Müde schlug Einar die Augen auf. Er hatte eine unruhige Nacht hinter sich. Immer wieder drehte er sich von der einen auf die andere Seite. Das untrügliche Gefühl beobachtet zu werden, lastete die gesamte Nacht auf ihn. Außerdem war da eine lauernde Wesenheit im Hintergrund. Nicht zu sehen oder zu hören, doch nahe genug, um jede kleinste Regung auf Seiten Einars mitzubekommen. Fest hatte er ein Stück Holz von den kaputten Maschinen in der Hand gehalten, um sich für den Notfall verteidigen zu können. Zumindest redete er sich ein, nicht völlig hilflos zu sein. Denn wenn er ehrlich zu sich war, musste Einar sich eingestehen, mit seinem Werktischbein nicht viel gegen einen Schatten ausrichten zu können.

Sich nicht wehren zu können, machte ihn rasend. Er konnte doch nicht einfach darauf warten, dass der Schatten endlich entschied, was mit ihm machen zu sei. Die Barriere, welche ihn von der restlichen Welt abschnitt, hielt dieses Unheimliche nämlich nicht draußen. Wenn es also hart auf hart kam, war er auf sich allein gestellt. Und das war gut so, befand er. Wenn er nichts gegen dieses Ungetüm unternehmen konnte, würden seine Mit- Elfen auch scheitern. Also war er lieber alleine dem Untergang geweiht. Wenn er doch bloß ein paar Lebkuchen vorrätig hätte! Dann würde er sich besser fühlen. Kampflos würde er nicht untergehen. Von draußen vernahm er leise, wie die Lüfte an dem spitzen Felsgestein entlang glitten und ein leises Heulen erzeugten. Blätter raschelten und die leisen Schritte der wilden Tiere waren zu hören, Wölfe heulten und Eulen schuhuten. Es war beruhigend, dass im Wald wieder Leben eingekehrt war. Und obwohl die Schatten hier dunkler und länger waren, als im unteren Waldbereich nahe der Stadt, schien der Mond hell genug, dass er die Umrisse der Höhle erkennen konnte. Langsam ging die Nacht vorbei, in ein paar Stunden war es wieder hell genug, um sich dem Reparieren der Maschinen zu widmen. Untätigkeit konnte einem in solch einer Situation ganz schön an den Nerven zerren. Und dann sollte bald auch ein kleiner Trupp mit Vorräten eintreffen. Hoffentlich kam nicht ausgerechnet genau in diesem Augenblick der Schatten! Ob er einem wohl sehen konnte, wenn man unsichtbar war? Einerseits behagte es ihm überhaupt nicht, ihn jederzeit von Angesicht zu Angesicht gegenüber stehen zu können, andererseits musste er unbedingt herausfinden, wer das war. Er seufzte. Vielleicht sollte er sich noch eine runde schlafen legen und die kaum wahrnehmbare Präsens im Hintergrund vergessen. Wenn es dann ums Eingemachte ging, musste Einar schließlich ausgeschlafen sein. Als er sich gerade wieder umdrehte, erspähte er im Augenwinkel einen unförmigen Schattenriss. Außerdem blitzte etwas Rotes auf. Ganz langsam drehte er sich wieder um, die Augen nur einen Spalt geöffnet, so, als würde er schlafen und sich unruhig hin und her werfen. Angestrengt spähte er durch den Spalt hinüber in die Ecke. Da regte sich eindeutig etwas! Wenn er nur mehr sehen würde! Langsam glitt der Schatten auf ihn zu, nahm immer festere Konturen an. War das nicht der Mantel des Weihnachtsmannes, welcher über des Schattens Schultern hing? Nur war es kein Schatten mehr. Die Gestalt wurde immer fleischlicher, bis ein Elf vor ihm stand. Einar konnte es nicht fassen. War das nicht...? Der junge Elf mit dem viel zu großen Mantel auf den Schultern hob die Hand. Bevor Einar einen weiteren Gedanken fassen konnte, wurde alles schwarz. Zwei Stunden später traf der Elfen- Trupp ein. Alles, was sie vorfanden, war eine leere Höhle.

Comments powered by CComment

joomla vector social icons