich. "Ähm....ähm...Nick" stotterte er, hasste sich für seine Unsicherheit und spürte nun doch langsam Widerstand in sich wachsen. Wo er sich eben noch bewegungsunfähig gefühlt hatte, kehrte jetzt das Leben in ihn zurück und gerade, als er sie wegen seinem Hund anraunzen wollte, lachte sie noch einmal leise auf, dreht sich um ging davon. Während sie sich von ihm entfernte, hob sie die Hand, stieß mit dem Zeigefinger in die Luft und stieß unverkennbar einen Laut des Triumpfs aus.

Nick stand wie vor den Kopf geschlagen immer noch an derselben Stelle, starrte ihr nach und kam sich vor, als hätte er eben eine Erscheinung gehabt. Das Verhalten dieser Frau war einfach nicht zu glauben - und noch viel weniger, wie er sich dabei fühlte! Ein Schuljunge war eine reife und gefestigte Person im Gegensatz zu ihm in diesem Augenblick. Da hörte er Nanuq wieder bellen. Genau aus der Richtung, in die die Frau lief. Aber er konnte sie nirgends entdecken.Verzweifelt schlug er sich die Hände vor sein Gesicht  und fragte sich "was mach ich nur, was mach ich nur". Der Frau hinterherlaufen, um seinen Hund zu finden, war er nicht in der Lage. Seine Beine schienen wie in Beton gegossen und so blieb er an Ort und Stelle stehen und sah nur verzweifelt der Frau hinterher. 

Einige Zeit später, als sie schon lange verschwunden war, kehrte Nick gebeugt und mit hängenden Schultern zurück zum Glühweinstand. Das ihn diese Begegnung so mitnehmen würde, hätte er nie gedacht. Erschöpft bestellte er sich einen zweiten Glühwein und trank ihn voller Verzweiflung in einem Zug aus. Als er in seine Manteltasche nach seiner Börse griff, musste er jedoch feststellen, dass da nichts mehr war. Der Griff ins Leere war wie ein Adrenalinstoß und von einer Sekunde auf die nächste war er wieder der alte Nick. Voller Wut brüllte er "Welcher kleine Halsabschneider..."


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