Da es bereits in den frühen Morgenstunden war, versammelten sich immer mehr Elfen im Gemeinschaftsraum. Doch anstatt dass sie sich wie jeden Morgen gemeinsam bei Tisch setzten, stellten sie sich in einem großen Halbkreis um die Neuankömmlinge herum. Gerade, als Angus Identität als Elf gelüftete worden war, trat eine weitere Gruppe ins Zimmer ein.

Allesamt nicht größer als 1.60 m, in alte Kleidung gewandet, die von grünen und roten Strumpfhosen bis hin zu rot-gold oder silber-grün gestreiften Jacken ging. Dazu trohnte jeweils eine passende Mütze mit Bommel auf deren Köpfen, die sie ein klein wenig größer wirken ließ. Dennoch war nicht zu übersehen, dass es sich um Elfen handelte, schließlich konnte man, abgesehen von den Anziehsachen, auch die spitzen Ohren sehen. Doch so herrlich sie anzuschauen waren, egal, wie außergewöhnlich es schien, eine längst den Mythen angehörende Gestalt zu Gesicht zu bekommen, konnte Luisa nur den jungen Menschen-Mann ansehen, der in ihrer Mitte stand. Völlig erstarrt betrachtete sie den linkischen jungen Mann, völlig versunken in sein Gesicht. Zweifelsohne stellte er keine Schönheit dar, hatte ein aller Welts Gesicht und bewegte sich wie jemand, der erst vor kurzem ziemlich in die Höhe geschossen war und noch nicht so recht wusste, wie er sich in seinem neuen Körper zurecht finden soll. Wäre man ihm auf der Straße begegnet, so wäre er just in dem Moment aus den Gedanken entschwunden, wie man sich weggedreht hätte. Man hätte ihn keines Blickes gewürdigt, seine Züge augenblicklich vergessen. Luisa aber kannte diese fast ebenso gut wie ihre eigenen, in jüngerer, viel jüngerer Version, sicher. Aber er erschien ihr viel mehr erselbst zu sein, als er es jemals gewesen ist. Unbändige Liebe sprach aus Luisas Augen und ließ Angus, Kilian und Joel ein weiteren Blick auf den fremden werfen, um herauszufinden, was sie an ihm so faszinierte. Und je länger sie ihm ins Gesicht blickten, desto verständlicher erschien es ihnen, was Luisa an ihm fand. Die ruhige, gelassene Aura, die er ausstrahlte sowie die gütigen, sanften Augen, waren außerordentlich einnehmend. Doch sollte man nicht meinen, es hätte nicht auch Feuer in ihnen gelodert, so wie in denen seiner Schwester. Und noch ehe Angus ein Stich der Eifersucht treffen konnte, flüsterte Luisa: "Finnig, ich dachte, du wärst tot!" So kam das Eine zum Anderen und eine völlig aufgelöste Luisa lag in den Armen ihres benommen blickenden Bruders, der ihr unentwegt über Rücken und Haare strich. Kilian und Joel, die zwar Finnigs Zeiten nicht mehr miterlebt, dafür aber umso mehr von ihm gehört hatten, klärten Angus auf. Dieser atmete erleichtert auf und bekam als Reaktion darauf einen kameradschaftlichen Seitenhieb mit dem Ellenbogen von Joel, welcher ein Augendrehen von Kilian erntete. Ihm war fast so, als wäre die drei schon lange Freunde, was ihn unfassbar freute. Nur wie Luisa in diese Gleichung hineinpassen sollte, wusste er noch nicht. Da sie die beiden wiedervereinten Geschwister in Ruhe mit einander sprechen lassen wollten, setzten sie sich an einen abgelegenen Tisch. Eine Zeit lang betrachteten sie die glücklichen, aber sprachlosen Gestalten, die eng umschlungen auf den Boden nieder gesunken waren. Ohne es richtig bemerkt zu haben, hatte Angus´ Blick sich auf ihr Gesicht geheftet und verfolgte jede Gefühlsregung. Sie sah so hilflos aber selig wie ein Kind aus, welches bewusst sein erstes Weihnachtsfest und somit eine Offenbarung erlebte. "Ich denke, wir haben etwas zu besprechen, Angus.", ertönte Kilians Stimme, doch war er so in diesen Anblick versunken, dass er ihn zuerst nicht wahrnahm. "Angus Aurelian, ich bitte dich, uns deine Aufmerksamkeit zu schenken.", konnte er von neuem Kilian vernehmen. Durch seinen richtigen Namen aus der Trance geschreckt, wandte er sich um. Damit hatte er einen empfindlichen Nerv getroffen. So sehr er auch seinen Großvater liebte, so wenig hatte er geglaubt, ihn auf diese Weise in dieser Welt zu finden. Mit einer dicken, fetten Ohrfeige. Mittlerweile wünschte er sich jeden anderen Nachnamen zu tragen, nur seinen eigenen nicht. Er wünschte sich, die Geburtsumstände Cedriks wären andere gewesen, er hätte wirklich in der von ihm geschilderten Welt gelebt. Und als die beiden Männer nun wissen wollten, woher er wirklich stamme, was seine Geschichte sei, erzählte er, ohne irgendetwas zu verheimlichen. Vielleicht, um sich zu rechtfertigen, ihnen seine Sicht der Dinge darzulegen und ihnen klar zu machen, dass er mit diesen politischen Umständen nichts zu tun habe, dass er diese überhaupt nicht billigte. Im Laufe des Gesprächs fand er immer mehr Sachen über das Leben in seiner, aber auch über das in dieser Welt heraus, fand Unterschiede und Gemeinsamkeiten (welche schwindend gering waren), sah klar die Fehler dieses Gesellschaftssystems und stellte bereits eine Liste zusammen mit Dingen, die er gerne ändern würde, die geändert werden mussten. Obwohl er mit einer undurchdachten, schwammigen Absicht hierher kam, formte sich ein neues Bild seiner fernen Zukunft. Er sah sich neben den Elfen stehen, half ihnen wider der Korruption und brachte Weihnachten zurück. Doch dann verblasste die Szenerie wieder. Wie sollte er das bloß anstellen? Wenn er eins wusste, dann dass es völlig unsinnig war, zu glauben, dass seine Unterstützung irgend etwas ändern würde. Er würde nicht so vermessen sein, befand er, und sein eigenes Können überschätzen. Und dennoch würde er ihnen zur Seite stehen, beschloss Angus. Schließlich war ein Teil seiner Familie, so entfernt er auch immer war, schuld an dieser ganzen Misere. So wandte er sich nun mit frischer Entschlossenheit an seine neuen Freunde, die ihn während seines inneren Monologs stumm angestarrt hatten. "Das war wirklich die unglaublichste Geschichte, die ich seit einer Ewigkeit gehört habe.", stieß Joel überrascht, aber mit fibrigen Glanz in den Augen hervor. Kilian stimmte ihm bei, musste aber hinzufügen, dass er nach diesem Tag alles glaube, sei es nun ein Paralleluniversum, die Wiederauferstehung eines lang tot geglaubten königlichen Familienzweigs oder die Tatsache, dass es den Weihnachtsmann gibt. "Immerhin stehen wir hier inmitten von Personen, die aussehen, als wären sie gerade aus einem Märchenbuch entstiegen. Das sich im übrigen keiner leisten kann, sollte er über die Gabe verfügen, zu lesen.", schloss er seufzend. Angus, der sich ein Leben ohne Bücher nicht vorstellen konnte, gar wollte, fragte schockiert, in der Hoffnung, er habe sich verhört: "Du kannst nicht lesen?" Aber seine Hoffnung wurde zunichte gemacht. Die Antwort lautete eindeutig "Nein". "Schließlich sichert es weder unser Leben, noch beschafft es uns Essen.", wurde weiter ausgeführt. Dann schwiegen sie eine Weile, Angus zu entrüstet und die anderen beiden zu müde, um das Gespräch weiterhin am Laufen zu halten. Nachdem Kilian ein Gähnen nicht mehr unterdrücken konnte, entschied Joel, dass es Zeit war, schlafen zu gehen. "Meine ganzen Knochen protestieren schon. Ich werde ein alter Mann. Verfolgungsjagden setzen mir einfach viel mehr zu, als früher.", seufzte er theatralisch. "Du bist erst 22!", empörte sich Kilian spielerisch, stand aber auch auf und fragte einen der nahe stehenden Elfen, ob ein Schlafquartier für Gäste verfügbar wäre. Dieser antwortete mit etwas piepsiger Stimme, dass ihre Unterbringung gerade vorbereitet worden sei und sie sich zum Ruhen niederbetten können. Diese Nachricht wurde mit großer Freude aufgenommen, und so so folgtem sie ihm in eine der abzweigenden Gänge ins Labyrinth der Katakomben. Bevor Angus die Tür ganz passierte, drehte er sich noch einmal zu Luisa um, welche in einer ähnlichen Position wie zuvor verharrte, vertraulich zu ihrem Bruder geneigt, der sie ebenfalls voller Liebe anschaute. Doch dann hob er einen Moment lang seinen Kopf hoch, so unmerklich, dass man es fast nicht wahrgenommen hätte. Aber die Blicke der beiden trafen sich und als Angus sich abwandte, um den drei Gestalten hinterher zu laufen, hatte er ein mulmiges Gefühl im Magen.

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