Unruhig warf sich Einar im Schlaf hin und her. Schon wieder hatte er schlecht geträumt. Seit drei von vier Tagen suchte ihn immer der gleiche Alptraum heim. Dabei verspürte er immer ein unsägliches Verlangen und als Nachhall fühlte er sich jedes Mal am frühen Morgen niedergeschlagen und wütend. Aber nicht aus den naheliegendsten Gründen, nämlich denen, in einer unbekannten Höhle festzusitzen und völlig wehrlos zu sein, auch noch als einzigen Zimmergenossen den Weihnachtsmann zu haben. Nein, das alles war nicht der Grund, weshalb Einar wie sieben Tage Regen schaute. Das Gefühl, als wäre er kurz vor seinem Ziel gewesen, endlich Gerechtigkeit widerfahren zu bekommen, um dann im letzten Augenblick zu scheitern, hinterließ einen bitteren Geschmack in seinem Mund. Dabei waren dies nicht einmal seine Gefühle, nicht seine Erinnerungen. Und so recht schlau daraus werden konnte er auch nicht. Da war so viel Dunkelheit, eine kalte, feuchte Höhle, Angst, ein Plan reifte in seinem Kopf, da waren große Wölfe, die Scheune des Weihnachtsmannes,ein roter Sack, freudige Erregung, Ausschnitte des Waldstückes vor dem Mondberg, dann wieder die Höhle. Diese kam ihm vage bekannt vor, nur kam er nicht darauf, bei welcher Gelegenheit er sie gesehen haben sollte.

Dann verging immer eine Zeit, ehe die große Enttäuschung ihn heimsuchte und er von seinem Höhenflug zurück auf dem Boden der Realität landete, er sah den Weihnachtsmann, dann den strahlend blauen Himmel und den Wald unter sich ausgestreckt. Zuletzt sah er immer den Wald, eine kleine Person ging auf ihn zu, der Weihnachtswelt den Rücken zukehrend. Und dann erwachte Einar schweißgebadet. Nach dieser Nacht kam ihm dann eine Idee, was das zu bedeuten haben könnte. Jeder kannte die Geschichte von Eowyn, wie er die Bescherung verhindern wollte und doch am Ende geschnappt wurde. Aber das ergab keinen Sinn, rügte Einar sich, denn Eowyn hätte längst tot sein müssen. Himmel, er wäre mittlerweile 116 Jahre alt! Und der fleischliche Schatten sah aus, als wäre er in der Blüte seiner Jugend. Andererseits war es schon merkwürdig genug, dass ein Elf die Macht hatte, sich nicht nur unsichtbar, sondern auch in einen Schatten zu verwandeln. Im unsichtbaren Zustand konnte man nämlich nicht gesehen, dafür jedoch angefasst werden, Der Schatten war nicht zu fassen, das hatte Einar schmerzlich feststellen müssen. Resigniert setzte er sich nun auf und schaute zur Liegestätte des Weihnachtsmannes, es war wirklich ein Jammer, dass auch er hier festgesetzt war, und stutzte dann. Er war weg, sein Schlafsack war verweist, auch nirgends sonst war er zu sehen. Mist, Einar begann zu fluchen. Jetzt hatte der Schatten sich auch ihren Anführer vorgeknöpft, na wunderbar. Und der Weihnachtsmann  hatte ihm noch nicht einmal verraten, wer ihr Entführer war. Er wusste es, daran bestand kein Zweifel, doch hatte er sich noch nicht weiter dazu äußern wollen. Einar würde zu gern wissen, ob an seiner Vermutung etwas dran war. 

Der dritte Advent verging ereignislos. Der Weihnachtsmann tauchte erst am späten Abend wieder auf, totenbleich im Gesicht. Nur aufgrund jahrelanger Erfahrungen und immenser Selbstbeherrschung stammelte er nicht ununterbrochen: "Er ist es wirklich, er ist es wirklich,... . "Einar hatte den Weihnachtsmann zu einem Stuhl geleitet und besorgt Tee aufgesetzt. Aber vor allem verspürte er eine riesige Erleichterung, denn er war unversehrt! Nur allmählich erlangte der Weihnachtsmann seine Fassung zurück und fing an, zu erzählen, wie er mit Eowyn gesprochen hatte, denn er war wahrhaftig der Schatten, wie Einar es sich gedacht hatte. Er hörte sich an, wie dieser ihren Anführer mit den selben Vorwürfen überschüttet hatte, wie damals. Dass er ein zu weiches Herz habe gegenüber Kindern, die es nicht verdient hatten, dass an Weihnachten jemand an sie dachte, während ärmere, herzensgute Kinder teils leer ausgingen. Ein weiterer, elementarer Vorwurf war, dass nur dem Weihnachtsmann, nicht aber den Elfen, welche sich das ganze Jahr über hart abrackerten, um die Geschenke fertigzustellen, gedankt wurde. Und der Weihnachtsmann gab ihm recht, doch wurde vor Jahrtausenden, in einer anderen Ära, einstimmig beschlossen, dass dies die beste Lösung sei. Wie könnten die Kinder abertausenden Elfen danken, welche auch noch sterblich waren? Einar verstand das und all die anderen Elfen auch. Der Weihnachtsmann erzählte Einar, wie alles begonnen hatte, von den ersten Elfen, Siegmund dem großen Elf, einen Schwur und die darauffolgenden Jahrhunderte der harmonischen Zusammenarbeit. Er erzählte ihm alles, froh darüber, sich endlich jemanden anvertrauen zu können und dankte seinen treuen Freunden, für ihr Hilfe und Arbeit, ihre Freundschaft. Und so brach der nächste Morgen an, ohne dass sie etwas davon mitbekamen.

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