Von dem Schrei eines Albatrosse´s aufgeschreckt, erwachte Angus aus einem tiefen Schlaf. Mühsam streckte er seine steifen Glieder und hielt seine gefrorene Nase gen aufgehende Morgensonne und blinzelte die Müdigkeit weg. Einen Moment überlegt er, ob es sich nicht noch lohnen würde, ein wenig weiter zu schlafen, doch dann raffte er sich energisch auf und entfachte aus dem Heu seiner Schlafstätte ein kleines Feuer, worauf er einen Becher voll Glühwein erwärmte, damit sein Kreislauf langsam wieder in Fahrt kam.

Im Gegensatz zu Vollblut-Elfen war es für ihn nicht notwendig, sich von Weihnachtsgebäck und -getränken zu ernähren, um bei Kräften zu bleiben, doch wärmte nichts so gut wie der selbstgemachte Glühwein seiner Großmutter. Während der Wartezeit machte Angus sich an seinem Rucksack zu schaffen und förderte recht schnell einen silber gefassten Kompass samt Fernglas zutage. Zuerst werde er nach der Stadt ausschau halten, entschied er, schließlich würde er seine Schritte so oder so in diese Richtung wenden, und die Sonne geht, wie jedes Kind wusste, im Osten auf, wodurch die Stadt im Nordwesten liegen müsste. Dafür brauchte er den Kompass nicht. So setzte er das Fernglas auf die Nase und befand, nach mehrmaligen Berechnungen, dass die Stadt nach einem sechsstündigen Marsch zu erreichen sein müsste. Also kein Problem für einen erfahren Wanderer wie ihn. Außerdem würde ihn sein Weg lediglich horizontal führen und das Wetter versprach milde zu werden. Beste Voraussetzungen also. Angus verließ das beschauliche, sichere kleine Wäldchen und machte sich mit der festen Überzeugung, in ungefähr sechs Stunden sein Ziel erreicht zu haben, auf den Weg.  Währenddessen lief seine besorgte Mutter buchstäblich ein Loch in den Teppich. Ihr Mann samt Söhnen waren noch immer nicht zurück gekehrt von der Suche nach Angus, ihrem jüngsten Schützling. So musste sie sich also noch mehr Sorgen machen, da alles in der Schwebe hing, und der Gedanke, dass sie absolut nichts tun konnte, nur untätig auf Antwort warten sollte, machte sie schier wahnsinnig. Nicht einmal ihre Mutter wollte ihre Hilfe annehmen, saß nur still und stumpf starrend auf ihrem plüschigen Sessel, klein und hilflos wie ein Kind. Resolut verweigerte sie das Essen, unterband jeglichen Versuch, eine Konversation aufkommen zu lassen. Und so tigerte Ayla auf und ab, sehnlichst auf Antwort wartend. Doch es sollte noch ein Weilchen dauern, ehe der Rest ihrer Familie wieder zu ihnen stoßen würde, und so machte sie sich schließlich, Ermangelung einer besseren Aufgabe, daran, das Haus zu putzen, gab es aber wieder recht schnell auf, da das noch nie die Art von Tätigkeit war, welche sie zur Ruhe hatte bringen können. Frustriert stieß sie einen Seufzer aus.  Der Tag neigte sich schon den späten Nachmittagsstunden zu, als endlich Erwyn, ihr Mann, samt Söhne und Brüder Heim kehrte, nur Angus war nicht dabei. Sie meinte fast zu spüren, wie ihr Herz, nachdem es doppelt so schnell wie sonst geschlagen hatte, einen Satz aussetzte. Ihre Schultern fielen nach vorheriger Anspannung herunter und sie fühlte sich so unendlich alt. Ein Blick in Erwyns Gesicht zeigte, dass es ihm ebenso erging. Stumm nahmen sie sich in die Arme und gingen danach kummervoll ins Haus. Der Rest spaltete sich auf: Manche ihrer Brüder gingen zu Frau und Kind, die anderen kamen zusammen mit ihren Söhnen in die gute, traute Stube, dessen normalerweise rot, gelb, orange, weiß und blau flackernden Flammen im Kamin erloschen waren. Niemand hatte es bemerkt. Gemeinsam setzten sie sich um den Küchentisch herum. Nach langem Schweigen und großer Angespanntheit traute sich Ayla zu fragen: "Und ihr habt keine Spuren vom ihm...?" Resigniert blickten die Augen ihres Mannes sie an. Doch nicht er ist es, der auf ihre Frage antwortet, sondern ihr ältester Sohn Lennart. "Es ist nicht so, dass wir seinen Fußstapfen nicht haben folgen können, dafür fielen die Schneeflocken nicht stark genug.", ertönte seine tiefe, melodiöse aber erschöpfte Stimme, "Das Problem war, dass sie ungefähr 5 Meilen nördlich von hier einfach verschwanden. Da war nichts mehr. Gar nichts, abgesehen von seinem Messer. Natürlich musste er es verlieren! Sich in eine fremde Welt aufzumachen ist nicht gefährlich genug, nein, er muss den Schwierigkeitsgrad noch erhöhen und sein Taschenmesser hier lassen! Was hat er sich bloß dabei gedacht...?!" Frustriert vergräbt er sein Gesicht in den Händen. "Immerhin wissen wir, dass es dort nicht sonderlich gefährlich ist. Wer weiß, vielleicht ist es einfach wie ein toller Urlaub. Er ist 19 Jahre alt, irgendwann muss jeder aus seinen Kinderschuhen wachsen..." Da ertönte ein ersticktes Schluchzen. Doch es kam, wider aller Erwartungen nicht von der bleichen Ayla, sondern von der gramgebeugten, sich vor und zurück wiegenden Enya. In gleichmäßigen Abständen stieß sie einen unverständlichen Satz aus, zu schnell, zu leise, als dass sie es hätten verstehen können, doch wiederholte er sich stetig. Und nachdem die Anwesenden überstürzt auf sie zugeeilt waren und sich nehmen sie niedergelassen hatten, konnten sie auch verstehen, was sie sagte: "Es tut mir leid, so unfassbar leid!" Nachdem sich Enya, Angus´Großmutter insoweit erholt hatte, dass sie sich aufrichten konnte und nicht unkontrolliert anfing zu schluchzen, begann sie die Geschichte eines königlichen Sohns zu erzählen, der in einer Welt erzogen worden war, wo sich Mensch gegen Mensch richtete, keine Einigekeit herrschte, wo jeder voller Argwohn und Hinterlist sich selbst der Nächste war, einer Welt, in der er dazu erkoren wurde, den umgreifenden Hass zu bekämpfen, sich gegen Korruption im eigenen Gefolge zu wehren, vom Volk nichts als Kälte und Angst entgegengebracht zu bekommen im Zug seiner Güte, weil dieses schon viel zu lange Unterdrückt worden war. Enya berichtete von einem Universum, in welchem es kein Weihnachten gab, keinen Weihnachtsmann, keine Elfen, keine sprechenden Rentiere, da sie dort allesamt schon viele Jahrtausende zuvor ausgestorben waren. Sie erzählte von der Flucht des Königs, da er sich nicht weiter behaupten konnte, da seine Ermordung von seinem eigenen Bruder in Auftrag gegeben worden war. Sie berichtete von loyalen Bediensteten, die dem jungen König heimlich aus der weiß glitzernden Stadt halfen, wie der Könige über Tage hinweg vor Angst, Trauer und Wut durch die eisige Landschaft zog und sich, am Ende mit seinen Kräften immer weiter voran schleppte und eines Nachts, halb von Sinnen, durch die Aurora in unsere Welt fiel, wie der junge Mann neue Kraft und Mut schöpfte und letztendlich auf einer Fußmatte endete, vor einem kleinen Haus am Nordpol. Wie er und seine junge Frau sich schworen, ihren Kindern und Kindeskindern nicht mit dem Wissen einer solch kaltherzigen Welt zu belasten. Enya endete damit, dass sie sagte: "Wenn irgendjemand herausfindet, dass Angus Cedriks Enkelsohn ist, schwebt er in tödlicher Gefahr." Und egal, welche Energie die alten Frau doch zugleich jungen Elfe Besitz erfüllt hatte, sie verließ sie just in dem Moment, in dem sie mit ihrer Geschichte endete. Erledigt sackte sie zusammen. Zu dieser Zeit fand sich Angus am Rand einer Schlucht wieder, die einen guten Blick auf ein im Tal liegendes Dorf gewährte, die aber so tückisch hinab zu gelangen war, dass ihm ohne Kletterausrüstung die Mut beinahe verließ. Aber vor allem wurde ihm ein grandioser Blick auf die in weiß erstrahlende Stadt geboten, die hoch oben auf einem Berg thronte. Glitzernd im untergehenden Sonnenlicht zeigte sie sich in aller Pracht, doch strahlte sie eine solch eisige Kälte aus, dass ihm unwillkürlich ein Schaudern über den Rücken lief.

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