Schon früh am Morgen herrschte reges Treiben, schließlich hieß es, die letzten Geschenke fertigzustellen. Der Countdown läuft, der große Sack des Weihnachtsmannes ist fast bis zum Rand gefüllt und die Rentiere scharren ungeduldig mit den Hufen. Bald ist es wieder soweit. Fröhliches Gepfeife schallte bereits kurz nach fünf Uhr aus der Werkstadt. Hell strahlte das Licht in die dunklen Morgenstunden hinaus. Die Öfen liefen auf Hochtouren, in der Luft hang der Duft von Zimt und Vanille, Muskat und Kakao. Außerdem schwebten die Dünste von frisch gebrautem Glühwein durch den riesigen Gemeinschaftsraum. Alle waren gut gelaunt. Nun ja, fast alle. Tristian kam wie alle anderen pünktlich zur Arbeit, seine Missmut darüber war ihm deutlich anzusehen.

Doch nicht nur er trug eine finstere Miene an diesem Tag zur Schau, auch sein bester Freund Aruns blickte sauertöpfisch in der Gegend herum. Als die ersten Elfen ihren Freund erblickten, zogen sie eine erschrockene Mienen, froren mitten der Bewegung ein, bis Arun ihren Blicken finster funkelnd begegnete. Betreten wandten sie darauf ihren schnell ab. Was war mit dem sonst so überschwänglichen Elf geworden? Nun machte sich auch in Siridean Unruhe breit. Er hielt große Stücke auf die beiden Nachwuchselfen, sie waren einer der tüchtigsten und schlauesten seiner Art, welche er im Laufe seiner Betriebszeit hatte kennenlernen dürfen. Wie es nun dazu kam, dass ausgerechnet sie so mürrisch durch die Gegend starrten, war ihm ein Rätsel. Dabei wusste er doch noch genau, warum es damals vor hundert Jahren geschehen war. Seine Vorgängerin Elvina hatte es ihm erzählt und davor deren Vorgänger ihr. "Es war während den letzten Vorbereitungen für die Bescherung geschehen", hatte sie ihre Erzählung begonnen. "Und Eowyn war sein Name. Ein unglaublich charmanter, höchst intelligenter Elf, der Weihnachten wie kein anderer liebte. Immer emsig darum bemüht, Verbesserungen zur Herstellung der Geschenke hervorzubringen. Auch auf das Kreieren von den tollsten Spielsachen verstand er sich. Ein wahrlich talentierter Bursche, und so jung! Die Tiere liebten ihn abgöttisch, fraßen ihm ohne mit der Wimper zu zucken aus der Hand. Selbst der Weihnachtsmann holte bei ihm Rat ein, wenn er mal nicht weiter wusste. Kurzum, er war der geborene Weihnachtself. Und dann, von einem Tag auf den anderen, war er nicht mehr der Selbe. Er sprach nicht mehr mit den anderen, verhöhnte sie höchstens noch oder pöbelte sie an, wenn ihm etwas nicht passte. Er kam immer seltener zur Arbeit, schloss sich in seinem Zimmer ein. Später fand man heraus, dass er sich heimlich davongeschlichen hatte, in den Wald hinein zu den Tieren. Egal wie schlecht er seine Mit-Elfen seit diesem Tag an behandelt hatte, den Tieren begegnete er stets mit Zuneigung und Respekt. Natürlich machten sich die anderen Sorgen.", fuhr sie fort, als sie meinen fragenden Blick bemerkte. Wieso hatte man nichts dagegen unternommen? Dieses Verhalten war geradezu Besorgniserregend. Ungeduldig habe ich ihre Antwort abgewartet. "Der Weihnachtsmann war der Ansicht, dass man Eowyn etwas Freiraum geben sollte, schließlich konnte jeder einmal eine Auszeit gebrauchen. Und das glaubten sie auch. Er tat mehr als die meisten anderen Elfen. Also ließen wir ihn. Als er jedoch Tage lang zu den gemeinsamen Mahlzeiten erschien, machte sich wieder Sorge zwischen ihnen breit, wie eine zusätzliche Person. Mehrer Stimmen forderten nun, nachdem das zahlreiche Klopfen an seiner Tür nicht erhört wurden war, sich mit Gewalt Zugriff auf seine Räumlichkeiten zu verschaffen. Was sie zu sehen bekamen, waren unzählige zerrissene Blätter, vollgeschrieben mit unfertigen Konstruktionen. Zunächst dachte man, er sei frustriert, er habe lediglich eine Blockade fürs Vollenden dieser Aufzeichnungen. Mittlerweile war es der 23. Dezember, ein Tag vor Weihnachten und während die gesamte Elfengemeindschaft oben in Eowyns Zimmer standen, schlich dieser sich zusammen mit seinen pelzigen Verbündeten in die Scheune und stahl den Sack der Säcke. Schon bald wurde das Fehlen des riesigen braunen Sackes bemerkt und eine Massenpanik machte sich breit." Beide fröstelten. "Es wurden Suchtrupps ausgeschickt, doch Eowyn war nicht dumm, voller Sorgfalt hatte er seine Spuren verwischt. Bis in die späte Nacht hinein suchten sie Verzweifelt nach dem Abtrünnigen. Wie konnte er nur so weit kommen? Es war keine Leichtigkeit, solch eine Masse an Geschenken zu befördern, und das auch noch unbemerkt. Aber Gott sei Dank, wir haben uns den richtigen Führer ausgesucht, wie du sicherlich weißt. Der Weihnachtsmann ist kein gewöhnlicher Mensch, er verfügt über den Zauber der Weihnacht. Und so schwang er sich in seinen Schlitten, Rudolph und sein restliches treues Gespann vorne dran, und erhob sich in die Lüfte. Mit bangen Blicken und den Herzen voller Hoffnung blickten sie ihm hinterher. Am späten Mittag, nach quälend vielen Stunden, kam er dann zurück, den Rücksitz voll bepackt und den Ausreißer neben sich. Dieser saß mit versteinerte Miene neben ihm und starrte mit glasigen Augen geradeaus. Auf die Frage, warum zur Hölle er das gemacht habe, Antwortete er zunächst nicht. Auf weiteres Gedränge hin, wandte er sich bloß ab. Letztendlich musste der Weihnachtsmann Eowyn schweren Herzens in die Menschenwelt verbannen, denn er hatte ihn nach wie vor lieb, doch wäre seit Anbeginn der Weihnachtsgeschichte das Fest zum ersten Mal ausgefallen. So etwas durfte er einfach nicht noch einmal riskieren. Stumm packte er also seine Sachen zusammen und machte sich auf den Weg in den Wald. Bevor er ging, drehte er sich noch einmal um und fragte: "Ist es das, was ihr wollt? Undankbaren Kindern noch mehr geben? Dann ist es gut, dass sich unsere Wege nun scheiden. Lebet Wohl." Danach hatte man ihn nicht wieder gesichtet." Und so endete ihre Erzählung. Siridean konnte nie verstehen, wie  Eowyn auf diesen Gedanken kam und sich so verbissen an ihn klammerte. Doch hoffte er inständig, dass sich so etwas nicht noch einmal ereignen würde. Vielleicht glückte es das nächste Mal und die vielen Kinder saßen Weihnachten vor einem Weihnachtsbaum, der keine Geschenke beherbergte. Seufzend blickte er Tristian und Arun bei der Arbeit zu. Erneut seufzend drehte er sich um und machte sich an die Arbeit.

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