Stirnrunzelnd und besorgt blickte er auf den aufgebrochenen Brief, den er in den frühen Morgenstunden erhalten hatte und der ihn seitdem nicht mehr los ließ. Für den Fall, dass er sich recht entsann - und sein Gedächtnis trog ihn trotz all der Jahre auf seinem Buckel nicht - wurde das Jahr 1557 geschrieben, als der letzte Elf sich zur Weihnachtszeit krank gemeldet hatte - und damals grassierte wirklich eine abscheuliche Krankheit in der Zauberwelt, die viele magische Wesen dahinraffte.

Doch dieses Mal verhielt sich die Situation anders - ganz zu schweigen davon, dass gestern noch alle putzmunter gewesen waren, fehlten heute zwei aufstrebende Elfen, welche in eine Sondereinheit hineingeboren worden waren, die über grundlegende Elementarmagie und eine autonomere Entscheidungsgewalt verfügte, und ihm somit nicht direkt unterstellt waren, so wie die anderen Weihnachtselfen. Dies geschah alle paar Jahrhunderte - niemand konnte voraussagen, wann und von wem solch ein Kind die Erde erblickte, gekennzeichnet durch eine strahlend weißes Mal auf deren Schulter; tanzende Schneeflocken im Wind. Ob es ein raues Lüftchen war oder ein wütender Sturm, ließ sich häufig erst im Nachhinein sagen. 

Nicht selten brachten sie Glück und Zufriedenheit in die Weihnachtsstadt, verhalfen ihr zur jetzigen Größe - wider allen Erwartens trugen sie die Verantwortung dafür, dass Rudolph und seine Kameraden sich in die Lüfte erheben und den Schlitten ziehen konnten. Auch halfen sie ihren Vorgängern dabei, den Ausdehnungszauber des Weihnachtssackes zu vervollkommnen, und sie fanden kurz vor dessen Ableben ihn - den jetzigen Weihnachtsmann. Und sie werden eines Tages auch seinen Nachfolger finden, doch bis dahin würde noch reichlich Zeit verstreichen. Doch so viel Gutes sie auch vollbracht hatten, so viel Chaos entstand durch sie. Angefangen bei den unkontrollierbaren Magieausbrüchen und Anwandlungen von Jähzorn. Und dann gab es noch die letzte Mission... 

Der Weihnachtsmann seufzte tief und stützte sein bärtiges Kinn auf die Hand. Das Unglück lag noch nicht allzu weit in der Vergangenheit, bloß ein viertel Jahrhundert zurück - ein Wimpernschlag im Laufe der Zeit. So konnte er gut nachvollziehen, dass sein Bruder ihm noch immer grollte, nicht mehr viel mit ihm sprach, ihm übel nahm, dass er sich auf die Seite dieser Elfen gestellt hat, obschon er ebenfalls an deren Versagen litt. Doch sie waren wichtig für die Elfengemeinschaft; selbst wenn ihre goldenen Zeiten längst vorüber gezogen waren. Was er nicht alles für Harmonie tat - obwohl diese Elfen ihm nie ganz behagten mit ihrer kühlen Distanziertheit und Geheimniskrämerei; nicht einen ihren wahren Gruppennamen kannte er, das Wort in der altnordischen Sprache. So musst er mit dem Gesicht eines kleinen Jungen vor seinen Augen leben, seinem Neffen, der eigentlich von seiner Mutter hätte gerettet werden sollen, doch stattdessen verloren ging. Nicht einmal die Elfen wurden je wieder gesehen.

Und schienen nicht nur diejenigen zwei Elfen aus dieser Sondereinheit krank zu sein, die im gleichen Jahrhundert zur Welt kamen. Nein, das reichte noch nicht - sie waren zudem verschwunden und niemand von seinen Elfen konnte ihm sagen, wohin sie entschwunden waren. Wenn er nur wüsste, was in diesem Moment vor sich ging, hätte er vielleicht kein derart schlechtes Bauchgefühl... Doch im Moment konnte er nichts ändern und so legte er seinen roten Mantel um und wandte seine Schritte gen Werkstatt, um nach dem Rechten zu sehen und ein wenig Forschung zu betreiben. Irgendjemand musste doch etwas wissen.


Comments powered by CComment