Da es gestern zu spät geworden war, um sich an den Abstieg zu wagen, ohne von der hereinbrechenden Dunkelheit überrascht zu werden, machten sie sich erst am späten Vormittag auf den Weg zurück. Genächtigt haben sie in einer abgelegenen Höhle weiter oben im Gebirge, um jeden Eindringling rechtzeitig zu erblicken und gewarnt zu sein. Deshalb schoben die drei Erwachsenen abwechselnd Wachdienst, Tristian und Arun konnten sie damit nicht beauftragen. Der flüchtige Blick war Siridean noch zu gegenwärtig, als dass er die beiden über deren Sicherheit hätte wachen lassen. Die ganze Wachschicht über hatte er versucht, aus dem Blickwechsel schlau zu werden. Und lag auf dem Gesicht der beiden Elfen eine gewisse Unmut, als sie die zerstörten Maschinen gesichtet hatten, oder hatte er sich das bloß eingebildet?

Diese und mehr Fragen verfolgten Siridean die Nacht über. Doch abgesehen davon war es geradezu verdächtig ruhig gewesen. Kein rascheln im Gehölz, keine schuhuhenden Eulen, generell keine anderen Tierlaute waren zu hören und selbst der Wind umwehte die Bergspitze nur hauchzart. Lediglich Laute von gleichmäßigen Atemzügen und das rascheln von Stoff, wenn sich einer der Elfen im Schlaf herumdrehte, konnte man vernehmen. Am nächsten Morgen wussten sie alle das Gleiche zu berichten. Und das stetige Gefühl, von irgendwo beobachtet zu werden, ließ sie nicht los. Nachdem sie also alle einen Teller voller Lebkuchen gegessen und eine heiße Tasse Kakao mit Zimt und Honig getrunken hatten, machten sie sich an den Abstieg. Erleichterung machte sich breit, der Wald verursachte, dass ihre Nerven zum Reißen gespannt waren, und nun konnten sie diesen merkwürdigen, leblos wirkenden Ort endlich verlassen. Als sie anfingen, sich einen Weg nach unten zu bahnen, durch den frisch gefallenen meter Schnee, kamen sie an der Höhle vorbei. Mit Steinen hatten sie einen großen Haufen vor dem Eingang aufgetürmt, um ihn später auch ja wieder zu finden. Außerdem wollten sie damit verhindern, dass sich jemand an ihren Maschinen zu schaffen machen. Wer weiß schon, wie lange diese Barriere hielt? Und ob sie nicht nur bei Elfen funktionierte. Auf jeden Fall war alles noch an Ort und Stelle, woraufhin sie ihren Weg strammen Schrittes fortsetzten. Nach kurzer Zeit jedoch kam die Prozession ins Staucheln, bis sie schließlich ganz stoppte. Auf die Frage, wohin es weiter gehen sollte, wusste keiner eine Antwort. Und so standen sie in diesem dichten, von Dunkelheit gezeichneten Teil des Waldes und wussten nicht weiter. Zu allem Überfluss war heute ein besonders kalter Tag am Nordpol, welcher durch die unglaublich langen, finsteren Schatten der Bäume noch begünstigt wurde. Aufgrund langer Beratschlagung wurde ihnen rasch kühl und es wurde beschlossen, erst einmal geradeaus und sich später südwestlich zu wenden. Vor allem schärfte Tjara allen ein, sich nicht aus den Augen zu verlieren und dicht beisammen zu bleiben. Nach diesem Stopp machten sie sich wieder los, die Mittagssonne mittlerweile hoch über den Wald stehend. So liefen sie Meile um Meile, sich ,soweit es ging, an dem Stand der Sonne orientierend. Im stillen schalt sich Siridean, nicht an den Kompass gedacht oder Wegweiser gelegt zu haben. Aufgrund dessen mussten sie mehrmals einen Teil des Weges zurücklaufen und einen anderen einschlagen. Alles verlief ruhig und die Begebenheit aus der Nacht war fast vergessen, als es plötzlich im Gebüsch raschelte. Nichts ungewöhnliches in einem Wald, trotz allem aber nicht zu unterschätzen. Also schlichen sie auf Zehenspitzen daran vorbei, Siridean vorne dran, dahinter Tjara, dann die beiden jungen Elfen und zuletzt Einar. Alles lief gut, sie waren fast vorbei, außerdem hatte das Rascheln wieder aufgehört, bestimmt nur ein kleines Tier, möglicherweise ein Hase oder ein Schneefuchs. Alles halb so schlimm. Ein hysterisches Lachen stieg in ihren Kehlen auf. Normalerweise kamen sie hervorragend mit jeglicher Art von Lebenwesen aus und zu den bevorzugten gehörten natürlich auch die Tiere in der Umgebung, doch hatten sie eine Heidenangst vor den Lebewesen, welche sich es in solchem Zwielicht gemütlich machten. Einar hatte gerade den ausladenden Busch passiert, als blitzschnell eine menschliche Hand daraus schoss und ihn packte. Überrumpelt versuchte der Polizei- Elf sich zu wehren, doch zu spät. Mit einem letzten verzweifelten Blick zu seinen Genossen wurde er aus dem Blickfeld der anderen gezogen und verschwand. Weiteres Geraschel war zu vernehmen, dann ein dumpfer Schlag und zum Schluss ein Geräusch, gleich einer Lawine. Siridean rannte los, Tjara dicht auf den Versen und bahnte sich um sich schlagend einen Weg durch das dichte Blätterwerk. Auf der anderen Seite war niemand mehr. Abgesehen von dem Berg an Schnee, der von den Bäumen gerutscht war und den paar Spuren im Schnee, war nichts zu sehen. Der Tatort war verweist, keine Hinweise auf die Kidnapper. Nicht ein mal Fußabdrücke, die von dieser Stelle wegführten, waren zu sehen. Einstimmig begannen sie wie Rohrspatzen zu fluchen. Einar weg, vor ihren Augen, der Maschinendieb weg. Keine hilfreichen Hinweise. Sie waren irgendwo verschollen im Wald und hatten keine Chance, im zu Hilfe zu eilen. Das war aber auch zum Mäusemelken! Dann besannen sie sich wieder und Siridean entschuldigte sich bei Tjara, die Fassung verloren zu haben. "Außerdem Fluchte man vor Damen nicht!", rügte er sich. Allerdings hatte er allen Grund dafür gehabt, gestand er sich ein. Sie machten sich auf den Weg zur anderen Seite. Jetzt zählte jede Sekunde. Tjara kam ins Staucheln und blickte sich verzagt um, auch  Siridean entgleisten die Züge. Tristian und Arun waren weg. Am Ende des Tages, als sie die Weihnachtsstadt erreichten, wussten sie nicht zu berichten, wie sie das geschafft hatten. Völlig durchgefroren und mit knurrendem Magen sind sie angetorkelt gekommen, am Rand ihrer Kräfte. Nachdem sie das fehlen ihrer anderen beiden Genossen bemerkt hatten, sind sie völlig übereilt aufgebrochen und durch den Wald gerannt. Das dauerte Stunden, da Siridean und Tjara sich mehrmals verlaufen hatten und bei jeder Art von Geräusch Deckung suchten. Sicher war sicher. Besorgt betrachteten ihre Mit- Elfen sie und versuchten, etwas aus ihnen heraus zu bekommen. Das war vergebliche Müh. Noch bevor sie die Schwelle des Gemeinschaftsraums betreten hatten, fielen die beiden in Ohnmacht. So viel zu einem besinnlichen 2. Advent!

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