Er lief auf und ab, auf und ab. Im Gegensatz zu seiner letzten Unterkunft maß dieser Boden vier mal fünf Meter. Im Allgemeinen war er viel komfortabler eingerichtet als die Zelle, in welcher er letzte Nacht einquartiert gewesen war. Statt der Pritsche stand ein massives Eichenbett unter einem großen Bogenfenster, welches großzügig das Mondlicht herein ließ und einen Blick auf das schmale Band des Flusses und dem dahinterliegenden Wald freigab. Neben der Tür stand eine zart verzierte Kommode aus dem selben Holz, aus welchem auch das Bett bestand und in der Mitte war ein Tisch mit dazugehörigen Stuhl, welcher ebenfalls aus Eiche gezimmert war, drapiert. Die Möbel harmonierten wunderbar. Um dem Zimmer noch eine angenehme Note zu verleihen, hatte man auf den Tisch ein Weihnachtsgesteck aus Tanne, Misteln, Zuckerstangen und Kugeln aufgestellt, an der Wand hing ein Bild, auf welchem ein Reh in den Untiefen des Waldes dargestellt wurde, vor dem Bett lag ein ein satter roter Teppich mit goldener Umrandung und das Fenster wurde von dicken Gardinen umrahmt.

Ein wahrhaft königliches Gemach, befand Eowyn. Der Weihnachtsmann war überaus großzügig zu ihm gewesen. Nach den vielen Jahren im Wald, in welchen er jede Nacht dicht an Nanouk gedrängt geschlafen hatte, den harten Waldboden unter sich spürend und jeglichen Witterungsbedingungen ausgesetzt, war das hier der reinste Luxus. Das Bett mit der federnden Matratze, seiner fülligen Daunendecke und dem dazugehörigen aufgeschüttelten Kissen luden geradezu dazu ein, seinen Kopf darauf niederzubetten. Trotzdem lief er unruhig im Zimmer umher. Heute würde sich alles entscheiden. Welche Lösung hatte der alte, weise Mann in seinem Kopf ersonnen? Würde er die Kinder berücksichtigen, welche Jahr für nichts weiter als einen Weihnachtsgruß erhalten hatten? Eowyn würde all das, was er unternommen hatte, um für die namenlosen Kinder in der Welt einzustehen, genauso wieder machen. Wer sollte schon für sie kämpfen, wenn nicht er selbst? Doch tat es ihm leid, dem Weihnachtsmann so viele Unannehmlichkeiten bereitet zu haben. Aber nichts führt zu nichts. Und deshalb bedauerte er seine Entscheidungen keine Sekunde. Trotzdem wollte er dem Weihnachtsmann für seine Gastfreundschaft danken und ihn etwas für die Probleme, welche er bereitet hatte, entschädigen. Also wollte er die mysteriöse Krankheit der Rentiere aufdecken. Und wer wäre dafür besser geeignet als er, der Meister, wenn darum ging, sich um  Tiere zu sorgen und zu kümmern. Da er nicht schlafen konnte, machte er sich zu den Ställen auf. Während des Weges begegnete er niemanden, da es zwei Uhr in der Früh war. Leise betrat er den Stall. Die Rentiere schliefen tief und fest, manch einer wälzte sich um, ein anderer zitterte vor Kälte und die anderen glühten vor Fieber. Gestern Abend hatte Eowyn noch Erkundungen bei den Stall- Elfen eingeholt, um über die näheren Umstände der Erkrankung und Maßnahmen zur Behebung von dieser Bescheid zu wissen. Mit dem Futter war alles in Ordnung, das Stroh, auf welchem sie lagen, wurde erneuert und der Wassertrog entleert, geputzt und neu aufgefüllt. Was konnte also die Ursache sein? Auf die Symptome konnte man sich nicht verlassen, denn jedes magische Wesen reagierte anderes auf eine Krankheit, an dem Beispiel der Rentiere deutlich sichtbar. Eowyn ging wieder hin und her, hin und her. Falten bildeten sich auf seiner Stirn, als er angestrengt nachdachte. Sein Blick wanderte den Fluss entlang, bis dieser an den länglichen, hoch aufragenden Büschen hängen blieb, welche der Garten- Elf diese Weihnacht dort hin gepflanzt hatte. In einer strengen Phalanx standen sie dort unweit des Gewässers, aus welchem das Wasser für die Tiere geschöpft wurde. Mit zusammengekniffenen Augen starrte er intensiv zu dem Gebüsch hinüber. Wenn er sich nicht täuschte, und er war sich sicher, dies nicht zu tun, hatte er ein ernstes Wörtchen mit dem Elf zu reden. Ein Lebensbaum! Dieser Kerl schien wahrlich keine Ahnung von seinem Werk zu haben. Der Name der Hecke trog, denn die Spitzen und Zapfen waren höchst giftig. Weihnachten hatte jetzt eine reelle Chance, statt zu finden. Er machte sich auf den Weg zu den Stall- Elfen, welche ihm ziemlich mürrisch die Tür öffneten, nachdem er ein paar Mal laut angeklopft hatte, 02:30 Uhr in der Nacht. Doch nachdem sie die Lösung dieses Problems vernommen hatten, gerieten sie in tiefstes Entzücken. Wie einfach die Krankheit zu beheben war! Sie mussten den lediglich Tieren Liter über Liter Saft und Tee einflößen! Sichtlich mit sich zufrieden ließ er sich eine halbe Stunde danach aufs Bett fallen und bevor sein Kopf ganz auf das Kissen nieder sank, war er eingeschlafen.

Ein eindringliches Klopfen riss Eowyn aus seinem leichten Schlaf. Aufgrund der vielen Jahre im Wald war er durch das kleinste Geräusch sofort wach und zurechnungsfähig. Anders hätte er nicht überleben können. Von seinem nächtlichen Ausflug noch angezogen, lief er zur Tür und öffnete diese, hinter welcher Siridean mit einem Tablett voller Kekse und Tee stand. Außerdem überbrachte er Eowyn die Nachricht, dass der Weihnachtsmann sie schon in einer halben Stunde in sein Arbeitszimmer beordert hatte. Deshalb sollte er sich mit seinem Frühstück beeilen.

Pünktlich trafen Siridean, Tjara, Einar und Eowyn sich vor der Tür des Weihnachtsmannes. Auf einmaliges Klopfen hin öffnete dieser und ließ sie herein. Mittlerweile war das Zimmer wieder in seinem früheren Zustand und aufgeräumt. Nervös ließ sich Eowyn und der Polizei- Trupp auf die Stühle fallen.Zuerst wurde Eowyn für seinen Tatkräftigen Einsatz im Fall der erkrankten Rentiere gedankte, aber auch Siridean und seine Freunde gingen nicht leer aus. Alle wurden ruhig. Jetzt war der Moment der Wahrheit gekommen. Würden seine unzähligen Bemühungen umsonst gewesen sein? Würden die Kinder auch dieses Jahr wieder leer ausgehen oder hatte der Weihnachtsmann auch sie in seinen Plan einkalkuliert? Ausführlich begann der Anführer der Weihnachtswelt seinen Plan zu erläutern, führte bestimmte Punkte näher aus und antwortete auf Fragen. Eine Zeit lang war nur das Scharren der Füße im Hintergrund zu vernehmen. "Und diese sollen reichen?", hakte Eowyn am Ende der Ausführungen nach. Doch Siridean und seine Freunde strahlten sich begeistert an. So würde es gehen! Der Weihnachtsmann bat die vier, ihm zu folgen. Sie begaben sich nach draußen, an der Werkstadt vorbei zu einer unscheinbaren Holzhütte. Diese sah wie eine ganz normale Scheune aus. Große Torflügel waren in die Holzwand eingelassen. Siridean bat, die Tür öffnen zu dürfen. Schwungvoll stieß er sie auf und ein Berg an Geschenken purzelte ihnen entgegen. Eowyn war überaus überrascht und ja, er musste es zugeben, auch etwas angewidert. So viele Geschenke hätte schon früher an Kinder vermittelt werden können! In diesem unscheinbaren Gebäude wurden diejenigen Dinge untergebracht, welche Kinder nicht mehr haben wollten, weil sie ihre Wünsche geändert hatten. Es war aber besser später als nie, die Geschenke noch an die richtigen Geschenke an die Kinder zu vermitteln. Und da kam Eowyn ins Spiel. Er würde dem Weihnachtsmann  helfen, diese Hunderttausend Spielsachen dem jeweiligen Kind zuzuordnen. Bei diesem riesigen Berg wurde er auf einmal ganz gerührt. Seine harte Arbeit, das ewige Kämpfen und Einstehen für seine Ziele wurde am Ende doch noch belohnt! Tränen traten ihm in die Augen. Er stellte sich die vielen strahlenden Gesichter vor. Der Tag konnte nicht mehr besser werden, dachte er sich. Er freute sich ungemein für Siridean, Einar und Tjara, als diesen ein Orden verliehen wurde. Sie hatten es sich redlich verdient. Und um das Glück zu vervollständigen, schlang Tjara Siridean  die Arme um den Hals und küsste ihn. Benommen schaute dieser sie an. Alle jubelten. Zuletzt legte der Weihnachtsmann Eowyn die Hand auf die Schulter und fragte diesen, ob er ihn dieses Jahr mit auf Bescherungstour kommen möchte. Diesen Tag, da war er sich sicher, würde er in seinen Lebtagen nicht vergessen.  

 

 

 

 

 

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