Leise Kinderfüße waren zu vernehmen, heimlich einen Schritt nach dem anderen machend und darauf achtend, dass ja die Dielen nicht knarrten. Beschwerte sich das Holz, sobald sie auf eine empfindliche Stelle traten, erklang heiteres, gedämpftes Lachen, das Fortbewegen wurde kurz eingestellt und Deckung hinter einer Kommode gesucht. Als niemand kam, um sie zu maßregeln, strahlten sich die Zwillinge erfreut und siegestrunken an, die Münder von den Zuckerstangen ganz rot, die Mundwinkel voller Spekulatiuskrümel. Wagemutig setzten sie sich wieder in Bewegung, das Mädchen mit den wilden, nussbraunen Locken voran, der Junge mit den verträumten, warmen Augen als Nachhut. Wie Ninjas bewegten sie sich durch die Flure, die Treppe hinunter auf die Garderobe zu, wo ein grünes und ein rotes Mäntelchen hing, passende Schuhe davor stehend. Rasch schlüpften sie in die gefütterten Schuhe und ab ging es nach draußen. Die ganze Nacht über hatten die Wolken Schneeflocken auf die Erde niederfallen lassen, sodass jetzt eine schöne lockere Schicht den harten Boden bedeckte. Ideale Bedingungen für eine Schneeballschlacht.

Ehe Trygve der ersten Schneeball formen konnte, hatte Almina bereits ihr Ziel anvisiert und einen Volltreffer gelandet. Eiskalt lief es ihm den Rücken herunter, als der Schnee in seinen Pyjama rieselte und taute. Feierlich schwor er ihr, sich völlig erhaben wähnend mit seiner Zahnlücke und den schicken Ohrschützern, die er letztes Jahr bekommen hatte, kein Erbarmen zu zeigen. Mit einem durchtriebenen Lächeln bedachte sie ihren Bruder. Die Schlacht begann. 

Währenddessen lag deren Vater oben in seinem warmen Bett, nichts ahnend von seiner Kinder Treiben. Nein, er hing alten Gedanken nach und beschwor lang vergangene Zeiten herauf, als er seine junge Menschenfrau betrachtete, die auch im Schlaf einen spitzbübischen und sogleich ernsten Ausdruck auf ihrem Gesicht liegen hatte. Entrückt betrachtete er ihre braunen Locken, die im frühen Morgenlicht heller zu werden schienen, auf der Seite liegend und und einen Arm um ihre Taille gelegt. Bald legte sich ein anderes Bild, welches bereits exakt sieben Jahr her war, über die friedliche Szenerie. Angus triftete ab, wähnte sich an jenen Abend zurückversetzt, konnte förmlich den schneidenden, bis ins Knochenmark dringenden Wind spüren, als er sich vor seinem Elternhaus wiederfand, wo die Aurora ihn abgesetzt hatte. Von dem Weihnachtsmann keine Spur. Aber er hatte nicht lange Zeit, um sich damit zu befassen, da die eichene Tür aufgerissen worden war und die aufgelöste Ayla, seine Mutter, sich ihm in die Arme geworfen hatte. Selbst in den Augen seines Vaters war das glitzern von Tränen zu sehen gewesen, als dieser ihn in seine starken Arme gezogen hatte. Enya, seine Großmutter, war am Rande eines Nervenzusammenbruchs gewesen, als er ihr einen Kuss auf die faltige Wange gedrückt hatte. Es war herrlich gewesen, seine Familie wiederzusehen, doch fiel es ihm sehr schwer, den Hoffnungsschimmer aus der Augen schwinden zu sehen, nachdem er angefangen hatte zu erzählen, dass sowohl er als auch Lennart nicht zurück in diese Welt kehren würden, dass es Verpflichtungen und Personen gab, die sie in der anderen Welt hielten. Und so begann er von deren Abenteuer zu erzählen, all den Gefahren, Herausforderungen, Freundschaften und Umbrüchen, die ihnen in der kurzen Zeit widerfahren waren. Nachdem Angus all das rekapituliert hatte, musste er sich eingestehen, dass dieses Leben hier, in dieser Welt, sich wie ein anderes anfühlte, nicht mehr wie seines, in weite Ferne gerückt. Er hatte sich verändert, war gewachsen an seinen Aufgaben, viel selbstbewusster geworden. Außerdem, so hatte  Angus schlagartig erkannt, war er seinem Ziel, den Wunsch, der ihn in die andere Welt hatte verschwinden lassen, so nahe gekommen, wie nur irgendwie möglich. Er hatte seinen Großvater gefunden - in sich selbst.

Noch lange hatten sie miteinander geredet, über die alten Zeiten, seine Reise, über Lennart und seine Regentschaft, den alten Weihnachtsmann, der von allen Beteiligten mitleidsvoll bedacht wurde, sowie über deren Hoffnung, ihre Kinder würden es sich noch einmal anders überlegen. Doch diese Überredungsversuche waren so kläglich, dass sie diese schon bald wieder einstellten. Und als die Dämmerung bald Einzug zu halten gedachte, wodurch die Aurora ihre äußerliche Kraft einbüßen würde, schulterte Angus seinen Rucksack, versprach seiner Familie, sie bald wieder zu besuchen und verschwand im Licht. Immer besser konnte er die Wirkungsweise der Aurora verstehen, den Ort und die Zeit wählen. So kam es, dass er sich zwar in der selben weißen Stadt wiederfand, die er Tags zuvor verlassen hatte, diese jedoch in einem viel ursprünglicheren Stil gehalten war, der Ausbau noch nicht so weit vorangeschritten. Es war noch Nacht gewesen, die Straßenlaternen entsendeten nur wenig Licht, tauchten Umfeld in blassen Schein, wodurch es Angus ein leichtes war, sich unbemerkt durch die Gassen zu stehlen, ehe er einen Eingang in die Katakomben fand. Er hatte so ein Gefühl, und dieses trügte ihn nicht, dass er an der richtigen Stelle herauskommen würde. Dieses bestätigte sich vollends, als er die dicke Zuckerstange mit den von ihr ausgehenden Strahlen sah. Zufrieden wendete er seine Schritte gen Bibliothek, die dieser Zeiten noch nicht ganz so groß und vollgestellt war, wie sie seinerzeits sein würde. Auch waren die Einbände noch nicht in derartig schlimmer Verfassung, in die er sie früher angetroffen hatte. Verzückt hatte er eine Weile vor ihnen gestanden, die unzähligen Bände angeschaut und sich seines Schwurs entsinnt: Er würde sie alle bergen. Und dieses Ziel hatte er in die Tat umgesetzt. Die Hälfte der Bücher waren mittlerweile geborgen und ein drittel restauriert. Eine schwerfällige, aber sehr zufriedenstellende Arbeit. Aber an jenem Tag vor sieben Jahren bestand seine Aufgabe in etwas anderem. In Ruhe hatte er sich einen bequemen Platz gesucht, einen zerknautschten alten Ohrensessel, neben dem ein  Tisch mit gläserner Oberfläche stand, auf welche er sorglos eine brennende Kerze stellen konnte. Aufgeregt und voller Erwartungen hatte er seinen Stift samt Notizbuch gezückt, fest entschlossen, sein Werk in einem Sonnenumlauf zu beenden.

Höchst zufrieden mit sich, aber auch sehr erschöpft,  war Angus viele Stunden später, die Abendbrotzeit hatte bereits angefangen, aufgestanden, um seine müden Glieder zu dehnen und zu strecken, ehe er sich von dem Labyrinth der Regale, unausgesprochenen und längst vergessenen Worten, Abenteuern und Liebesgeschichten verschlingen ließ. Lange wanderte er umher, um den geeigneten Platz zu finden, auch überlegte er, in welche Richtung sich seine Schritte zuvor gewendet hatten, doch wollte es ihm nicht mehr einfallen. So blieb er schließlich einfach stehen, zog aufs Geratewohl ein Buch aus dem Regal, drückte "A. H. Aurelian's Weihnachtsabenteuer" noch einmal innig an seine Brust und stellte es auf das Holzbrett zu seinen Artgenossen, die ebenfalls im Laufe der nächsten Jahrzehnte in Staub versinken würden. Nachdenklich musterte er den blauen Einband. Es war befreiend gewesen, die Ereignisse nieder zuschreiben, sich alles noch einmal durch den Kopf gehen zu lassen, Geschehnisse anders zu beurteilen. Obwohl er ein wenig Abstand zu dem Vergangenen gewinnen konnte und nun eine neue Zeit anbrach, wusste er, dass sie deshalb noch lange nicht aus seinem Leben entschwunden waren, nicht aus seinen Herzen. Die Ereignisse waren keine separate Geschichte, welche er nach dem Ende einfach aus seinem Gedächtnis löschen konnte, sie hatte ihn geprägt und würde immer ein elementarer Bestandteil seiner selbst bleiben. Eine der wichtigsten Dinge, die ihm das Schreiben jedoch offenbart hatten, waren dabei zunächst der Umstand, wie sehr er seine neuen Freunde wertschätzte, ihre Standfestigkeit und Albernheiten, ihre ehrlichen Gefühle, außerdem war es schön, sich durch sie selbst zu finden. Und dann war da natürlich noch Luisa, zu der er sich, wie Angus erst jetzt in seiner allumfassenden Fülle klar geworden war, unwiderruflich hingezogen fühlte. Also hatte er nichts anderes tun können, als ein weiteres Mal die Zeiten und Welten zu durchwandern. Wieder an der frischen Luft angelangt dauerte es nur einen Bruchteil einer Sekunde und er war verschwunden gewesen. Und als er dann endlich wieder in der weißen Stadt mit all seinen Zinnen und Türmen angelangt war...

Da riss ihn auf einmal ein ohrenbetäubendes Kreischen aus seinen Gedankengängen. Wie auf Kommando war auch Luisa gleich wach, sprang synchron mit Angus aus ihrem Ehebett, sich panisch anschauend, und flogen die Treppe herunter, drei Stufen auf einmal nehmend, als plötzlich ein quitschendes Kichern von Almina erklang. Als Angus und Luisa durch die Haustür stolperten, wussten sie auch, warum. Kilian hielt seine Patentochter verkehrtherum an ihren Füßen fest und sagte: "Na warte, du kleiner Besen, das bekommst du zurück." Ein großer, kreisförmiger Schneeabdruck prangte auf seiner Westentasche. Joel nahm Trygve währenddessen in Augenschein, gut abmessend, wie seine Chancen standen, ihn zu treffen. Dieser hatte die Absichten seines anderen Patenonkels sofort bemerkt, machte sich aber nichts draus, formte einen weiteren Ball und warf ihn mit einer unglaublichen Präzession Kilian an die andere Westentasche. Da dieser sich nicht wehren konnte, sprang sein Lebensgefährte Joel ihm zur Seite. Mit einem dumpfen Aufprall landete er bei Trygve einen Treffer, ehe er selbst von Angus unter Beschuss genommen wurde. So nahm die Schlacht ihren vergnüglichen Verlauf, bis Luisa entschieden befand, dass die Kinder rein müssten, ehe sie sich noch den Schnupfen oder gar die Grippe holten. Fünf wehleidige, große Augenpaare blickten ihr entgegen, doch sie duldete kein Pardon. "Schließlich wollen wir noch zu Onkel Finnig, ehe er sich mit den Elfen auf Bescherungstour begibt. Oder wollt ihr eure Geschenke nicht bekomme?" Den trotzigen Mienen ihrer Kinder zu folge lautete die Antwort  "Nein". "Und Onkel Lennart wartet auch noch auf euch Rasselbande. Den König könnt ihr wahrlich nicht versetzen, ebenso wenig wie eure Großeltern,  und jetzt rein mit euch." Da konnte keiner widersprechen.

Nachdem sich alle warm angezogen hatten und in ihre besten Kleider geschlüpft waren, versammelten sie sich im Vorbau, um die Mäntel, Schals, Mützen, Handschuhe und Stiefel anzuziehen. Bei dem Durcheinander trat Kilian auf Angus zu, um ihm einen Brief zu überreichen. "Der Polarbär hatte ihn mir gestern zugesteckt. So richtig geheuer ist er mir ja immer noch nicht, aber nun mal eben unsere einzige Verbindung zum Weihnachtsmann." Nickend nahm er das Billet entgegen und brach das Sigel mit der Weihnachtsmannmütze. Ein gutes Zeichen. Er überflog die paar geschriebenen Worte. Sonderlich gesprächig war der alte Mann noch immer nicht. Einerseits stand dort, dass sein Großcousin, der ehemalige Thronanwärter, zwar noch immer unzufrieden in der anderen, Angus alten Welt war, und mürrisch sowie ungeschickt bei der Fertigung von Geschenken vorging, doch es gab Anlass zur Hoffnung. "Hört mal Leute!", versuchte er sich Gehör zu verschaffen,was ihm allerdings erst nach mehrmaligen Versuchen gelang. "Der Weihnachtsmann wird in den nächsten eins, zwei Jahren zurückkehren und den Elfen bei der Fertigung von Geschenken helfen.", woraufhin Laute des Entzückens geäußert wurden. Den Leuten hatte Weihnachten sehr geholfen, wieder etwas Liebe in ihr Leben zu lassen, waren sie es doch nie richtig gewohnt gewesen. Auch hatte die Wiederauferstehung des Fests der Liebe in einigen anderen Ländern dazu geführt, dass sich die Menschen erhoben, um ihre Menschenrechte einzufordern. Natürlich war es noch nicht gut, noch lange nicht, ein Haufen Arbeit lag noch vor ihnen, doch konnten sie sich in diesem kurzen Moment einfach treiben und ihrer Hoffnung freien lauf lassen. Joel und Kilian lagen sich in den Armen, gaben sich verstohlen einen Kuss, was Luisa aufgrund der Heimlichkeit einen Stich versetzte, ehe die Kinder an ihren Hosenbeinen zogen, um in ihre Gruppe aufgenommen zu werden. Angus schaut Luisa innig an, die seinem Blick voller Zuneigung begegnete."Ich liebe dich mehr, als Worte es je ausdrücken könnten.", flüsterte sie. Mit rauer Stimme gab er dieses Bekenntnis zurück, geführt von ihren Worten, da sie eigentlich nicht der sentimentale Typ war. Langsam beugte er sich zu ihr hinunter. Die Leben konnte manchmal so leicht sein. "Oder auch nicht.", dachte Angus schmunzelnd, als seine Tochter mit hohem Stimmchen "Daddy!" rief. "Ich denke, sie kann einen Moment warten.", raunte Luisa ihm in einem verführerischen Ton zu. Und wo sie recht hatte, hatte sie recht.

 

Ende


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