Die grauen Wolken standen tief, diesiges, träges Wetter herrschte, nur hier und da fielen ein, zwei Schneeflocken zur Erde. Die Natur wollte es sich die Weihnachtstage über gemütlich machen, wodurch das Klima um einiges milder wurde. So stand dieses in einem großen Kontrast zu der entflammten Bevölkerung, bei der es nicht ganz so lauschig zuging, wie beispielsweise in der gestrigen kleinen Abendrunde der Freunde. Nein, die Bürger waren aus einer lang währenden Starre erwacht, das Feuer der Freiheit loderte hell und heiß in ihren Herzen, verlangte, sich Gehör zu verschaffen.

Und das taten sie auch. Immer mehr Verbände wurden eröffnet, Debatten geführt, Rettungspläne geschmiedet - denn sie wussten noch nichts von der gelungenen Flucht Lennarts- um ihren rechtmäßigen König auf den Thron zu setzen, von dem sie sich einiges mehr für ihr bisher tristes Leben erhofften. Waren ihre Vorschläge und Pläne anfangs nur spekulativ und theoretisch, nahmen sie rasch konkrete Formen an und wurden schon recht bald in die Tat umgesetzt. Jugendliche marschierten durch die verschneiten Straßenzüge, blockierten alle Wege und reckten ihre Schilder hoch in die Höhe, riefen provokativ in der windstillen Stadt nach ihren Unterdrückern, wollten ihnen ihre Schandtaten vor Augen führen, sie entmachten. Auch die Erwachsenen blieben nicht untätig. Voller Euphorie suchten sie ihre sonst so verhassten Arbeitsplätze auf, stellten den gesamten Betrieb auf den Kopf und drehten jedes Staubkorn einzeln herum, um sich für ihre waghalsige Mission zu rüsten. War am Ende noch etwas Brauchbares in der geplünderten Werkstätte, so konnte der Inhaber sich wahrlich glücklich schätzen. Auch hatte er gut daran getan, den Freiheitskämpfern - oder dem ungehobelten Mob, wie die meisten Adligen sie entrüstet nannten - nicht entgegen zu treten und ihnen den Weg zu versperren. Von den Fehlern ihrer Vorgänger gewarnt, verbarrikadierten sie sich in ihren schicken weißen Häusern, um die Revolution auszustehen. So vermieden sie es wohlweislich, niedergetrampelt zu werden.

Nach getaner Arbeit fluteten nun auch die Arbeiter durch die Gassen, Seit an Seit mit ihren Kindern, sogar mit ihren verhassten Bewachern - der Stadtwache - und ein paar Adligen, denen die politische Lage zuwider, schon lange ein Dorn im Auge war. Doch sie waren nur ein klitzekleiner Funke in dem wogenden Inferno. Mit Fackeln schritten die Bürger voran, sodass die ganze Stadt in Flammen zu stehen schien, der rot-orange-gelbe Schein reflektiert von den weißem Fassaden der Häuser, weshalb er kilometerweit zu sehen war.  Auch in dem kleinen Dorf zu Fuße des Berges, wo die spitzohrigen Bewohner gebannt gen Himmel starrten. Viele Männer hielten Knüppel in den Händen, früher zum Bearbeiten der Felle gedacht, nun als Verteidigungsmittel dienend. Des weiteren konnte man aus der Menge das Aufblitzen von Metall sehen, trugen doch auch viele andere Leute Hammer, Zwillen, Brecheisen, Stuhlbeine und sogar Hufeisen -die ja schließlich Glück bringen sollten -, wodurch sie insgesamt und in der Masse einen ernst zu nehmenden Gegner bildeten. Noch furchteinflößender erschienen sie, als die Dämmerung einbrach und der helle Feuerschein ihren wutverzerrten Gesichtern neue Tiefen verliehen, sie noch eindrucksvoller und wilder erscheinen ließen. Immer weiter gingen sie voran, ihre Schritte laut wiederhallend, den Erdboden erschütternd, sodass ihr Schreiten auch den rebellischen Kataphilen nicht entging. Das Ziel war ganz nah. Die grimmige Ruhe des bevorstehenden Kampfes hatte sich über sie gelegt, gespannt wie Federn machten sie sich bereit.

Von der Unterstützung der Wache so beflügelt, schickte die Bevölkerung durch Geheimgänge Gesandte in den Palast, um unter den Bediensteten Verbündete anzuwerben. Doch deren Hoffnung auf Beistand und Rückhalt wurde zunichte gemacht, wussten die Bediensteten doch nicht, ob etwas an den Gerüchten dran war, ob Lennart wirklich ein so freundliches Wesen besäße oder ob sie am Ende den einen Tyrannen gegen den anderen austauschten, oder schlimmer noch, ob sie ihren Beruf verlören, wenn sie den Aufständischen halfen, der anstrebende Monarch sie aber doch bezwingen würde. Kurzum gab es für sie zu viele offene Variablen, aufgrund deren sie unter gar keinen Umständen etwas Versprechen wollten, das sie am Ende nicht halten konnten. Von dieser Nachricht und offenen Zurückweisung entzürnt, wiegelte das Volk sich weiter auf. Und hatte es vorher schon gestürmt und gewütet, so brach nun ein Orkan los. Deshalb bemerkte die Menge zunächst nicht die Neuankömmlinge, welche sich einerseits aus ihren Gräbern, den Katakomben erhoben und diejenigen, welche endlich ihre Isolation hinter sich ließen, um für ein gemeinsames Leben einzutreten  - keine Versteckspiele mehr. Albion stand in vorderster Reihe und stieß einen ohrenbetäubenden Kampfschrei aus, der allseits mit grimmiger Zufriedenheit aufgenommen wurde. So brandeten sie wie eine gigantische Welle, ein Hurrikan, endlich an ihrem Ziel angelangt, gegen die Palastmauern, schwappten über sie mit einer beängstigenden Leichtigkeit hinweg, sodass sich die meisten fragten, weshalb sie es nicht schon viel früher versucht hatten.

Spielend leicht setzten sie die Palastwachen außer Gefecht, und konnte einer von diesen zuvor noch ein Schuss abgeben, wodurch einer ihrer Verbündeten getroffen wurde und verstarb, schwor man ihnen grausige Rache. Doch das hielt sie nicht lange auf. Schon bald hatten sie die meisten Gänge besetzt und hielten Wache, wodurch die Rebellenführer der Bürger in Ruhe das Verlies stürmen und alle unschuldigen Gefangenen freilassen konnten. Und dachten sie anfangs noch, eine Zelle versehentlich übersehen zu haben, wurde ihnen schnell klar, dass Lennart nicht mehr festgesetzt war. Vom Zorn übermannt und dem Glauben verfallen, der Könige hätte Lennart ohne ihr Wissen aufgrund der Unruhen heimlich köpfen lassen, eroberten sie den Thronsaal wie im Sturm. Dort stellten sie den König zur Rede, der sich, vor Angst kaum haltend, in eine Ecke verkrochen hatte, halb hinter den weißen, prunkvollen, dicken Vorhängen versteckt, seine Krone fest umklammernd und sich in panischer Manie vor und zurück wiegend. Diese Stellung musste er jedoch bald aufgeben, da die Rebellen ihm nicht glauben wollten, als er beschwor, Lennart kein Haar gekrümmt zu haben und dieser in der Nacht geflohen sei. So wurde der armselige Lump eines Königs, kreischend, schreiend, wütend und um sich tretend, in den Kerker versetzt, wo er wüste Morddrohungen ausstieß und einen lebendigen Wasserfall spielte. Sein Vater folgte ihm zugleich.

Währenddessen ging es auch in den Katakomben nicht ruhiger zu, obgleich sie fast verlassen waren. Was hier tobte, waren die streitenden Geschwisterpaare. Auf der einen Seite Finnig und Luisa, die einander leidenschaftlich beschimpften. Luisa wütete, nachdem ihre mehrmaligen Versuchen, ihren Bruder mit Vernunft und Schmeicheleien zu umgarnen gescheitert waren, weil Finnig sie nicht an die Oberfläche lassen wollte. So konnte sie nicht ihr bestes geben, ihren Beitrag leisten. Und Finnig war außer sich, weil er seine Schwester schon erschossen wähnte und sie nicht schon wieder verlieren wollte. Beides aussagekräftige Argumente, weshalb keiner klein bei geben wollte. Aber auch zwischen Angus und Lennart flogen die Fetzen, da Angus nicht mit ihm nach Hause wollte, obwohl doch genau das der Grund war, weshalb Lennart erst in diese furchtbare Welt begeben hatte. "Aha!", rief Angus daraufhin erregt aus, "Du nennst sie furchtbar, diese Welt, willst aber nichts dafür tun, dass sie besser wird! Du hast es doch gehört, sie rufen nach dir! Nach dir! Das kannst du doch nicht einfach so übergehen! Und was ist mit Weihnachten? Bedeutet es dir denn gar nichts? Willst du nichts an den hiesigen Umständen ändern?!" Resigniert starrte Lennart ihn daraufhin an und seufzte so schwer, als hätte er eine große Bürde zu schultern. "Ja, es bedeutet mir durchaus etwas. Es ist mein Lebensaufgabe. Auch sind mir die Menschen hier nicht gleichgültig. Aber ich trage eben auch die Verantwortung für dich!", womit für ihn alles gesagt, alles erklärt war. Auf beiden Seiten herrschten verhärtete Fronten. 

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