Die Wachen fackelten nicht lange. Sie zerrten Lennart aus der Bäckerei auf die Straße und stießen ihn in Richtung Schloss. Mit einem deftigen Stoß in die Rippen setzte sich Lennart in Bewegung. Hatte seine Großmutter, die seit Angus' Verschwinden viel über die andere Welt gesprochen hatte, also doch Recht gehabt. Der Name Aurelian war wohl der königlichen Familie vorbehalten. Aber, hey! War er denn nicht ebenfalls Mitglied der königlichen Familie? Sein Großvater Cedric war schließlich mit den heute Herrschenden blutsverwandt und so auch er. Er war gespannt, wie der hiesige Herrscher auf ihn reagieren würde. Nichts desto trotz war er ein bisschen in Sorge, er könnte nicht gut aufgenommen werden. Jedoch hatte er vorgesorgt und seinen beglaubigten Stammbaum, das Heiligtum einer jeden Elfe und Halbelfe, mitgenommen. So würde er beweisen können, dass er ein Aurelian war.  

Immer wieder wurde er mit Puffen und Knuffen traktiert, um schneller zu laufen. Doch ohne dem Kerker, in den er vermutet hatte, geworfen zu werden, auch nur eines Blickes zu würdigen, zerrten die Wachen ihn in Richtung des Schlosseingangs weiter, nachdem sie das Tor passiert hatten. Sie stießen ihn die lange breite, nach links und rechts ausschweifende Treppe hinauf und klopften oben an das majestätische, mit zahlreichen Ornamenten versehene Tor. Alsbald wurde ihnen geöffnet und sie betreten eine weite, in vielerlei Weißtönen gehaltene Halle, in der sich zahlreiche Bedienstete in kuriosen Uniformen tummelten. Zunächst schenke ihnen keiner Beachtung. Nach einiger Zeit jedoch erschien ein ältlich wirkender, faltendurchzogener kleiner Mann und bat sie mürrisch, ihm zu folgen. Sind hier denn nur alle Menschen mürrisch, fragte sich Lennart? Noch hatte er kein freundliches Gesicht zu sehen bekommen. Sie folgten dem kleinen bösen Mann eine weit ausladende Treppe in den oberen Stock und blieben vor einer zweiflügligen deckenhohen Tür stehen. der Mann bedeutete ihnen zu warten und verschwand hinter eben jener Tür. Nach kurzer Zeit erschien er jedoch schon wieder und sagte, dass sie erwartet werden.

Gemeinsam mit den Wachen betrat Lennart den Thronsaal und glaubte seinen Augen kaum zu glauben. Alles war in weiß gehalten. Der Fußboden und die Wände aus weißem Marmor, vereinzelt stehende Tischchen in kleinen Nischen - weiß. Die schweren Vorhänge an den Wänden und Fenstern - weiß. Zu guter Letzt der Thron selber - weiß. Kein Schmuck, keine Dekoration, keine Farbe, die auch nur im Entferntesten an Weihnachten erinnerte. Die letzte Woche im Advent hat gerade begonnen und alles war ungeschmückt! Sollte seine Großmutter schon wieder Recht gehabt haben, dass es Weihnachten in dieser Welt nicht mehr gab? Lennart konnte sich eine Welt ohne Weihnachten garnicht vorstellen!

Unsanft wurde Lennart nach vorn in Richtung Thron gestoßen und erst da bemerkte er, dass auf diesem ein junger Mann saß - natürlich in weiß gekleidet. Ungeduldig stieß Lennart die drängenden Hände der Wachen zurück und ging neugierig in Thron. Das musste ein Verwandter von ihm sein! Fast war er geneigt zu glauben, Züge im Gesicht des Fremden als die seinen wiederzuerkennen. Sein Gegenüber jedoch trug die Fratze des Zorns und in dieser wollte Lennart sich nicht wiedererkennen. Er verwarf den Gedanken ganz schnell wieder und blieb mit herausforderndem Gesichtsausdruck vor dem Thron stehen und harrte der Dinge, die nun kommen wollten.

Er hatte kaum vor dem Thron Stellung bezogen, da brüllte der neu zu krönende König auch schon los. "Du erdreistest dich, dich einen Aurelian zu nennen? Du nichtnutziger dreckiger Bastard von einem Halbelfen! Für diese Frechheit wirst du im Kerker schmoren, bis dich der Henker richtet!" Mit diesen Worten war der zukünftige König aufgestanden, beugte sich mit geballten Fäusten und zornesrotem Kopf nach vor und starrte Lennart voller Hass an. Mit so einem Ausbruch hatte Lennart nicht gerechnet. Jedoch blieb er ruhig und antwortete ihm selbstbewußte: "Ich bin ein Aurelian! Ich stamme aus der Lienie von Cedric Aurelian und kann das beweisen!". Mit diesem Worten zog er seinen Stammbaum aus dem Rucksack und übergab ihn einem Diener, der ihn an den vor Wut schäumenden zukünftigen König übergab. Dieser las sich mit Verachtung im Blick das Pergament durch und zerriss es dann kurzerhand. Triumphierend sah er Lennart direkt in die Augen und sagte: "Ich wüßte nicht, wie du das beweisen willst. Dieser Wisch ist nicht das Papier wert, auf den die Tinte getropft ist." Mit diesem Worten gab er den Wachen einen Wink, Lennart zu entfernen. Die hatten auch sofort begriffen, dass sie sich sputen müssen, sollte sich der Zorn des zukünftigen Königs nicht auch noch gegen sie richten. Also schleiften sie Lennart, schnell rückwärts tretend, mit sich in Richtung Tür und verschwanden mit ihm nach draußen. Dort überhäuften sie ihn erstmal mit Häme und zerrten ihn dann die Treppe hinunter und zum Tor hinaus auf den Hof, auf dem sich etwas abseits auch der Kerker befand. Dort wurde Lennart an den Kerkermeister übergeben, der ihn ohne viel zu zögern in eine der Zellen warf. Beim Schließen der Tür rief er noch "Der Henker freut sich schon auf dich!".

Betrübt und völlig entmutigt schaute sich Lennart um, konnte im Dunkeln jedoch nicht viel erkennen. Schließlich fand er eine Pritsche und legte sich darauf. "Nun kann dich nur noch ein Wunder retten!", dachte sich Lennart. Lange grübelte er über einen Ausweg, konnte jedoch keinen finden. Seine Mission war völlig daneben gegangen. Seinen kleinen Bruder hatte er nicht nach Hause gebracht, ja nicht einmal gefunden. Und er selber sah dem Tod entgegen.

Comments powered by CComment

joomla vector social icons