Endlich war es weit genug nach Mitternacht, um von einem neuen Morgen zu sprechen. Die Nacht war so entsetzlich kalt gewesen ohne Nanuq, dass er mehrmals einige Runden laufen musste, um sich wenigstens ein wenig warm zu halten. Aber auch in den Zeiten zwischen seinen Runden konnte er vor lauter Zittern kaum schlafen. Der Huskie mit seinem warmen, weichen Fell hatte sonst immer ganz nah bei ihm gelegen und warm gehalten. Aber bis jetzt war Nanuq nicht wieder aufgetaucht und er hatte keine Ahnung, wo sie abgeblieben sein könnte. In der Nacht war er mehrmals bei H2.1 gewesen und hatte im Hauseingang und im Hinterhof leise nach ihr gerufen. Aber sie hatte sich nicht blicken lassen und langsam schwante ihm, dass der Eindruck, dass etwas gewaltig schief lief, vielleicht mit ihr zu tun hatte.

Seine Beute von gestern jedenfalls hatte er wohlbehalten mit unter die Brücke gebracht. Aber selbst, nachdem er festgestellt hatte, dass er seinen persönlichen Highscore gestern tatsächlich geknackt hatte, konnten sich weder Schadenfreude noch Verächtlichkeit den Bestohlenen gegenüber so richtig einstellen. An niemandem in seinem Leben - die meisten hatten sich schon vor langer Zeit von ihm abgewandt - hatte ihm jemals gelegen. Seine Kindheit im Heim hatte ihn gelehrt, dass die großen, moralischen Werte der Menschlichkeit und des Miteinanders nicht in der Lage waren, ihn satt zu machen und sein Herz warm zu halten. Nanuq jedoch hatte beides geschafft. Und nun war sie von einem Streifzug, auf dem sie wie jeden Abend etwas zu essen mitbringen sollte, nicht zurückgekehrt. Zum ersten Mal in seinem Leben spürte er so etwas wie Trauer und das verunsicherte ihn, weil ihm das Gefühl fremd war. Er hasste es und wollte es los sein und deshalb schimpfte er lauthals vor sich hin, dass "der verdammte Köter ihm den Buckel runterrutschen konnte".

Ein-, zwei Mal wurde ein Fenster geöffnet und ein erboster Mann rief "Ruhe", als er durch die Straßen lief und laut auf seinen Hund schimpfte. Er - das ist Nikolaus, kurz Nick genannt von Leuten, die er vor vielen Jahren einmal gekannte hatte und die ihn heute lieber nur noch von hinten sahen. 32 Jahre alt, verkommen bis ins Mark und niemandes Freund. Niemandes außer Nanuq, durchzuckte es ihn plötzlich wieder. Verdammt, verdammt, verdammt... wo konnte dieser verdammte Köter bloß sein?

Langsam begab er sich wieder zu den Domstufen, um das Treiben auf dem Weihnachtsmarkt zu beobachten und seinen nächsten "Streifzug" vorzubereiten. Vielleicht würde Nanuq ja auch dort auf ihn warten und alles war wieder in Ordnung. Aber irgendwie konnte er so richtig nicht daran glauben.

Als er - allein, der Hund war weit und breit nicht zu sehen - auf den Domstufen saß, dass Treiben beobachtete und seine Gedanken immer wieder zu dem gestrigen Tag abschweiften, fielen ihm wieder die dunklen Augen ein, in die er für einen kurzen Augenblick geschaut hatte, als der Schrei ertönte. Und irgendwie wurde er das Gefühl nicht los, dass seine Vorahnung von einem Misserfolg mit diesem Blick zusammen hing. Dabei kannte er die Frau nicht einmal, zu der die Augen gehört hatten. Aber je länger er darüber nachdachte, um so sicherer war er sich. Der Blick war weder finster noch anklagend gewesen. Sie konnte also nichts von seinem Treiben mitbekommen haben. Eher schien es ihm, als hätten sich Neugier und Überraschung in ihm gespiegelt. Aber das konnte eigentlich garnicht sein. Schon seit langer Zeit hatte sich keine Seele mehr für ihn interessiert - außer Nanuq, durchzuckte es ihn wieder.

Der Tag war zum Mäuse melken. Der Hund war weg, er konnte sich nicht auf seinen bevorstehenden Streifzug und die damit verbundenen Vorbereitungen konzentrieren und überhaupt... Heute sollte er besser weiterziehen, ohne seine "Talente" einzusetzen. Vorher jedoch wollte er noch eine der Buden besuchen und sich einen Becher Glühwein holen. Immer noch steckte ihm die Kälte der Nacht in den Knochen und das Sitzen auf den kalten Domstufen hatte auch nicht gerade für Behaglichkeit gesorgt. So ging er also durch die Menschenmenge, die sich an Verkaufsständen und Weihnachtsdekorationen vorbei wälzte, fand einen Händler mit Glühwein und bestellte einen Becher "mit Schuss". Leisten konnte er sich das nach seinem letzten Streifzug und so drehte er sich mit dem Glühwein in beiden Händen zufrieden um und beobachtete, wie fröhliche Menschen über den Markt schlenderten. Fast hatte er das Gefühl, zu ihnen zu gehören. Fast...

Gerade, als er sich wieder zu dem Händler drehen wollte, hörte er in der Menge ein Bellen, dass ihm sofort vertraut vorkam. Seine Alarmglocken schrillten und er rief lautstark nach Nanuq. Aber als er in die Richtung blickte, aus der das Bellen gekommen war, konnte er keinen Hund ausmachen. Dafür fand er etwas anderes: ein paar dunkle Augen, die ihn neugierig und überrascht musterten und zu einer Frau gehörten, der er nie im Leben begegnet war. Bis gestern...


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