Lennart schaute trübsinnig durch die Gitter seines Verlieses nach draußen auf den Hof. Die Wachen standen in kleinen Gruppen beieinander und unterhielten sich. Hin und wieder lachte einer von ihnen laut auf um sich dann wieder leiser mit den Kameraden zu unterhalten. Von Lennart nahmen sie keine Notiz. Der war trotz allem nicht wichtig genug und würde außerdem in ein paar Tagen geköpft werden. Wozu also ihm einen Blick schenken? Langsam schlicht Lennart zurück zu seiner Prische und setzte sich drauf. Er machte sich noch immer Vorwürfe, dass er so grandios versagt hatte. Und nun würde er bald die Rechnung dafür serviert bekommen.

Nachdem Lennart von der Stadtwache aus der Bäckerei gezerrt worden war, hatte der Bäcker schnell die Tür hinter ihnen verschlossen und das Licht gelöscht. Wer konnte schon wissen, ob die Wachen noch einmal zurück kamen und ihn auch noch holten. Es blieb jedoch alles still und so machte er sich nach einiger Zeit auf den Weg nach Hause. Immer wieder schaute er sich angstvoll um und als er endlich zu Hause war, fiel ihm ein Stein vom Herzen. Beim Abendbrot erzählte er seiner Frau, dass ein neuer Aurelian in der Stadt sei - ein tapferer, mutiger Mann, der sehr freundlich zu ihm gewesen sei und von der Stadtwache abgeführt wurde. Der Bäcker bedauerte zu tiefst, dass er nichts für Lennart hatte tun können und so blies er weiter Trübsal. Seine Frau jedoch machte sich gleich nach dem Abendbrot auf den Weg zu ihren Freundinnen und erzählte ihnen die Geschichte von Lennart, wie sie sie von ihrem Mann gehört hatte und die Freundinnen wiederum erzählten die Geschichte ebenfalls weiter. So kam es, dass am nächsten Morgen die halbe Stadt hinter vorgehaltener Hand davon sprach, dass es einen neuen Aurelian in der Stadt gab und dieser gütig und freundlich sein. Anders als der Bäcker hatten viele Leute auch verstanden, dass Lennart, da er aus direkter Linie von Cedric stammte, eher ein Anrecht auf den Thron hatte als der zukünftige König.

Das brachte eine enorme Spannung in die ganze Angelegenheit und sorgte dafür, dass sich Geschichten über Lennart - wahr oder erdacht - wie ein Lauffeuer verbreiteten. Das Volk sah einen möglichen Erlöser aus ihrer schlechten Lage und ein Sturz des zukünftigen Königs in den rosa-rotesten Farben. Innerhalb kurzer Zeit fühlte das Volk wieder so etwas wie Zuversicht und nach und nach wurde nicht mehr nur hinter vorgehaltener Hand getuschelt, sonder laut ausgesprochen, dass es einen neuen Thronanwärter mit größeren Rechten gab. 

So kam auch Luisa zu Ohren, dass Lennart im Verlies des Schlosses saß. Eins und Eins zusammen zählend kam sie zu dem Schluss, dass Lennart der Bruder von Angus sein muss und ihm durch die Aurora gefolgt ist. Davon konnte Angus noch nichts wissen. Er war ja auf Mission zum Weihnachtsmann gewesen und erst kurz zurück. Also musste sie unbedingt zu ihm und ihm davon berichten. Vorher jedoch wollte sie mit Kilian und Joel sprechen, wie man Lennart helfen konnte. Die beiden waren sofort bereit, auch Lennart aus dem Verlies zu befreien. Innerhalb kurzer Zeit gleich zwei Gefangene aus dem Verlies zu befreien barg natürlich ein erhebliches Risiko. Jedoch sollte Lennart geköpft werden - am 24.12. wie man aus gut unterrichteten Kreisen ebenfalls erfahren hatte - und das war schon sehr bald. Sie durften also keine Zeit verlieren. Gemeinsam mit Angus wollten sie einen Plan aushecken und dann gemeinsam zuschlagen.

Als sie endlich in den Katakomben waren - Luisa konnte es kaum erwarten, Angus zu sehen -  wurde ihr schwer ums Herz bei dem Gedanken, ihm die schlimmen Neuigkeiten überbringen zu müssen. Aber er musste es erfahren und sie waren auch auf seine Hilfe bei der Befreiung angewiesen. Angus war zunächst wie vor den Kopf geschlagen. Sein Bruder war hier? Das konnte doch nicht sein! Als er sich etwas gefangen hatte, bat er die Freunde, ihm bei der Befreiung seines Bruders zu helfen. Das er ihn befreien musste, stand für ihn völlig außer Frage. Vor allem als er hörte, dass Lennart dafür geköpft werden soll, weil er sich als Aurelian zu erkennen gegeben hat. Weihnachtsmann hin oder her - sein Bruder hatte jetzt Vorrang. Dieser Meinung waren auch Luisa, Kilian und Joel und so begaben sie sich in den Gemeinschaftsraum, um bei einer Tasse Tee zu beraten, wie sie Angus' Bruder aus dem Verlies holen konnten. Zum Glück kannte sich Luisa in den Katakomben unterhalb des Verlieses und Schlosses sehr gut aus. So wusste sie auch von in den Boden eingelassenen Löchern, die dazu da waren, die Zellen von Fäkalien frei zu halten. Unter dem Gefängnis floss zu großen Teilen ein reißender Fluss, der alles mit sich fort riss, was ihm anvertraut wurde. An Flucht jedoch war kaum zu denken. Erstens waren die Löcher im Boden vergittert und zweitens waren an Zu- und Abfluss unterhalb des Gefängnisses noch einmal Gitter angebracht. Damit konnte man von außen de facto nicht unter die Verliese gelangen. Das war nur von innen möglich - wenn man die Gitter im Boden auf bekam.

Joel jedoch, der selber bereits im Verlies gesessen hat und dort ebenfalls immer unbeobachtet von den Wachen sich selbst überlassen war, hatte einen Weg nach draußen gefunden. Seitdem war er ein Geächteter. aber das ist eine andere Geschichte. Im Boden seiner Zelle hatte er damals eine Stange aus dem Mörtel kratzen können und anschließend wieder fein säuberlich eingesetzt. So ist er unter die Verliese gelangt und von da an war es für ihn ein Kinderspiel. Aus Kindertagen, an denen er oft am Fluss gespielt hatte, wusste er, dass eine der Stangen sich öffnen lies und zu dieser tauchte er nun hin, um sich zu befreien. Und wie der Zufall es wollte, saß Lennart in eben jener Zelle und so wollten sie ihn über das Loch im Boden befreien. Ein Tauchgang im eisig kalten Winterfluss war zwar sicher kein Vergnügen. Jedoch - da waren sich alle einig - konnte eine Befreiungsaktion über die Eingangstür durch die Katakomben nicht noch einmal gelingen. Nicht, nachdem sie Angus auf diesem Weg erst vor wenigen Tagen aus dem Verlies geholt hatten. Jedoch wollten sie im Anschluss, wenn sie den Fluss wieder verlassen hatten, durch die Katakomben wieder zum Lager der Rebellen vordringen und sich dort in der ersten Nacht verstecken. dann würde man weiter sehen.

Wie verabredet standen nach Einbruch der Dunkelheit vier Gestalten am Fluss hinter dem Verlies und schauten auf das Wasser. Da Joel diesen Weg schon einmal genommen hatte, sollte er zu Lennart vordringen und diesen aus dem Verlies holen. Als Joel das Wasser betrat, stach die Haut wie von tausen kleinen Nadelspitzen. Immer tiefer ging er in den Fluss bis ihm fast die Luft weg blieb. Dann tauchte er unter und war für eine lange Zeit nicht mehr zu sehen. Die anderen Drei warteten am Ufer und achteten darauf, dass sich niemand in der Nähe aufhielt, wenn zwei Gestalten zu dieser Jahreszeit aus dem Fluss stiegen. Die Zeit verging nur schleichend und als sich einer nach dem anderen fragte, ob Joel wohl mit Lennart zurück kommen würde, tauchten plötzlich zwei Köpfe über der Wasseroberfläche auf. Was waren da alle erleichtert, dass die Flucht aus dem Verlies gelungen war. Man konnte förmlich mit den Händen die Erleichterung der Drei greifen. Jedoch mussten sie nun noch schnell in den Katakomben verschwinden, um nicht in letzter Minute noch entdeckt zu werden. Auf dem Schlosshof war allerdings alle ruhig. die Flucht war noch nicht entdeckt worden und so waren sie guter Hoffnung, rechtzeitig untertauchen zu können.

Schnell stieg Joel, dicht gefolgt von Angus' Bruder, aus dem Wasser und schüttelte sich wie ein Hund. Lennart und Angus fielen sich lautlos in die Arme. Dann liefen die Freunde schnellen Schrittes auf den Eingang der Katakomben zu und waren im nächsten Augenblick vom Dunkel der unterirdischen Gänge verschluckt. Den Weg zum Rebellenquartier nahmen sie lautlos unter die Füße. Als sich die Tür jedoch wieder in seine ursprüngliche Lage zurück schob und alle in Sicherheit waren, fielen sich die Freunde in die Arme und Lachten und Scherzten über die gelungene Befreiung. Lennart und Joel zogen sich erstmal trockene Sachen an und setzten sich anschließend zu Kilian, Luisa und Angus an einen der Tische, um einen heißen Tee zu trinken. In der Zwischenzeit hatten sich auch viele der Rebellen und Elfen um sie versammelt und da begann Lennart zu erzählen, wie er hier her gekommen ist. Er erzählte seine Geschichte bis tief in die Nacht, dankbar für seine Befreiung, die trockenen Sachen und das warme Bett, in das er gleich schlüpfen würde. Am dankbarsten jedoch war er dafür, endlich seinen Bruder gefunden zu haben und sich nun mit ihm gemeinsam auf den Heimweg machen zu können.

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