So schnell würden Angus und seine Befreier wohl keinen deftigen Eintopf bekommen. Egal, wie sehr sie sich auch beeilten und durch die unterirdischen Gänge der weißen Stadt liefen, die Wachen waren ihnen auf den Fersen. Erst als Luisa die Führung übernahm und sie in Teile der Katakomben führte, in denen seit Jahrzehnten keine Menschenseele mehr gewesen war, wurde der Abstand endlich größer. Gerade liefen sie links um eine Ecke, als Luisa mit einem leisen Aufschrei stehen blieb und rückwärts taumelte. Die ganze Gruppen der Flüchtigen kam zum Stehen und starrte den vor ihnen stehenden Mann mit weit aufgerissenen Augen an.

Sie mussten mindestens eine halbe Stunde durch die Gänge gelaufen sein. Wie konnte so tief in den Katakomben noch jemand sein? Aber der Mann, der ihnen den Weg verstellt hatte, war kein Feind. Er bedeutete ihnen leise, ihm zu folgen. Schnellen Schrittes setzten sie - nun zu fünft - ihren Weg fort. Kurze Zeit später standen sie vor einer Steinmauer am Ende eines Ganges. Eine Sackgasse, aus der es kein Zurück mehr gab. Da legte der Fremde seine Hand an die gefrorene Wand und die Steinmauer schob sich ein wenig zur Seite, so dass alle nacheinander passieren konnten. Als alle eingetreten waren, legte der Fremde seine Hand wieder an die Wand und die Steinmauer glitt zurück. Von außen war der Eingang nicht erkennbar und so würden ihre Verfolger wohl noch den ganzen Tag durch die Katakomben irren, ohne eine Spur von ihnen zu finden.

Wo jedoch waren sie hier gelandet? Erstaunt schauten sie sich um. Gleich hinter dem Eingang erstreckte sich eine Halle von vielleicht 20 x 20 Metern, aus der mehrere Ausgänge abzweigten. Das es sich hier um eine Gemeinschaftsbehausung handelte, daran bestand kein Zweifel. In der Halle waren Tische und Stühle aufgestellt, es gab eine große Theke, hinter der gekocht werden konnte und dazwischen standen, sich mit den Tischen und Stühlen abwechselnd, kleine gemütliche Sitzgruppen, die teilweise durch Paravents voneinander getrennt waren und den Sitzenden das Gefühl von etwas Abgeschiedenheit vermittelten. Aus den Ausgängen, die in regelmäßigen Abständen von der Halle abzweigten, kamen so nach und nach Gestalten mit fragenden Gesichtern. Luisa und ihre Begleiter konnten es kaum fassen. Waren da etwa Elfen, die zusammen mit Menschen immer näher kamen und sie neugierig betrachteten? Elfen gibt es wirklich? Und sie leben hier unten mit Menschen zusammen? Die Legenden über die Elfen, die einst im Reich gelebt hatten, waren uralt. Früher hatten sie wohl in Freundschaft mit den Menschen ihn ihren Städten und Dörfern gelebt. Aber da schon seit hunderten von Jahren keine Elfen mehr gesehen wurden, nahm man allgemein an, dass Legenden über Elfen eben genau das sind: Legenden! Einzig Angus, für den dieses Miteinander von Elfen und Menschen ganz natürlich war, zeigte sich nicht verwundert und begrüßte den immer größer werdenden Ring an Neugierigen freundlich. Auch Luisa und ihre Begleiter fingen sich allmählich und starrten nun ihren Retter an. Noch bevor der das Wort an die Flüchtenden richten konnte, bedankten sich Joel für die Rettung in letzter Not bei diesem und schüttelte ihm zum Zeichen der Freundschaft die Hand. Der grinste ganz verschmitzt und meinte nur "Lass mich das nicht bereuen! Und nun setzt euch erstmal und erzählt, was euch unter die Stadt getrieben hat. Alle nahmen Platz, so nah wie möglich an den den vier Flüchtenden und lauschten gespannt den Ereignissen, die abwechselnd von Luisa, Angus, Joel und Kilian erzählt wurden. Jetzt ergab sich endlich auch für Angus das komplette Bild und er bedankte sich herzlich bei seinen Befreiern. "Doch nun erzählt ihr, was ihr hier unter der Erde tut und warum Menschen und Elfen zusammen in einer Gemeinschaft leben!" forderte Kilian die Anwesenden auf. Alle Augen richteten sich auf denjenigen, der sie durch die Steinmauer in das Versteck geführt hatte. Die Spannung war fast zum Greifen. Da begann er zu erzählen..."Wir leben seit vielen Generationen unter der Erde, tief im Herzen der weißen Stadt. Einst haben Elfen und Menschen in Frieden zusammen gelebt und haben sich gegenseitig dazu angetrieben, die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Und natürlich haben sie zusammen gefeiert - Weihnachten!" Luisa konnte sich erinnern, dass Miss Dorothy von Weihnachten erzählt hatte. Einem längst vergangenem Fest, dass im Dezember gefeiert und das Fest der Liebe genannt wurde. Kilian und Joel jedoch schauten sich ratlos an. Was sollte Weihnachten sein? Von einem solchen Fest hatten sie noch nie gehört. Da erzählte ihr Retter weiter. "Ebenso wie die Elfen war Weihnachten in das Reich der Legenden eingegangen und geriet in Vergessenheit. Schuld daran trugen und tragen die Mitglieder der Familie Aurelian, die Weihnachten vor langer Zeit verboten hatten und gnadenlos jeden Elf jagten, dem sie habhaft werden konnten. Somit verschwand Weihnachten langsam aus den Gedächtnissen der Menschen und die Elfen verschwanden. Jedoch hat es die Elfen die ganze Zeit gegeben. Sie leben bis heute in ihren Städten und Dörfern, getarnt durch starke Schutzschilde, oder auch hier unten in den Katakomben. Dieses Versteck gibt es seit vielen, vielen Jahrzehnten und wurde immer von Elfen und Menschen bewohnt, die sich dem Widerstand verschrieben haben." Das also war das Geheimnis der hier Anwesenden. Sie wollten wieder in Frieden mit den Elfen leben und Weihnachten feiern. Angus fühlte sich ganz elend. Nicht nur, dass in seiner Welt die Elfen beliebt waren und hier fast ausgerottet wurden. Nein, daran war auch noch die Familie Aurelian Schuld, deren Namen er ebenfalls trug. Wenn Albion Recht hatte und nur Mitglieder der königlichen Familie den Namen Aurelian tragen durften, dann war sein Großvater Mitglied des höchsten Adelsgeschlechts in dieser Welt gewesen und er somit auch. Immer mulmiger wurde ihm zumute. Er machte sich ganz klein und versank fast auf seinem Stuhl, so sehr schämte er sich für seinen Namen. Verzweifelt versuchte er, sich von seinem Schal zu befreien, der ihn plötzlich sehr einengte und riss ihn schließlich mitsamt der Mütze herunter um sich anschließend die Hände vor das Gesicht zu schlagen. Das durfte doch alles nicht wahr sein! Er sah nicht den ungläubigen Blick von Luisa, der auf ihm ruhte. Doch in der plötzlich eingetretenen Stille hörte er deutlich ihr Flüstern: "Du bist auch ein Elf?"

Comments powered by CComment

joomla vector social icons