Der Abstieg war lang und beschwerlich - viel mehr, als er zunächst gedacht hatte. Kaum hatte er einen Fuß sicher auf dem kargen Fels platziert, rutschte er mit dem Anderen ab und konnte sich immer nur mit Mühe und Not halten. Als er endlich an einer etwas seichteren Stelle weit unten angekommen war, war er völlig erschöpft und verschwitzt. Angus machte eine kurze Pause und beobachtete das Dorf, auf das er einen guten Blick hatte. Abgesehen von einigen Männern und Frauen, die geschäftig hin und her liefen, war alles ruhig. Also kein Grund zur Besorgnis. Er würde kurz im Dorf vorbei schauen, sehen, ob er gegen Dienste ein Mittagessen verdienen konnte und sich weiter auf den Weg in die Stadt machen. Als er zwei Stunden später endlich dort war - der Abstieg hatte doch noch einige Zeit in Anspruch genommen - wurde er nicht unbedingt mit offenen Armen empfangen.

In den Gesichtern der Leute sah er Entsetzen, echte Besorgnis und auch so etwas wie Verwunderung, als sie entdeckten, dass er schnurstracks auf ihr Dorf zulief. Da er jedoch immer zu jedermann freundlich war, grüßte er höflich und fragte, wo er etwas zu Essen bekommen könnte. Aus der Schar der ihn erwartenden Menschen trat ein Mann mittleren Alters hervor und bat ihn, in seinen Stall zu kommen. Dort waren sie einigermaßen geschützt vor den neugierigen Blicken und Ohren der anderen und der Mann stellte sich vor. "Mein Name ist Albion! Woher des Weges, mein Freund und wie hast du uns entdeckt?" Aha, dachte sich Angus. Daher also wehte der Wind. Deshalb das Entsetzen und die Verwunderung in den Gesichtern der Anderen. Doch wovor fürchteten sie sich? Doch nicht vor einem einsamen Wandersmann. Angus erzählte ihm, dass er aus einem fernen Land gekommen sein und in die weiße Stadt wolle. Auf dem Weg hierher sei er auf das Dorf gestoßen und hatte gehofft, hier eine ordentliche Mahlzeit erhalten zu können. Da er bereit war, dafür zu arbeiten, stellte ihn Albion gleich zum Ausmisten des Stalles ein und sagte ihm, dass er, wenn er diese Arbeit beendet hat, ins Haus kommen solle. Damit wandte sich Albion ab und ließ Angus mit der Mistgabel allein zurück. Das bisschen Ausmisten war kein Problem für Angus und so konnte er seinen Gedanken freien Lauf lassen. Immer wieder dachte er darüber nach, warum Albion ihn gefragt hatte, wie er sie "entdecken" konnte. Das Dorf lag wie auf einem Präsentiertablett mitten in der verschneiten Einöde. Was ging hier vor? Zum Glück hatte Angus Albion nicht die ganze Wahrheit gesagt. Das er aus einem fernen Land kam, stimmte zwar irgendwie. Aber das das ferne Land in einem anderen Universum lag und er durch die Aurora zu ihnen gelangt war, war schon ein ganz anderes Kaliber. Das wollte er dann doch nur dann erzählen, wenn er sich absolut sicher war, dass ihm daraus niemand einen Strick drehte. Zwar hatte der Großvater nie etwas Schlechtes über seine Heimat verlauten lassen, aber man konnte ja nie wissen, auf wen man traf. Und das die Dorfbewohner ihn mit Argwohn betrachteten, ließ sich nicht von der Hand weisen. Nachdem der Stall fertig ausgemistet und mit duftendem Stroh wieder eingestreut war, begab sich Angus ins Haus. Dort saß die Familie von Albion um einen großen Tisch versammelt und starrte ihn aus großen Augen an. Ein kleiner Junge, vermutlich der Sohn von Albion, fing an zu weinen und seine Mutter nahm ihn tröstend in die Arme. Zumindest nahm Angus an, dass sie die Mutter des Kleinen war. Betreten blieb Angus in der Tür stehen. Warum verschreckte er hier alle Menschen. Das ergab doch keinen Sinn. Er war ein einfacher Bursche auf der Suche nach etwas Suppe oder Kohl. Vor ihm ging doch keine Gefahr aus! Er konnte sich das Verhalten der Dorfbewohner beim besten Willen nicht erklären. Langsam kam er näher an den Tisch und setzte sich auf den Stuhl, auf den Albion mit einem Nicken gezeigt hatte. Alles war still, bis auf den kleinen Jungen, der an der Schulter seiner seiner Mutter schluchzte und offensichtlich Angst vor ihm hatte. Ein jeder im Raum sah ihn an und Angus wurde es langsam unheimlich. Er begann unter seiner Mütze und dem Schal zu schwitzen. Während er an seinen Kopf griff, um die Mütze herunter zu ziehen, registrierte er, dass jeder im Raum - obwohl es angenehm warm war - eine Mütze auf hatte. Als er wie in Zeitlupe die Mütze vom Kopf zog, waren alle Blicke auf ihn gerichtet. Langsam, der Spannung des Augenblicks bewusst, ließ er die Hand mit der Mütze sinken. Alle schwiegen und starrten ihn mit offenen Mündern an. Dann rief der Junge ....

Comments powered by CComment

joomla vector social icons