Obwohl es überdurchschnittlich kalt war und der schneidende Wind so tief in die Knochen eindrang, dass man nicht nur von außen, sondern auch von innen abkühlte, liefen Angus Schweißströme Schläfe, Hals und Rücken herab. Seine Handschuhe waren auch schon ganz klamm und feuchtwarm innerhalb des Futters. Und das lag nicht an der weiten Reise, welche fast reibungs- und beschwerdelos abgelaufen war. Nachdem Angus vorgestern voller Euphorie seine Entdeckung verkündet hatte und feststand, dass es den Ort wirklich auf der Landkarte gab, begannen sie sogleich mit den Reisevorbereitungen. Binnen weniger Stunden sind sie auf vollgepackten Schlitten über die weiße Landschaft geflogen, von den im Umland lebenden Huskys gezogen. Das Spannendste, was wohl während der letzten beiden Tagen passiert war, ist, dass sie ein paar Nomaden, die gerade das Gebiet nach möglicher Beute abgesucht hatten, begegnet sind.

Da die Elfen jedoch allesamt die Mützen über die Ohren gezogen hatten, wurde man ihrer Fremdartigkeit nicht gewahr und sie konnten allesamt unbehelligt weiter fahren. Dem Eisbären, welchen sie am späten Nachmittag angesichtig wurden, schien ihr Kommen ziemlich egal zu sein, beinahe kam es einem sogar so vor, als wäre er vor ihnen weg gerannt. Das war ein ziemliches Glück. Keiner wäre sonderlich begeistert davon gewesen, als Abendessen serviert zu werden.

Nein, deshalb war er nicht so aufgewühlt. Seit einer geschlagenen Viertelstunde verharrte er mittlerweile im Zustand der Ruhe, bar jeglicher äußerer Bedrohungen. Auch den anderen Elfen ging es gut, obwohl ihnen ebenso Bange war wie ihm. In einer Reihe hatten sich seine Begleiter hinter ihm aufgestellt und starrten unter seinen Armen hindurch auf das, was vor ihnen lag. Es war eine Tür. Nicht sonderlich aufsehenerregend, könnte man meinen. Schließlich gab es, obwohl doch nur sehr selten, Nomadenstämme, welche ihre Behausungen in Höhlen bauten. Zumindest war es hier so üblich. Diese Höhle hier hätte also keine Ausnahme gebildet, obwohl sie weit oben in den Bergeshöhen erbaut worden war. Da es aber definitiv kein Normalzustand war, dass die Tür aus Stein bestand, welcher von oben bis unten mit Gravuren verziert war, die Elemente wie Weihnachtssterne, Schaukelpferde und Zuckerstangen beinhaltete, mussten sie zur Annahme gelangen, dass hier der lang verschollene Weihnachtsmann hauste. Und dieser Gedanke erfüllte zwar das Herz jedes Anwesenden mit Hoffnung, jagte ihnen aber auch gleichzeitig eine Heidenangst ein, da niemand wusste, wie es um den alten Mann bestellt war. Und ihre Angst war berechtigt.

Nach mehrmaliger Beratung beschlossen die Elfen, Angus den Vortritt zu lassen. Sie wollten nicht nach dieser langen Reise, nach all den Jahrhunderten des Wartens, an ihrem Ziel angekommen sein, um zu bemerken, dass ihr Hoffen und Bangen umsonst gewesen war. So blickte Angus noch einmal um sich, schaute die angespannten Elfen an, welche verkrampft ihre Mützen in den Händen hielten oder gedankenversunken an dessen Bommeln spielten, trat vor und klopfte an die fein gearbeitete Tür. Im ersten Moment tat sich nichts, also wartete er einen Augenblick ab, ehe er es noch einmal probierte. Wieder keine Reaktion. So versuchte er die Tür zuerst sanft zu öffnen, was keinen Erfolg erzielte. So stemmte er sich mit aller Kraft gegen sie , japste und ächzte, ohne dass seine Bemühungen fruchteten. Erschöpft lehnte er sich nun gegen sie, um ein paar Minuten zu verschnaufen und zu überlegen, wie er sich Zutritt verschaffen konnte, als die Tür und der Stein unter ihm sich auf einmal drehten und ihn in das Innere der Behausung katapultierte. Völlig orientierungslos fand er sich im Dunkeln wieder, stolperte ein paar Schritte vorwärts, bis er an die Wand stieß, welche erstaunlicherweise mit Holz ausgekleidet war. An dieser tastete er sich langsam voran, bis auf einmal eine Fackel aufloderte, nur ein paar Zentimeter von seinem Gesicht entfernt. Vorsichtig zog er sie aus seiner Halterung und leuchtete seine Umgebung aus. Schlicht gehalten, mit zwei aufgehangenen Bildern, einem kleinen Tischchen, auf welchem eine Vase mit vertrockneten, abgestorbenen Zweigen stand, sowie einem matt-roten, dicken Teppichläufer, erstreckte sich ein Flur vor ihm. Ein Gang führte geradeaus weiter und der andere bog rechts ab, entschwand seinem Blick. Mit leichten Sohlen folgte er dem Flur geradeaus weiter, wollte erst schauen, wohin diese Türen führten, ehe er rechts abbog. Als er jedoch gerade den ersten Raum betreten wollte, sah Angus aus dem Augenwinkel den Schein von Licht unter einem Türspalt hervor glimmen. So drehte er sich auf dem Absatz um und wendete seinen Schritt gen Lichtschein. Er umfasste den rauen, verstaubten Türknauf, atmete nochmals tief ein und wappnete sich für eine Begegnung, die, so war er sich sicher, sein Leben verändern würde. Er trat ein.

Das Erste, was er erblickte, war die herunter gebrannte Kerze, deren Licht er gefolgt vor. Dessen Reichweite war jedoch so gering, dass seine Augen sich nur Stück für Stück an die tiefen Schatten und Ebenen des Raumes gewöhnten. Die Fackel spendete dann doch mehr Licht und so schritt er einmal jeden Winkel ab, ohne irgendeinen Hinweis auf den Verbleib des Weihnachtsmannes zu finden. Frustriert stampfte er auf und bemerkte, dass sie der Holzboden irgendwie hohl anhörte. Begeistert ließ er sich auf die Knie fallen und hielt Ausschau nach der geheimen Falltür. Schnell fand er den kleinen Henkel, an welchem er die Holzplatten hochheben konnte. "Jetzt habe ich dich.", flüsterte Angus voller Erwartung und Misstrauen. Leise setzte er seine Füße auf die oberste Sprossachse und begann den Abstieg mit einer Hand, in der anderen immer noch die Fackel haltend. Unten angekommen, fand er sich nochmals in Dunkelheit wieder. Doch dieses Mal war die Atmosphäre eine andere. Er vernahm das gleichmäßige, schwache Atmen einer Person von der anderen Seite des Raumes. Auf Zehenspitzen schlich er auf das Bett zu und rüttelte sacht an den Schultern der schlafenden Gestalt, welche völlig überrascht und entgeistert aus seinen Träumen schreckte. Hastig rutschte sie an die Wand, bemühte sich, soviel Abstand wie möglich zwischen sich und dem Eindringling zu bringen, der rüde einen Hausfriedensbruch begangen hatte. Stammelnd versuchte Angus sich zu erklären, zog die Mütze von seinem Kopf, um irgendeinen Halt zu haben. Das war ein Fehler, wie er bemerkte, zu spät. Der Mann mit den eingefallenen Wangen, spitz hervorstechenden Knochen, faltiger Haut und einem mehrere Meter langem Bart fing an zu schluchzen. Er konnte dem Ansturm der Erinnerungen nicht standhalten.

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