Der Wind umtoste die Spitze des Berges, Tannenzweige peitschten durch die raue Nacht und warfen ihren dicken Schneemantel ab. Die Tiere waren schon längst in ihren Bau geflohen, hatten sich niedergebettet. Niemand käme auf die wahnwitzige Idee, sich bei diesem Wetter auf eine nächtliche Wanderung einzulassen, wo man doch die Behaglichkeit der eigenen Behausung in Anspruch nehmen konnte. Es braute sich etwas zusammen, jeder konnte förmlich das Knistern in der Luft sehen, die Spannung fühlen, die Erregung schmecken.

Also genau die richtige Zeit, um mit seinen Lieben im trauten Heim zur Ruhe zu kommen und die aufkommende weihnachtliche Stimmung willkommen zu heißen. Nur der Mond hielt draußen seinen Posten,  wachte über seine Schützlinge, tauchte die Wipfel, das Gestein, die Landstriche und Dächer in hellen Schein. Dadurch wurden die Schatten nur noch tiefer, noch dunkler, noch undurchdringlicher. Schaudernd ließ Enya die weiße Spitzengardine los, zog diese zu und hatte sich schon halb abgewandt, als sie aus dem Augenwinkel  ein blaues Leuchten wahrnahm. Sie blinzelte einmal und drehte sich langsam wieder um. Da war noch immer etwas; nicht nur in blau, sondern auch in allen möglichen Grün-, Orange-, Gelb- und Violet-Variationen flackerte es über den Himmel, zog einen in ihren unwirklichen Bann: Die Aurora. Polarlichter. Enya entspannte sich wieder, nichts Aufsehen erregendes war geschehen. Und dennoch hatte sie unwillkürlich an eine andere stürmische Nacht, eine andere Zeit denken müssen. Damals war ein Fremder durch den Schnee gestapft, vornüber gebeugt, sich gegen den Wind stemmend, seit Tagen unterwegs, nach Hilfe suchend. Mühsam hatten die verkrampften, abgefrorenen Finger die Taschenlampe umklammert, die müden Augen nach etwas Vertrautem, nach Zivilisation Ausschau gehalten. Um Mitternacht herum, als die Uhr gerade zwölf geschlagen hatte, wurde leise an ihre Eingangstür geklopft. Mit Schlafsand in den Augen ist sie zur Tür geschlürft, den Morgenmantel um die Schultern gelegt, hatte sie dadurch, dass sie die Tür öffnete, in jener schicksalsträchtigen Nacht einen Sprung ins Ungewisse gewagt, ohne dass sie davon geahnt hätte. Völlig entkräftet lag der Fremde dort auf ihrer Fußmatte, den Schnurrbart mit Eis überzogen, das Gesicht so weis wie der Schnee, welcher sich auf seiner Mütze niedergesetzt und einen Hügel gebildet hatte. Vor Schock erstarrt brauchte sie ein paar Augenblicke, ehe sie sich wieder fing und sofort daran machte, den jungen Mann aufzuhelfen und in ihre bescheidene Hütte zu geleiten. Nachdem er ein paar Lebkuchen und Weihnachtspunsch zu sich genommen hatte, ist wieder etwas Farbe in sein Gesicht gekehrt und er begann, erst stockend und dann fließender von seiner Reise zu erzählen. Doch schon bald musste er enden, ob ihres ungläubigen Gesichts oder der Tatsache geschuldet, dass ihm die Puste ausgegangen war, vermochte sie nicht zu sagen. Aber eine Sache war absolut und unwiderruflich kurios: Normalsterbliche gelangten so gut wie nie in die abgelegensten Ecken des Nordpols, dorthin, wo die ursprünglichen, alt eingesessenen keltischen Elfen herstammen. Die erste Generation der heutigen Weihnachtselfen. Nichts desto Trotz hatte er es bis zu ihr geschafft. Ob aus Zufall oder nicht, konnte sie nicht sagen, doch eines war ihr Bewusst: Sie müsse sich um ihn kümmern, sonst überlebe er nicht. Und heute, an die einundachtzig Jahre später, erinnerte sich Enya zusammen ihren Kindern und Enkelkindern (allesamt Halbelfen) noch gerne an diese Begebenheit zurück, war es doch das erste Treffen deren Eltern gewesen.  Nun betrachtete sie entzückt die flackernden Lichter der Aurora, hinter welcher Enya grobe Umrisse zu erahnen meinte. Die Silhouette einer Stadt, von der sie und ihre Lieben schon viel zu hören bekommen haben, von Cedrik, der mittlerweile seit zwölf Jahren nicht mehr unter ihnen weilt. Elfen alterten nicht so schnell wie Menschen. Sah Enya wie eine Mit-Dreizigerin aus, so ist die Zeit doch bei Cedrik nicht ohne weiteres vorüber gegangen. Jede graue Strähne hatte sie mehr im Herzen geschmerzt, jede Falte einen weiteren kleinen Stich versetzt. Nur das Funkeln in seinen Augen war nie entschwunden, ebenso wenig wie sein Lachen, sein Humor, seine Güte und, was ihr am wichtigsten war, seine Liebe. Deshalb hatte sie sich nie an den Blicken der anderen gestört, schließlich waren sie doch Cedrik und Enya, Enya und Cedrik, unzertrennlich, eine Seele in zwei Körpern. Ihn zu verlieren war das Schlimmste, die einzige Sache, über die sie nicht hinweg kam, nicht hinwegkommen wollte. Warum sollte sie glücklich sein, es jemals werden wollen, wenn ihr anderer Teil, ihr besseres Ich, ihre Vernunft und Ausgewogenheit fehlte? Ihre Kinder und Kindeskinder würden auch irgendwann sterben, sie allein lassen, denn auf die Frage, wie hoch die Lebenserwartung von Mischlingen, so titulieren die konservativen Älteren Halbelfen, sei, konnte ihr keiner eine Antwort geben. Und so sah sie auch ihre Nachkommen älter werden, schneller als ihr lieb ist.  So in Gedanken versunken bemerkte sie weder den jüngsten ihrer Enkel, Angus, welcher hinter sie trat, noch die sich immer deutlicher am Himmel abzeichnende Stadt. Doch Angus sah sie, meinte fast eine Brücke in diese aus Geschichten so bekannte Stadt sehen zu können. Erregt überlegte er kurz, und dann, ohne sich bewusst dafür entschieden zu haben, rannte er los, zog sich beim Gehen beide Stiefel an, streifte Mantel, Mütze, Handschuhe und Schal über, schulterte seinen Rucksack und war entschwunden, noch ehe einer der Anwesenden richtig hatte realisieren können, was soeben geschehen war. Vom Wind hin und her geworfen bahnte er sich einen Weg durch den frisch gefallenen Schnee, schritt groß aus und ignorierte die Rufe, welche ihm bedeuteten, zurück zu kommen. Aber sie verstehen nicht, dachte Angus, verstehen nicht, wie sehr er mir fehlt, welches Loch sein Tod hinterlassen hatte. Immer weiter holte er aus, fühlte sich so frei wie lange nicht mehr, wollte vergessen, den Ort verlassen, an dem alles an ihn erinnerte. Er sah den silbrigen Glanz, der alles weitere zu verschlingen drohte, keinen Blick auf die Welt hinter sich gewähren ließ und dennoch war sie da. Und so, wie Cedrik in ihr Leben getreten war, aus einer Parallelwelt stammend, ganz anders als die ihre, machte sich ihr Enkel, der Cedriks Humor und Stärke geerbt hatte, auf, um den selben Weg zurück zu gehen und sie zu verlassen. Enya blickte ihm durch das Fenster hinterher, das Herz schwer, und wünschte sich, ihm folgen zu können. Ein Aufblitzen später war er weg. Die Aurora hatte Angus verschluckt und würde ihn nicht so schnell wieder her geben. Ein Schluchzen entrang sich ihrer Kehle.

Comments powered by CComment

joomla vector social icons