Obwohl das Bett nur rustikal sowie einfach gebaut war und das Gestell aus Metall bestand, da hier, in den Katakomben alles recht schnell zu modern begann, war seine Unterkunft im großen und ganzen recht bequem. Aber obwohl sie recht bequem war, konnte er sich nicht sonderlich mit ihr anfreunden. Genauer genommen, sinnierte er weiter, war sie ihm sogar ziemlich zuwider. Er fühlte sich wie ein Leichnam, begraben unter der Erde, unter Steinen.

Keine Chance, an die Erdoberfläche zurück zu kehren, da er nun schließlich ein gesuchter Schwerverbrecher war. Das war ein weiterer Punkt auf der Liste, die er vor dem Elfen-Tribunal vorgebracht hatte, um sie zu bewegen, ihn bleiben zu lassen. Vielleicht hatte dieser Punkt nicht den Ausschlag gegeben, ihn bleiben zu lassen, dennoch aber seine Wirkung entfaltet. Nun war er also unter der Erde gefangen, bis ihm eine Lösung einfiel, wie sie Weihnachten retten und den Monarchen stürzen konnten. Beides wahrhaftige Sysiphusarbeiten. Seit Stunden lag er schon wach, unfähig, einzuschlafen und so hatte er mehrere Stunden durchgewacht, bis der Morgen schon dämmerte. Seine Gedanken kreisten einfach unaufhörlich, wollten nicht zur Ruhe kommen. Letztendlich hatten sie nicht mehr allzu lange Zeit, um Weihnachten bei seiner Auferstehung zu helfen. Die dringlichste Frage war nach wie vor, in welcher entlegenen Ortschaft, in welchen Bergeshöhen, welcher Höhle oder unter welchem Erdreich er sich verborgen halten mochte, um sich seinen Kummer hin zu geben. Der Gedanke daran versetzte ihm einen Stich ins Herz, ließ dieses zusammenkrampfen und seinen Rücken nach außen wölben, bis er auf der Seite zum Liegen kam, die Arme um seine Knie geschlungen. Als würde er sich mit allen Mitteln bemühen, ein Ganzes zu bleiben, nicht auseinander zu fallen, in tausend Einzelteile. Was ließ sich denn sonst noch über ihn sagen, außer, dass er ein Weihnachtsmützenträger und -arbeiter war? Was machte ihn mehr aus, als seine Verpflichtung dem Weihnachtsmann, seiner Gemeinschaft gegenüber? Und was wäre geschehen, wenn die Elfen nach dieser herben Niederlage, diesem Dilemma einander nicht gehabt hätten? Würden sie noch Leben, nur als ein halbes sie, ertrunken in Trauer oder wären sie noch so zäh und widerstandsfähig? Doch diese Fragen haben noch nie etwas gebracht, werden es auch nie tun.  So grübelte er weiter, bis es Angus letztendlich reichte und er doch aufstand. Schon als er aus der Tür hinaus war und in den rechten Gang eingebogen war, geriet er ins Straucheln und wusste nicht mehr, wo er entlang musste. Ein Elf hatte ihm erklärt, dass überall im Gestein verschiedene Zuckerstangen eingemeißelt worden waren, wodurch sie sich zwar selbst in den unterirdischen Gängen zurecht fanden, ihre Gegner mit den Zeichen nichts anzufangen wussten. Er aber leider auch nicht. In seinem Kopf herrschte plötzlich eine allumfassende Leere. Allein an der Windstärke, der Stellung der Wolken oder an der Farbe des Himmels konnte er vorausbestimmen, welches Wetter in kommenden Tagen sein würde. Konnten der unscheinbarsten Fährte folgen, doch hier unten, umgeben von Tonnen an Gestein - Nichts. So wählte er nach dem Ausschlussverfahren einmal die linke, einmal die rechte Seite, dann nochmal rechts, weil der Gang häufig benutzt aussah und dann eine Weile wieder links-  und immer so weiter, bis er sich hundertprozentig sicher war, sich verlaufen zu haben. Als er die Wand nach der Gravur absuchte, musste er auch feststellen, dass die vorherige, dünn gestreifte Zuckerstange einer dicken Zuckerstangen mit größeren Abständen zwischen den einzelnen, dünnen Verstrebungen gewichen war. Außerdem gingen von dieser mehrere Strahlen aus, wie eine Sonne. Immerhin sah sie nicht so aus, als würde in dieser Richtung irgendeine Gefahr lauern. So folgte Angus den letzten paar Metern, neugierig darauf, was ihn erwarten würde. Nach einer viertel Stunde erreichte er letzten Endes sein Ziel, und was ihn erwartete, raubte sein Atem.  Nachdem Joel berichtet hatte, dass er nicht lesen könne, hatte er angenommen, dass es auch für die anderen zutraf, doch so wie es aussieht, hatte er sich gewaltig getäuscht. Zumindest was die Elfen anging. Vor ihm erstreckte sich die größte Bibliothek, die er jemals zu Gesicht bekommen hatte, ein Koloss, der sie vier Etagen in die Tiefe erstreckte und so weit nach hinten verlief, dass er dessen Ende nicht zu sehen bekam. Bis an die Decke stapelten sich Bücher, große und kleine, gebundene sowie lose zusammengebundene Pergamentblätter, bunte und einfarbige Bände. Also ein wahres Paradies. Er ging ungestört die Gänge entlang, nachdem er sich versichert hatte, dass niemand in der Nähe war. Mit den Fingern glitt er über die Einbände, raue und glatte. Außerdem zog er den alten Geruch der Bücher in die Nase, inhalierte den geliebten Duft, der leider, so stellte er traurig fest, mit einem unerheblich großen Teil von Moder durchzogen war. Sie starben eines langsamen, qualvollen Todes hier unten in der Nässe und Kälte. Und je länger er hier unten herumlief, desto trauriger wurde Angus. Er wandelte auf einem riesigen Friedhof. So viele Geschichten, die für immer zerstört worden sind im Laufe der Jahre, einfach der Tatsache geschuldet, dass sich niemand um sie gekümmert hat. Dabei waren sie doch wie Kinder! Eine Schande, solche Prachtexemplare einfach so ihrem Schicksal zu überlassen. Wenn dieser ganze Wahnsinn vorüber war, so beschloss er, würde er sie allesamt ans Tageslicht zurückführen, langsam, Schritt für Schritt, und versuchen, sie zu restaurieren,  ihnen eine Zukunft zu geben. Luisa würde ihm sicher helfen, dachte er. So würde die Bevölkerung vielleicht etwas schneller einsehen, dass sie sich diesen Umständen, dieser Willkür nicht unterwerfen müssen, ein Recht auf Freiheit haben. Die traurige Wahrheit war aber, dass es meist nicht reichte, seine Welt war das beste Beispiel dafür. Er könne nichts, als sein Bestes geben, befand er. Das Beste aus seiner Welt in diese transferieren. Und das brachte ihn wieder zum Gedanken, dass sein erster Schritt, um die gewünschte Zukunft wahr werden zu lassen, das Finden und Zurückbringen des Weihnachtsmannes beinhalte. Immer noch glitt er mit den Finger gedankenverloren über die Buchrücken, bis auf einmal ein Funken auf ihn übersprang, woraufhin er seinen Finger reflexartig weg zog. Verdutzt schaute er sich die Bücher an, die er zuletzt berührt haben konnte. Keines sah sonderlich außergewöhnlich oder magisch aus. Im Allgemein waren sie alles außerordentlich staubig, ebenso sein Finger, wie er erheitert und trübsinnig feststellte. Seine Abenteuerlust war aufs neue entfacht und so wanderte sein Finger erneut über die Hügellandschaft, bis erneut ein Funke auf ihn übersprang, gleißend gold,aber winzig klein. Benebelt griff er nach dem kleinen, aquamarinblauen Band. Den Titel konnte er nicht entziffern, auch nichts dann, als er den Staub halbwegs beseitigt hatte und die riesige Wolke sich um ihn herum verteilte, bis ihn ein Hustenkrampf geschlagene fünf Minuten schüttelte. Als seine Lunge und sein Hals sich endlich wieder beruhigt hatten, versuchte er es erneut. Irgendjemandes "Weihnachtsabenteuer", so viel zumindest konnte er entziffern. Also schlug er wahllos eine Seite auf und begann die Passagen, welche noch nicht ausgebleicht oder durch Wasserflecken und Bissspuren beschädigt waren, zu lesen. Und je länger er las, desto aufgeregt wurde er. Das musste doch..., aber ja, natürlich! Endlich wusste er es. Und so raste er den Weg zurück, den er gekommen war, flog beinahe die Gänge entlang, um seinen Mitstreitern zu offenbaren,was er herausgefunden hatte. Und erstaunlicher weise fand er sofort in den Gemeinschaftsraum. So, als hätte ihn eine geheime, magische Kraft gelenkt. Leichten Fußes stürmte in die Menge hinein und schrie: "Ich weiß, wo sich der Weihnachtsmann versteckt hält!"

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