Obschon er von dem letzten Tag noch ziemlich geschlaucht war, erwachte Angus, sobald die Morgendämmerung einsetzte und die rötlich-goldenen Strahlen der Sonne in das prunkvolle Gemach fluteten, wodurch die Garnitur vollkommen in Flammen zu stehen schien. Dieser Anblick besaß eine irisierende Wirkung, ließ seine Umgebung unwirklich erscheinen, weshalb Angus seine Lider wieder senkte. Von draußen vernahm er vereinzelt noch Hochrufe und feierliches Gelächter, manch einer grölte schief ein Lied, dessen Text so unverständlich war, dass Angus daraus schloss, dass die Person recht angeheitert sein musste.

Wie es aussah, hatte die Bevölkerung die Krönung ihres Königs die ganze Nacht durch gefeiert, hatte in Glückseligkeit geschwelgt. Ein zufriedenes Lächeln erschien auf seinem Gesicht. Sein Bruder der König. Er konnte sich keinen Gerechteren vorstellen. Dennoch wälzte sich Angus unruhig auf der viel zu weichen Matratze hin und her. Er seufzte ergeben. Was sollte er ihnen nur sagen? Wie konnte er ihnen schonend beibringen, dass ihr ältester und jüngster Sohn in eine andere Welt übersiedelten? Nichts war jemals einfach. Er stemmte sich in eine aufrechte Position, schwang seine Füße über die Bettkante und angelte seine Leinenhose von den Marmorfliesen. Rasch schlüpfte er hinein, ebenso in seine Wildlederstiefel, sein raues Baumwollhemd und in die geschmeidige, weiche Pelzjacke. Dann schritt er zum Waschtisch, tauchte sein Gesicht ins kalte Wasser und erledigte seine restlich Morgentoilette. Zeitweise starrte er entrückt vor sich hin, hielt mitten in einer Bewegung inne, um Schatten aus der Vergangenheit nachzuhängen. Seine Gedanken trieben wie Boote auf einer aufgewühlten See. Letztendlich traf er eine Entscheidung, trat resolut zu dem Nachtschränkchen und förderte ein strahlend weißes Blatt Papier zutage, auf welches er Lennart schrieb, dass er für eine Weile unterwegs sein würde, legte dieses dann auf das imposante Bett und marschierte festen Schrittes hinaus.

Wie ein Schatten glitt er durch die Geheimgänge des Palastes, versteckte sich in den dunklen Nischen, wenn die Bediensteten ihre Morgengänge erledigend an ihm vorbei schwebten, mied die Patrouillen der Wachen und schlich sich heimlich zum äußeren Kerkerkomplex. Himmel sei Dank war er verweist, niemand hielt davor Wache, wodurch er einfach die Klinke herunter drücken und die Stufen herab zu sausen brauchte. Beschwingt öffnete er die Luke zu den Katakomben und es überkam ihn ein Gefühl des Dejavue's. Es schien ihm eine Ewigkeit her zu sein, dennoch sah er Luisa genau vor sich, wie sie sich behände in die Katakomben begab, immer ein freches Wort auf den Lippen, immer das letzte Wort habend. Er lächelte in sich hinein. Sie war ein richtiger Charakter, ebenso wie Joel und Kilian. Doch dieses mal war er nicht auf der Flucht, nicht mit seinen Gefährten unterwegs. Er vermisste sie bereits, Joels unbeschwerte Heiterkeit, seinen Optimismus und seinen Freiheitswillen, aber auch Kilians ruhige, erdige Stimme, seine in sich ruhende Ausstrahlung und Wärme, und dann war da noch Luisa mit ihrem Stolz, ihrem abenteuerlustigen Funkeln und ihrer Keckheit - sie war ein richtiger kleiner Wildfang zuweilen. "Bald.", sagte Angus sich, atmete noch einmal tief durch und sprang in die Dunkelheit.

Obwohl Angus es sich schwieriger vorgestellt hatte, den richtigen Weg zum Gemeinschaftsraum zu finden, brauchte er mehrere Stunden dafür. Mit den Zuckerstangen als Wegweiser konnte er eben doch nichts anfangen, weshalb er einmal an dem geheimen Eingang vorbei lief, ehe er seinen Fehler bemerkte. Trotzdem fühlte er sich im Untergrund um einiges wohler. Auch empfand er die weite Vernetzung der Katakomben als befreiender und angenehmer als den Palast. Sicherlich, es roch hier unten nach Abwässern, Unrat und Moder, die Wände waren baufällig, meist nass und strahlten eine eisige Kälte ab - aber all das war immerhin echt, nicht so wie der Palast mit seiner undurchdringlichen, makellosen Fassade. Als er dann endlich in dem nahezu verwaisten Raum ankam, hatte man sein Fortgehen bereits entdeckt und Lennart lief aus Sorge und Frust, seinen Bruder nicht begleiten zu können, da seine Dienste hier von Nöten waren, ein Loch in den schweren Teppichläufer. Doch noch war es nicht so weit, schließlich benötigte er seinen Rucksack, der noch in der Rebellenzentrale lag, um die beschwerliche Reise anzutreten. Was er nicht erwartet hatte, war, dass er ein paar Elfen niedergeschlagen und trübsinnig vor sich hinstierend antreffen würde. Sie waren doch frei! Aber irgendetwas machte ihnen zu schaffen. Da fiel es Angus mit einem Schlag ein. Beschämt musste er sich eingestehen, in der aufkeimenden und mitreißenden Euphorie der Bevölkerung völlig vergessen zu haben, dass Weihnachten deshalb noch immer nicht gerettet war. Ohne Weihnachtsmann konnten die Elfen nicht ihre Geschenke verteilen. Frustriert ließ er sich an deren Tisch nieder und blickte ebenso gebannt die marode Tischplatte an wie seine Mitstreiter. Mit hoffnungslosen Augen wendete sich ihm eine kleine Elfe zu, nicht viel älter als 10 Jahre. "Und der Weihnachtsmann möchte wirklich nicht zurückkommen?" Mitfühlend schüttelte er den Kopf. Und hatte noch ein kleiner Hoffnungsschimmer in ihren Augen geblitzt, erlosch er sogleich. Traurig seufzte ein kleiner, alter Elf, die besten Jahre hinter sich habend, schlang die Arme um das kleine Mädchen und zog sie auf seinen Schoß. "Ich möchte mir gar nicht vorstellen, wie Marlenes Zukunft aussehen wird. Ein hartes Leben ist es, seiner Bestimmung nicht nachgehen zu können." Immer tiefere Spuren zogen Furchen in dem bleichen Gesicht. Resignation breitete sich darauf aus. "Dabei haben wir mittlerweile so viele Geschenke, dass wir die ganze Weltbevölkerung beschenken könnten, samt Erwachsenen!"

War die kleine Marlene soeben noch von der Unausweichlichkeit der Situation niedergedrückt, regte sie sich nun voller Unmut und wollte heruntergelassen werden von des Großvaters Knien. Missmutig stampfte sie auf. "Eine Gemeinheit ist das! Eine riesig-große Gemeinheit! Sicherlich hat der Weihnachtsmann viel gelitten, aber wir doch auch! Und die Menschen erst! Da kann er sie doch nicht einfach so im Stich lassen! Genauso wenig wie uns!" Trotzig und herausfordernd schaute sie erst ihren Großvater, der sich ein müdes Lächeln nicht verkneifen konnte, an und danach Angus, der sie nachdenklich musterte. Warum eigentlich nicht? Ein wenig Zeit hatte er noch, bis der Augenblick näher rückte, an dem er aufbrechen musste. Unvermittelt wandte er sich an die Zuschauer, die trübsinnig ihrer Konversation gefolgt waren. "Gibt es den magischen Schlitten noch? Ist er noch funktionstüchtig?" Gespannt antwortete ihm ein anderer Elf: "Oh ja, erst kürzlich hatte ich ihn gewachst und gewienert. Er sieht beinahe aus wie neu, als wäre die Zeit fast spurlos an ihm vorbeigegangen! Und wie geschmeidig er noch fährt!", dessen Augen leuchteten. "Einfach wunderbar! Wir haben ihn nach oben transportiert, als ihr los seid, um den Weihnachtsmann zu holen, doch nun ist er nutzlos." Seine Schultern sanken herunter und er senkte den Blick, nicht ahnend, welch wunderbare Neuigkeiten er da vorgebracht hatte. "Könntest du ihn fahren?", fragte Angus begeistert. Unbeholfen zuckte der Elf mit den Schultern und nickte. "Wunderbar!", Angus klatschte in die Hände. "Und weiß jemand, wie es um die Rentiere steht?" Daraufhin meldete sich ein anderer Elf zu Wort: "In Ellandsby züchten, hegen und pflegen wir unsere Getreuen Mithelfer. Es ist eine große, prächtige Herde. Warum fragst du?" Voller Begeisterung schritt Angus auf und ab. Seine aufkeimende Idee schockierte ihn so sehr, wie sie ihn beflügelte. Was sprach den bitte dagegen, wenn er auch diese Konventionen umschmiss, schließlich, und da hätte er vor Freude fast laut aufgelacht, lief hier sowieso nichts mehr den altbekannten Weg. Während er so vor sich hin grübelte, folgten Marlenes wache Augen seinen Schritten unaufhörlich. Ein Verdacht kam ihr auf. "Und den Sack können wir auch mit geeinter Kraft auf Schlitten heben, nicht wahr? Und es würde auch niemanden etwas ausmachen, wenn sie die Geschenke von uns bekommen. Stimmt doch, oder? Fast niemand erinnert sich noch an ihn." Anerkennend nickte Angus ihr zu. "Kluges Mädchen." Und als die Elfen verstanden, worauf die beiden hinaus wollten, ertönten erfreute und befreite Jubelrufe. So konnte Weihnachten doch noch stattfinden. Eilends begaben sich die Elfen, nachdem sie Angus inbrünstig gedankt hatten, an ihre Arbeit.

Und so kam es, dass Angus nun völlig befreit und losgelöst von der Welt auf der weiten Schneeebene stand, die Stadt im Rücken gen Himmel emporragend. Mit einer Gewissheit, die reine Intuition war, bar jeglicher Logik, wusste er, dieses Mal nicht weit laufen zu müssen. Die Aurora würde zu ihm kommen, ihn umhüllen und dorthin tragen, wohin es ihm beliebe. Die Sonne war noch nicht untergegangen, die Dämmerung noch nicht eingebrochen, weshalb er sich auf den frostigen Boden setzte, seinen Rucksack öffnete und sein kleines, blau eingebundenes Notizbuch hervorholte. Und da dämmerte es ihm. Und so fing Angus an zu schreiben. Eifrig schrieb er Wort um Wort, Tinte floss in Strömen und er wob eine Geschichte, so dicht und greifbar, als würde man sie selbst erlebt haben, eine Geschichte in die man hineintauchen konnte, die einen bangen und mitfiebern ließ. Er schrieb von einem Abenteuer, das in einer stürmischen Nacht begann, in einer anderen Welt. "Der Wind umtoste die Spitze des Berges, Tannenzweige peitschten durch die raue Nacht (...) Enya blickte ihm durch das Fenster hinterher, das Herz schwer, und wünschte sich, ihm folgen zu können. Ein Aufblitzen später war er weg. Die Aurora hatte Angus verschluckt (...)" So vertieft in seine Arbeit, bemerkte er die einbrechende Nacht erst, als er die eigene Hand fast nicht mehr vor Augen sehen konnte und die Buchstaben verschwammen. Auch der nahenden Person wurde er erst gewahr, als diese ihre federleichte Hand auf seine Schulter legte. Überraschte wirbelte Angus herum, und wurde einer eingemummten, aber offensichtlich hageren Gestalt gewahr. Der von Grauen erfüllte, leere Ausdruck war ein wenig aus seinem Gesicht geschwunden, doch sah er noch immer wie ein gebrandmarkter Mann aus. Vor ihm stand der Weihnachtsmann. Ein Lüftchen trug seine fast vergnügt wirkenden Worte zu Angus herüber. "Ein guter Abend, um die Familie zu besuchen, nicht wahr?" Perplex konnte er den Greis nur ansehen, zu verwirrt von dessen plötzlichen Auftreten. Mechanisch nickte er nach einer gewissen Zeit. Etwas ernster fuhr der Weihnachtsmann fort, mit trauriger Stimme. "Ich hoffe, ihr könnt mir eines Tages verzeihen, und wer weiß, vielleicht komme ich eines Tages wieder und unterstütze die Elfen. Richte ihnen aus, wenn du zurückkehrst, dass ich sehr stolz auf sie bin. Und...", da zwinkerte der alte Mann "... bring etwas mehr Liebe in die Welt - Schnapp dir dein Mädchen, sie wird vielleicht nicht ewig warten!" Da blitzte auf einmal ein strahlend helles Licht auf, verschlang sie und nahm sie mit sich. Sie wirbelte durch die Dimensionen und Zeiten zurück nach Hause. Die Aurora hatte sie geholt.


Comments powered by CComment