Das Licht schien durch das kleine Fenster der Dachgaupe und warf einen fächerförmigen Schein, welcher kurz vor dem kleinen, fein gearbeiteten Bett endete und somit den sich im Schlaf windenden Angus nicht aufweckte, auf die Dielen des dunklen Eichenholzes. Seine haselnussbraunen Haare fielen ihm ins Gesicht, wodurch er viel verletzlicher und jünger wirkte.

Der Anblick wurde jedoch dadurch abgemildert, dass er ein 1,75m großer Mann war, der in einem Bett lag, dessen Länge ihn nur um 5 cm übertraf. Elfen waren im Allgemeinen nicht sonderlich groß, und da sie nie Besuch von Halbelfen erhielten, geschweige denn von Normalsterblichen, schufen sie ihre Möbel in entsprechender Größe. Und dass es sich bei diesen Dorfbewohnern um Elfen handelte, war Angus von vornherein her klar gewesen. Als Angehöriger des selben Stammes erkannte er die Ausprägungen sofort. Zwar wurden die Weihnachtsdekorationen nur spärlich bis hin zu gar nicht in das Stadtbild integriert, doch konnte man sehen, dass die Handwerker etwas von ihrer Arbeit verstanden. Alles Häuser waren bis ins letzte Detail ausgearbeitet, strahlten dabei jedoch eine raue wie erhabene Wildheit aus. Und selbst wenn es ihm nicht auf Anhieb aufgefallen wäre, so hätten doch die Worte des kleinen Jungen am gestrigen Abend unmissverständlich zu verstehen gegeben, dass sie vom selben Geschlecht seien. Wer könnte schließlich: "Mama, Mama, schau dir doch ma´ die Ohr´n an! Der hat doch uns´re!", missdeuten? Was ihm allerdings nicht sonderlich eingeleuchtet hatte, war, dass die gesamte Spannung der anderen gewichen ist. Sicher ist es ungewöhnlich, einen fremden zu beherbergen, doch wäre nichts schlimmes dabei gewesen, hätte es sich um eine andere Lebensform gehandelt. Schließlich hatte sein Großvater unzählige Male erzählt, dass beide Stämme seit Äonen in Frieden miteinanderlebten. Sicher gab es die ein oder andere Auseinandersetzung, doch währten die Streitigkeiten nie lange. Als Albion dann nochmals seine Frage vom Morgen stellt, woher er wohl komme und was ihn des Weges getrieben hatte, so antwortete er wahrheitsgemäß, er komme vom Nordpol und sei auf der Suche nach seinem Großvater. Völlig verdutzt schaute die Familie ihn dann an und verkündete, sie haben noch nie vom Nordpol gehört. Sie holten eine Landkarte heraus und baten Angus, sein Heimatland zu zeigen, doch vergeblich. Die Umrisse der Länder waren ihm Fremd, die Kontinente glichen in keinster Weise denen von der Erde. Die einzige Gemeinsamkeit war, dass es insgesamt 7 Kontinente gab, doch dabei blieb es auch. Und so schickte Albion Angus hoch ins Dachgeschoss, damit er sich im Gästezimmer zu Bett legen konnte, schließlich müsse er ja ganz übermüdet sein. Was heißen sollte, dieser dachte nicht, dass er noch ganz bei Sinnen war. So erwachte also Angus an diesem späten Vormittag und wusste noch immer keine zufriedenstellende Antwort über seine Herkunft zu geben. Unruhig und voller Zweifel versuchte er einen Ausweg aus dieser Zwickmühle zu finden. Eigentlich konnte er die kleine Familie recht gut leiden, waren sie doch die Einzigen gewesen, die ihm Arbeit und Obdach gewährt hatten. Sie wollten ihm sicherlich auch nichts Böses, weshalb er beschloss, seine Geschichte so umzuändern, dass der Bezirk, aus dem er stammte, Nordpol heiße, und das Land, in dem es liege, Snezhny sei. Dieses hatte er auf der Karte gesehen, ein kleines, glühwein-klecks-förmiges Land an der Küste. Er würde also noch für eine Mahlzeit arbeiten, ein paar Informationen einholen und sich dann auf den Weg in die Stadt machen. So wusch er sich rasch mit kaltem Wasser un schlüpfte in seinen warmen Pelz, ehe er sich nach unten begab und seine Tauschgeschäft vortrug. Einverstanden mit seinem Handel, schob Albion einen Teller mit Nüssen, Lebkuchen und zwei Scheiben Brot mit Käse herüber und Angus ließ sich auf den Stuhl gleiten, nachdem er sich bedankt hatte, um still sein Mal einzunehmen. Während er das tat, verfolgten neugierige Blicke jede seiner Bewegungen, und da sie es irgendwann nicht mehr aushalten konnte, stellten sie die Frage, auf welche er sich frühs vorbereitet hatte und gab in einem lässigen, heiteren Ton seine einstudierte Antwort, so als wäre es überaus komisch, dass er sein Heimatland nicht gefunden hatte, geschweige denn seinen Namen abrufen konnte. Als wäre die gesamte Situation nicht verdächtig. Doch sie nahmen es mit neutraler Miene hin, ohne zu zeigen, ob sie Angus glaubten oder nicht.  Da er jedoch noch immer Antworten brauchte, stellte er zuerst die Frage, die ihm seit Betreten des Dorfes umtrieb: "Warum waren alles so angespannt und ablehnend, als ich ankam?" Woraufhin ertönte: "Aus dem selben Grund, wie überall anders auch. Oder ist es bei euch im Land nicht so?" Und da Angus aufgrund seiner Unwissenheit über die fremde Welt seine Deckung nicht verlieren wollte, bejahte er. "Doch, schon." Da er in dieser Richtung nicht weiter in sie eindringen konnte, fragte er, ob sie etwas über einen gewissen Cedrik Aurelian wüssten. Angespanntes Schweigen erfüllte den Raum. "Warum willst du das wissen? Wie war der Name deines Großvaters noch einmal? Cedrik? Ah ja. Du kannst unmöglich behaupten, dein Großvater träge diesen Nachnamen. Es ist bei uns im Land verboten, diesen zu tragen, sofern du nicht zur königlichen Familie gehörst. Was er bestimmt nicht tut. Außerdem ist der ehemalige König seit Jahren tot. Sein Bruder, der mittlerweile Gott sei Dank vollendet ist, hat dem Volk von seinem tragischen Tod erzählt. Dessen Sohn regiert nun und demnächst soll dessen Sohn gekrönt werden. Tyrannen einer wie der andere." Skepsis, Unglaube über den angeblichen Tod des Cedrik Aurelian sowie Ekel und Abscheu gegenüber der restlichen Familie schwang in dessen Stimme mit und Albion sah geradezu Furcht einflößend aus, weshalb Angus auch dieses Thema nicht weiter vertiefen wollte, letztendlich brachte es ihn nicht weiter auf der Suche nach seinem Großvater.  Nachdem Angus nach mehrstündiger Schufterei endlich seine Schulden beglichen hatte, begab er sich nach Verabschiedung von der kleinen Familie und dem Versprechen, sie auf dem Heimweg zu besuchen, auf den Weg in die Stadt. Der Anstieg war beschwerlich, der Wind umtoste und warf ihn das ein oder andere Mal beinahe um, wodurch er nur Etappenweise voran kam. Immer häufiger musste er Pausen einlegen, und als die Sonne unter gegangen war, machte er sich auf die Suche nach einem geeigneten Schlafplatz. Doch musste er erst noch eine weitere Stunde gehen, ehe er eine schmale Nische in zwei Felsbrocken fand, wo es trocken und geschützt war. Völlig entkräftet schlief er sofort ein.

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