Quer über den Domplatz verteilt, sind im Laufe der letzten Wochen mehrere Holzhäuschen aus dem Boden gesprossen und buhlen seitdem mit ihren strahlenden Lichterketten um jedermanns Aufmerksamkeit, ganz zu schweigen von den aromatischen Dünsten, die in der Luft hängen bleiben, und den Trotz-Minus-6-Dioptrin-auf-hundert-Meter-lesbar'en Schildern. Obwohl der Markt innerhalb der Woche bereits gut besucht war, tummelten sich heute, am 1. Advent, umso mehr Leute zwischen den Buden, tranken einen Glühwein hier und da zu viel, kauften dort eine Brezel und am anderen Stand wiederum ein Lebkuchen-Herz mit Zuckerguss-Glasur, welches sich die Leute Zuhause hinhängen und ablaufen lassen würden. Traurigerweise war containern verboten, doch auf der anderen Seite...

Aufmerksam blickte er dem schläfrigen Treiben zu, den immer größer werdenden Menschenmassen. Und vergnügt stellte er sich vor, wie die Menschen einander anrempelten, wie ein Salatblatt im Sandwich gequetscht wurden und sich genervt wünschten, das Weite aufzusuchen - wenn nicht der Alkohol wäre. Um so besser für ihn, da dies seine liebste Zeit des Tages war. Oder die einfachste, wenn man es genau nimmt. Das einzige, was ihn störte, waren die grellen Lichter, von welchen er früher, in seiner anfänglichen Kindheit, befürchtet hatte, dass sie Augenkrebs verursachen oder zur Blindheit führen. Mittlerweile wusste er es natürlich besser - das einzige, was sie bei ihm verursachten, war schlechte Laune. Und diese widerwärtige, optimistisch-verklärte Stimmung, die in der Luft lag, war kein Stück besser... All diese lachenden Menschen... Ein Schaudern durchlief ihn, als er daran dachte, dass er ein solcher Narr hätten werden können, wenn er als jemand anderes aufgewachsen wäre. "Sollen sie nur lachen - einigen Seelen wird es noch vergehen."

Mit Argusaugen inspizierte er die Stände, wertete die Menschenkonzentrationen und ihre Routen aus, um dementsprechend seine festzulegen. Während er das tat, beachtete ihn niemand weiter - vollkommen ungestört saß er auf den Domstufen, einen Husky neben sich sitzend und keinen Mucks von sich gebend. Das lag wohl daran, dass er wie jeder andere aussah; vielleicht ein wenig dunkel gekleidet, doch was sagte das schon aus? Ein Modetrend, mehr nicht. Einzig und allein der Geruch war auffällig, doch dieser ließ sich recht einfach auf den Hund schieben. 

Langsam stand er auf, schritt gemächlich die Stufen hinab, drehte sich herum und schaute in die gespenstisch wirkenden blau-weißen Augen. "Halt´ dich in der Nähe von H2.1 auf. Wenn ´was schief geht, seh´n wir uns an der Brücke." Ohne noch ein weiteres Wort zu verlieren, ging jeder seines Weges - und schon waren sie im Getümmel verschwunden, wobei er sich fast ebenso geschmeidig durch die Massen bewegte, wie Nanuq. Während er nochmals überprüfte, ob eins seiner Taschenmesser einsatzbereit in der hinteren Hosen steckte, überlegte er sich, auf welche Menschengruppe er es heute abgesehen hatte. Angeheiterte Jugendliche und ältere Herrschaften waren... seine übliche Versuchsgruppe. Zudem plante er dies normalerweise im Voraus, da Unvorsichtigkeit meist bestraft wurde - die Behörde suchte noch immer nach ihm. Doch heute war ihm rebellisch zu Mute; dieser Tag war ihm verhasst wie kein zweiter.

Heute wollte er in die Vollen greifen - und die Nacht war dafür wie gemacht: Nebel lag auf den Dächern und die Lichter ließen die Menschen einen Moment innehalten und blinzeln, ehe sie sich an das beißende Licht gewöhnt hatten. Nicht zuletzt waren sie auch so dermaßen unvorsichtig und leichtsinnig, dass es ihn fast langweilte. Ein Schnitt hier, ein unverbindliches Lächeln da, hier und da auch deftige Beleidigungen, doch mehr geschah nicht. An guten Tagen konnte er mit diesem Kunststück bis zu 600 Euro verdienen - deutlich mehr, als die Arbeiter in den Buden. Was sollte er schon sagen - jeder besaß seine Fähigkeiten; und die seinen waren nun einmal Schauspiel und Fingerfertigkeit. Dafür, dass die meisten Menschen dem nichts entgegenzusetzen hatten, konnte er nichts. Auch sein Mitleid hielt sich in Grenzen, wenn man es nett formulierte. Dafür hatte er zu viel gesehen.

Auch heute schien ihn niemand das Gegenteil beweisen zu wollen, viel mehr glaubte er, seinen Highscore von 641 Euro knacken zu können. Zumindest bis zu den letzten Taschen - hässliche Stücke von Louis Vuitton, wobei er mit seiner Äußerung nicht die Handtaschen oder die Marke diskriminieren wollte, sondern die Leute, welche sich derlei kauften. Wer sich solch sündhaft teuren Schund bestellte, war an seiner Lage selbst Schuld. 

Menschen drängten eng aneinander, schoben ihn immer näher zur Gruppe hin, welche sich angeregt und angeheitert über irgend etwas unterhielt, was ihm die beiden schnellen und unbemerkten Handbewegungen sehr erleichterte. Um sein Glück nicht vollends herauszufordern, korrigierte er seinen Kurs und entfernte sich von der Gruppe. Der Moment schien wie in Zeitlupe zu vergehen - manchmal merkt man, dass etwas schief läuft, noch ehe wirklich ein Effekt zu verzeichnen war. Eben so schien es ihm in jenen paar Sekunden, ehe der Schrei erklang - der Henkel der Tasche war gerissen. Gegen seinen Willen schaute er kurz nach hinten. Was er nicht erwartet hatte, waren die dunklen Augen, welche den seinen begegneten. Dennoch zeigte niemand auf ihn oder brachte ihn von seinem Weg ab. So bog er kurz darauf um die nächste Ecke herum - und lief entspannten, aber zügigen Schrittes weiter. Den Fehler, loszurennen, würde er definitiv nicht noch einmal machen.

Vergnügt und von Adrenalin berauscht begab er sich zu H2.1, doch je länger er wartete, umso stärker wurde seiner Euphorie einen Dämpfer versetzt, welche vollends erlosch, als er Nanuq auch an der Brücke nicht antraf. Missgelaunt setzte er sich auf die schlammige Erde und machte sich auf einen langen Abend gefasst, denn ihm war klar, dass er ohne sie den nächsten Morgen nicht erleben würde. "Wo ist diese verdammte Kröte, wenn man sie  ´mal braucht..." Seufzend zog er seine Mütze tiefer ins Gesicht, holte dickere Handschuhe aus seinem Rucksack (die dünnen eigneten sich für seine Handwerkskunst besser) und wickelte einen weiteren Schal um seinen Hals. Es würde eine kalte Nacht werden.


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